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"The Voices" - Was haben Sie sich dabei gedacht, Marjane Satrapi?" "Der Film hat keine Moral. Das mag ich!"


Zum Horror-Komödien-Drama "The Voices" wird jeder eine Meinung haben. Denn so haben Sie Ryan Reynolds noch nie gesehen. Und das freut Regisseurin Marjane Satrapi. Sehr.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Marjane Satrapi ist ein Vulkan. Einmal angestupst, ist die leidenschaftliche Filmemacherin nicht zu bremsen. Selten machen Interviews so viel Spaß. Denn die 45-Jährige nimmt niemals ein Blatt vor den Mund. Egal ob es um anstrengende US-Schauspielerinnen oder Hitler geht.

Ihr neuestes Werk heißt "The Voices" und erzählt von einem schizophrenen Fabrikarbeiter, der seine Pillen nicht nimmt und sich in Datingfragen von einer bösen Katze und einem gutmütigen Hund beraten lässt, was mit abgeschnittenen Frauenköpfen im Kühlschrank endet.

Satrapi raucht. Ihre Augen funkeln.

What the fuck, Marjane!


Genau! What the fuck. Okay, ich habe "Persepolis" gemacht, danach wollte ich unbedingt diese Liebesgeschichte ["Huhn mit Pflaumen"] verfilmen, und dann kam dieses Skript. Ich sitze nicht an meinem Schreibtisch und denke: Jetzt mache ich was über einen Psychopathen, der mit seinen Tieren redet, drei Frauen ermordet und deren Köpfe in den Kühlschrank packt. Das ist nicht meine Welt, aber ich mochte die Geschichte, ich habe mich gefragt, warum ich so viel Mitgefühl für den Kerl habe...

Sie haben unter anderem gesagt: "Ich hatte solche Angst vor dem Skript, ich musste es machen".


Angst in dem Sinne, wie ich das zum Teufel umsetzen soll. Was für ein Genre ist das überhaupt? Alles auf einmal. Komödie, Horror, Drama. Wie soll ich da die Balance finden? Normalerweise bekommt man ein Skript und denkt "Ah, 'Bonnie und Clyde' Nummer 19". Als ich dieses Skript gelesen habe, dachte ich, so einen Film habe ich noch nie gesehen. Es erinnerte mich an nichts. Ich musste den Film einfach machen. Und er ist ein bisschen subversiv...

Ein bisschen??


Okay, sehr. Er hat keine Moral. Das mag ich. Ich erschrecke mich, weil ich gelacht habe. Darf ich hier lachen? Ich lache, aber ich schäme mich dafür. Ein guter Effekt.

Gibt es wirklich keine Moral?
Nein, ich mag Moral auch nicht. Ich mag Ethik. Moral ist etwas, das dir Pflichten auferlegt, ohne dir Rechte zu geben. Außerdem ändert sie sich dauernd. Eigentlich weiß doch jeder, was er tun darf und was nicht. Wir brauchen kein heiliges Buch, um zu wissen, dass man jemandem nicht ohne Grund ins Gesicht schlagen sollte. Dazu brauchst du keinen Propheten. Ich würde niemals jemandem Geld stehlen, aber wenn ich eine Familie hätte, die gerade verhungert, würde ich natürlich ein Stück Brot stehlen. Die Moral würde dir sagen, das ist schlecht. Die Ethik würde sagen, es ist in Ordnung. Nein, dieser Film hat keine Moral. Unsere Gesellschaft ist ohnehin schon viel zu moralisch.

Und es wird immer schlimmer. Die Moral erlebt ihr dickes Comeback.


Weil es wirtschaftlich nicht läuft. Also sind die Leute ängstlich. Und wenn du Angst hast, brauchst du Struktur, das Konservative. Heute haben die Leute vor allem Angst. Schon Kinder. Ich schwöre, ich habe in den USA eine 15-Jährige getroffen, die meinte "Was wird mit meiner Rente?" Ein 15-jähriges Kind! Und ich sagte "Vielleicht stirbst du mit 20 und brauchst keine Rente. Wie kannst du über dieses Thema überhaupt nachdenken? Mit 15! Ich denke darüber nicht mal nach, und ich bin 45."

Ist "The Voices" also auch ein Film gegen die Angst?


Es gibt keine Erlösung am Ende und all das. Gucken Sie sich das Kino heute an! Es gibt nicht einen verdammten Film, in dem eine Frau beschließt abzutreiben, und sie ist glücklich damit.

Das stimmt.


Sie drehen "Juno" und sagen, der ist toll. Wirklich?? Eine 15-Jährige bekommt ein Kind, gibt es einer Irren, und ihr Leben ist danach cool? Ich habe 15-Järhige gesehen, die Kinder bekommen haben, und deren Leben war im Arsch. Oder haben Sie eine einzige romantische Komödie gesehen, in der die Frau beschließt, dass sie nicht heiraten und auch keine Kinder haben will? Weil sie ihr Leben wirklich liebt. Nein! Sie heiratet, sie kriegt das Haus im Vorort, das Auto, die Hunde. Und das heißt dann glücklich. Deshalb: Projekte wie "The Voices" sind rar.

Glauben Sie, Gemma Arterton oder Anna Kendrick haben sich beim Dreh je unwohl gefühlt?


Nie. Bevor ich Anna und Gemma gefunden habe, habe ich auch andere Schauspielerinnen gesehen. Da war diese US-Schauspielerin, die wohl gelesen hat, dass ich aus dem Iran komme. Und dann hat sie die ganze Zeit über das schwere Schicksal der afghanischen Frau gesprochen. Oder eine andere, eine dicke Nummer im Independent-Kino. Wenn du mit ihr redest, weißt du, in dem Moment, wenn sie vor der Kamera steht, will sie die Kamera wonanders haben. Ich arbeite nicht mit Leuten, die mir Schwierigkeiten machen. Ich muss einen Film drehen, effizient sein, da kann ich mich nicht um Psychokrisen kümmern. Außerdem gibt es viele talentierte Schauspieler, die außerdem nett sind. Ich habe meinen Dream-Cast.

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Warum müssen wir Mitgefühl haben mit einem psychopathischen Killer?
Müssen wir nicht. Wir haben es oder auch nicht. Es ist kein Befehl. Ich mag den Kerl, weil ich in ihm einen kleinen Jungen sehe, der mit zwölf traumatisiert worden ist. Offensichtlich. Der Mann ist krank.

Ist "The Voices" nicht auch ein Film über das Leben?


Eben. Was erzählt die Story? Ein Typ, der ein bisschen gestört ist, versucht sein Bestes, schafft es nicht, und von da an geht's bergab. Eigentlich ziemlich alltäglich. Und wenn jetzt jemand sagt, der Film habe kein Genre: Das hat das Leben auch nicht. Du bist nicht immer nur traurig oder immer nur glücklich. Das Leben sind erweiterte Momente, es hüpft von Genre zu Genre. Ja, absolut, der Film bildet das Leben ab.

Weil niemand nur eine Sache ist.


Genau! Niemand ist nur ein Monster, niemand ist nur gut. Das gibt es nicht.

Gibt es also keine Monster?


Die Frage ist doch, warum ist jemand ein Monster. Weil er etwas Monströses tut. Manche Menschen sind so geboren worden. Da ist es genetisch. Tun sie es absichtlich? Nein. Vieles ist von der Gesellschaft geschaffen.

Aber denkt man das zuende, wäre auch Hitler kein Monster.


Ich hatte mal ein Foto von Hitler als kleinem Jungen. Ich habe es Leuten gezeigt, und die meinten: "Was für ein niedliches Kind." Erst dann habe ich gesagt: "Das ist Hitler." Ich will nicht alles erklären, aber bei jedem Mensch, den ich vor mir habe, stelle ich mir vor, dass er oder sie mal ein Kind war - mit roten Wangen und einem Ball in der Hand. Ich will nicht rechtfertigen, was jemand getan hat. Aber ich will wissen, was passiert ist, was dazu geführt hat. Wissen Sie, meine Familie wurde umgebracht, aber selbst der, der das getan hat, war mal zwei Jahre alt, hatte rote Wangen und spielte Ball. Was ist passiert? Und wenn ich das verstanden habe, dann kann ich nicht mehr seinen Tod wollen.


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