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Tag 4: Star-Carnevale di Venezia

Promi-Dichte in Venedig: Wie kein anderer Festival-Direktor lässt Marco Müller die Stars im günstigen Familienpack auflaufen. stern-Redakteur Bernd Teichmann berichtet exklusiv von den Filmfestspielen in Venedig.

Von Bernd Teichmann

So kann's einem auch ergehen, wenn man im Hotel seinen Fahrradschlüssel verliert. Da schleicht man in gebückter Fährtenleserhaltung die mächtigen Treppen des "Des Bains" hoch und scannt hochkonzentriert den dicken - natürlich filigran gemusterten - Teppichbelag ab, bis man plötzlich in den Schritt von Johnny Depp guckt. Wie hingebeamt steht er plötzlich da, murmelt ein "excuse me" und schon ist er wieder weg.

Mit solchen plötzlichen Begegnungen muss man in Venedig traditionell immer rechnen. Vor einigen Jahren etwa tippelte ein kleines, nasses Männchen in schlabberiger Badehose durch den Filmmenschen-Pulk auf der Excelsior-Terrasse, und wer genau hinsah, identifizierte den triefenden Zwerg als Roman Polanski. Oder man erhaschte Nastassja Kinski, die seelenruhig morgens um acht auf der Hauptstraße vor dem "Palazzo del Cinema" entlang joggte.

Wie kein anderer Festival-Direktor lässt Marco Müller die Stars auflaufen

Gerade erst gestern entging der Verfasser dieser Zeilen um Filmstreifenbreite einer höchstwahrscheinlich folgenschweren Kollision mit dem übergewichtigen Über-Produzenten Harvey Weinstein, der beim Versuch, einigermaßen lässig durch die Excelsior-Lobby zu walzen, mit dem rechten Fuß an der Teppichkante hängen blieb.

Besonders in diesem Jahr stehen die Chancen auf solche unheimlichen Begegnungen der dritten Art besonders gut. Wie kein anderer Festival-Direktor vor ihm lässt Marco Müller die Stars im günstigen Familienpack auflaufen: Al Pacino, Robert De Niro, Will Smith, Kate Winslet, Jeremy Irons, Tom Cruise, Angelina Jolie, Denzel Washington, Reese Witherspoon, Tim Robbins, Tom Hanks, Steven Spielberg, Meryl Streep, Nicole Kidman - Zustände fast schon wie bei der Oscar-Verleihung.

Bei den Aufführungen unspektakulärerer Beiträge bleiben viele Sitze leer

Das produziert Glamour und Aufmerksamkeit, sicher. Doch hinter den Kulissen lässt der eine oder andere verärgert die Zähne knirschen. Ein deutscher Verleiher etwa klagte darüber, dass ein üppiges Kartenkontingent für die Premierenabende an die Sponsoren gegangen ist, und die Gäste selbiger sich nur für die großen Blockbuster interessieren. Die Folge: Bei den Gala-Aufführungen unspektakulärerer Beiträge bleiben viele Sitze leer, was sowohl den Schauspielern, Regisseuren und Produzenten dieser Filme als auch jenen sauer aufstößt, die gerne dabei gewesen wären.

Zurück zu Johnny Depp. Kurz mal eingeflogen vom Set von "Charlie And The Chocolate Factory", des neuen Films seines kongenialen Regisseurs Tim Burton, präsentiert der zweifache Vater hier am Lido außer Konkurrenz Marc Fosters "Finding Neverland". Der hinreißende, auf Allan Knees Bühnenstück "The Man Who Was Peter Pan" basierende Film, erzählt vom erfolgreichen schottischen Autoren James Matthew Barrie (den Depp mit einer betörenden Sanftheit spielt) und den Ereignissen, die ihn zu seinem unsterblichen Kinder-Klassiker "Peter Pan, Or The Boy Who Wouldn’t Grow Up" inspirierten, der im Dezember dieses Jahres 100. Geburtstag feiert. Ein federleichtes, gnadenlos sentimentales, aber souverän austariertes Kino-Wunder - und willkommene Abwechslung zu den schwer verdaulichen Wettbewerbsbrocken aus Russland ("Udalionnyi dostrup"), Griechenland ("Delivery") und China ("Shijie"). Wirklich rührend, wie am Ende der Pressevorführung selbst die hartgesottensten, abgeklärtesten Filmjournalisten mit verheulten Augen den Saal verließen.

Seekranke Reese Witherspoon

Zum Schluss noch kurz eine kleine Ehrenrettung für Reese Witherspoon, die mir heute versicherte, dass sie nicht wegen der nächtlichen Bellini-Orgie mit Meryl Streep (wir berichteten gestern) ihre Einzelinterviews verschieben musste, sondern weil sie während der Fahrt mit dem Wassertaxi seekank geworden sei. Können diese riesigen blauen Augen schwindeln? Ach ja: Der Fahrradschlüssel ist übrigens auch wieder aufgetaucht. Er lag an der Rezeption. Wer ihn wohl gefunden hat? Johnny Depp etwa? Hier Venedig ist ja alles möglich.