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Neuer Kinofilm über Rassismus: Die Idioten vom Ku-Klux-Klan: Spike Lees neuer Film hält Amerika den Spiegel vor

Schwarzer Polizist unterwandert weiße Rassistentruppe: Für "BlacKkKlansman" hat Regisseur Spike Lee einen echten Fall von 1978 in einen sehr zeitgemäßen Protestfilm verwandelt.

Regisseur Spike Lee (l.) inszeniert ein Klan-Treffen

Regisseur Spike Lee (l.) inszeniert ein Klan-Treffen

Die Geschichte von Ron Stallworth klingt selbst nach 40 Jahren immer noch so irre, als hätte sie sich Hollywood ausgedacht.

Ein Afroamerikaner fängt in einer amerikanischen Großstadt bei der Polizei an, als erster Farbiger vor Ort. Begleitet von dummen Sprüchen bis hin zu offener Ablehnung im Revier. Doch der junge Mann hat Ambitionen, will Karriere machen als investigativer Ermittler. Also reagiert er, mehr aus Jux, auf eine Werbeanzeige des Ku-Klux-Klan in der Lokalzeitung und verkündet via Brief und Telefon seine angebliche Sympathie für die Rassisten. Die beißen an und wollen ihn einladen.

Überrascht und notgedrungen nimmt er einen weißen Kollegen, ausgerechnet einen Juden, mit ins Boot und schickt ihn zu den Treffen – als falschen Ron Stallworth, obendrein verkabelt. Der Klan: ahnungslos. Selbst der Chef-Neonazi David Duke geht ihm auf den Leim. Am Ende ist der doppelte Stallworth ein geschätztes Mitglied inklusive Urkunde und offiziellem Ausweis.

Spike Lee steht für Black Power

All dies ist in den Jahren 1978 und 1979 in Colorado Springs tatsächlich passiert. Der Regisseur Spike Lee, der für Black Power steht und für ein Kino der schwarzen Subkulturen ("Malcolm X", "Do the Right Thing"), aber auch für feines Hollywood-Handwerk ("Inside Man"), hat nun daraus einen Spielfilm gemacht. Die Schreibweise von "BlacKkKlansman" erinnert an den gebräuchlichen Kurznamen des Klans: KKK.

Die Geschichte spielt also in einer Zeit, in der junge Leute noch Hemden mit riesigem Kragen trugen. Und doch wirkt "BlacKkKlansman" (deutscher Start: 23. August), so zeitgemäß, als wäre er ein aktueller Kommentar in den "Tagesthemen".

Als Spike Lee fast fertig war mit seiner Arbeit, er saß gerade im Schneideraum, geschah in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia Unfassbares. Bei einem sowieso schon von Hassparolen und Ausschreitungen geprägten Aufmarsch der Rechtsextremen fuhr ein junger Weißer mit seinem Auto in die Menge der Gegendemonstranten. Was zunächst nach einem furchtbaren Unfall aussah, stellte sich schnell als Absicht heraus, als Terroranschlag. Eine Frau starb; es gab 19 Verletzte.

Kapuze mit Überraschung: Werbeplakat für Lees neuen Film

Kapuze mit Überraschung: Werbeplakat für Lees neuen Film

Der Kommentar von Präsident Donald Trump damals: Schuld an den Vorfällen trügen linke und rechte Extremisten gleichermaßen. Und: "Auf beiden Seiten gab es sehr gute Menschen." David Duke, mittlerweile 68 und immer noch einer der berüchtigtsten Hassprediger der USA, twitterte zurück: "Danke, Präsident Trump, für Ihre Ehrlichkeit und den Mut, die Wahrheit zu sagen."

Eigentlich wollte Lee seinen Film mit einem brennenden Kreuz vor dem Haus des Helden enden lassen, dem typischen Einschüchterungssymbol der Kapuzenmänner. Als Mahnmal und Warnung, dass der Klan und seine Anhänger weiter ihr Unwesen treiben. Unter der Einwirkung der Nachrichten entschloss er sich, die Bilder aus Charlottesville an den Schluss zu stellen. Und Trumps Zitat. Vorher holte er sich noch die Erlaubnis von der Mutter der Toten, der 32-jährigen Heather Heyer. Für Lee eine Heldin: "Sie ging für Bürgerrechte auf die Straße und musste deshalb sterben."

"Motherfucker"

Ein Drama über den Ku-Klux-Klan in den 70er Jahren taugt erschreckend passgenau als Folie für das Amerika von heute. Der Hass gegenüber Schwarzen, gegenüber anderen Ethnien und Glaubensrichtungen habe über die Jahre nur immer wieder sein Gesicht verändert, konstatiert Lee nüchtern. "Verschwunden ist er nie ganz."

Auch in Deutschland steht nach dem Rücktritt des Fußballers Mesut Özil aus der Nationalelf der Alltagsrassismus auf der Tagesordnung. Unter #MeTwo sammeln Betroffene ihre Erfahrungen mit rassistischen Kommentaren und Herabwürdigungen. Polizeistatistiken vermelden zudem immer mehr Straftaten gegen Juden. Der Antisemitismus ist wieder da.

Mit Afro-Locken gegen die Rassisten: John David Washington (l.) als Undercover-Ermittler mit seiner Filmfreundin

Mit Afro-Locken gegen die Rassisten: John David Washington (l.) als Undercover-Ermittler mit seiner Filmfreundin

Spike Lee ist mittlerweile 61 Jahre alt. Ein kleiner, gebückt gehender Mann, der nie ohne Kopfbedeckung sein Haus in Brooklyn verlassen würde und der eine Vorliebe hat für farbige Brillengestelle. Beim Interview mit dem stern gibt sich Lee, der Sohn eines Jazzmusikers und einer Lehrerin, zuerst gelassen, als er auf den aktuellen Präsidenten und dessen Wirken angesprochen wird. Dann redet er sich immer mehr in Rage. Grundsätzlich vermeidet er, den Namen Trump überhaupt in den Mund zu nehmen, als würde er damit seine Zunge beschmutzen, seinen Geist. Sein Spitzname für Trump: "Agent Orange", so hieß die Chemiewaffe, die die amerikanischen Truppen in Vietnam einsetzten. Wenig später beschimpft Lee Trump als "Motherfucker", als einen, der es nicht mal hinbekomme, die Rechtsextremen, den Klan und die neuen Nazis zu verdammen. "Er hätte einfach nur sagen müssen, dass wir viel besser sind als all das ..." Gerade weil die USA eine Nation seien, die errichtet wurde auf einem Genozid an den Ureinwohnern und auf der Sklaverei.

Dass sein neuer Film zur rechten Zeit kommt, daran hat Lee keine Zweifel: "Gerade wurden in unserem Land Familien auseinandergerissen und Kinder in Käfige gesperrt. So wie einst unsere Vorfahren auseinandergetrieben und verkauft wurden. So sieht die Welt aus, in der wir jetzt leben."

Dicht dran am Zorn

Relevant ist sein "BlacKkKlansman" auch künstlerisch. Zum einen, weil er einen etwas altmodisch anmutenden Unterhaltungskrimi erzählt, mit viel Esprit und einem schlitzohrigen Humor. Es gibt sogar eine Autoverfolgungsjagd. Zum Zweiten gelingt Lee die Rekonstruktion einer beunruhigenden Ära, in der Weiße ihre Weltherrschaft verteidigen wollen. Mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Und Lee bietet einem aufregenden jungen schwarzen Schauspieler erstmals eine große Bühne. Den lässigen Undercover-Ermittler spielt John David Washington, Jahrgang 1984, das älteste Kind des zweifachen Oscar-Preisträgers Denzel Washington und ehemaliger Profi-Football-Spieler. Adam Driver, bekannt aus der Serie "Girls" und den neuen "Star Wars"-Filmen, spielt den jüdischen Kollegen von Stallworth. Zudem gibt es einen erschütternd großartigen Gastauftritt von Harry Belafonte.

Spike Lees neuer Film"BlacKkKlansman" hält Amerika den Spiegel vor

Seit über 30 Jahren Vorkämpfer gegen Rassenhass: Regisseur Spike Lee in New York

Seit über 30 Jahren ist Lee immer sehr dicht dran am Zorn seiner farbigen Mitbürger, ihren Sorgen und Ängsten, ihren Ritualen und Alltagserlebnissen. Wie fühlt sich das an, schwarz zu sein in Amerika? Spike Lee schildert und zeigt das immer wieder sehr eindringlich. Nicht nur in Spielfilmen, sondern auch in Dokumentationen. Etwa über einen abscheulichen Bombenanschlag 1963 auf eine Baptistenkirche ("Vier kleine Mädchen") und über die Auswirkungen von Hurrikan "Katrina" 2005 auf New Orleans ("When the Levees Broke").

"BlacKkKlansman" könnte nun der relevanteste Film seiner Karriere sein. Beim Filmfestival in Cannes gewann er einen der Hauptpreise. Im Gespräch mit dem stern macht Lee sich lustig über deutsche Neonazis, die ihre Hakenkreuz-Tätowierungen an den Waden verstecken müssen in der Öffentlichkeit, anders als in den USA. "Die sollten am besten gleich zwei Paar weiße Socken übereinander tragen!", gluckst er. Vor Begeisterung über seinen eigenen Witz trampelt er mit den Füßen auf den Boden wie ein kleines Kind.

Knallcharge

Was ihm noch am Herzen liegt: Sein Film handele nicht nur von amerikanischen Verhältnissen. Der Aufstieg der Rechten, der Rassisten und Neonazis sei ein internationales Phänomen. "Wir müssen aufwachen, endlich unsere Stimme erheben", fordert er. "Wir erkennen doch alle noch den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, oder etwa nicht?"

Wie sehr Lees Film in die Gegenwart einsickert, zeigt eine andere Anekdote. Lee absolvierte einige Interviews zusammen mit dem echten Ron Stallworth, seit 2006 im Ruhestand. David Duke habe sich erst neulich bei ihm gemeldet, erzählte der. Weil er sich Sorgen mache, wie er im Film rüberkomme. Möglicherweise als Knallcharge, als Idiot? Und dann sagt Stallworth, wenn er ehrlich sei, sei Duke damals wirklich ziemlich dämlich gewesen. "Ich hatte bloß einen Highschool-Abschluss in der Tasche und 20 Stunden Unterricht am College. Und trotzdem konnte ich ihn zum Narren halten. Also, wenn das kein Idiot ist ..."

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