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Finale in Cannes: "Herzschlag-Preis" für deutschen Filmer

Ein Franzose gewinnt die Palme, Benicio Del Torro wird für seine Che-Verkörperung geehrt und dank neu eingeführter Kategorien gehen auch Alt-Recke Eastwood und der deutsche Filmer Andreas Dresen nicht leer aus. Ansonsten: Wenig Sonne, dafür viel Organisations-Chaos bei den 61. Filmfestspielen.

Von Bernd Teichmann, Cannes

Voilà, c'est fini. Die 61. Filmfestspiele in Cannes sind vorbei, und sie werden garantiert nicht als die sonnigsten in die Geschichte eingehen. Dazu aber später mehr. Rücken wir erstmal unsere Fliege zurecht, greifen uns ein Gläschen Champagner und sehen uns kurz genauer an, was Jury-Käpt'n Sean Penn und seine achtköpfige Besatzung - die Regisseure Rachid Bouchareb, Alfonso Cuaron, Apichatpong Weerasethakul, Schauspieler Sergio Castellitto, die Schauspielerinnen Alexandra Maria Lara, Natalie Portman und Jeanne Balibar, sowie die iranische Autorin Marjane Satrapi - im stillen Kämmerlein (das in Wahrheit eine mondäne Villa in den Hügeln über der Stadt ist) ausgebrütet haben.

Als Fatih Akins Nachfolger für den Drehbuchpreis votierten sie für die Dardenne-Brüder Jean-Pierre und Luc, die mit "Le silence de Lorna" zum vierten Mal an der Croisette weilten und zum vierten mal einen Preis abräumten. Durchaus verdient. Wie gewohnt widmen sich die beiden wieder den Außenseitern der Gesellschaft, konkret der gutmütigen Albanerin Lorna, die einen Junkie heiratet, um die belgische Staatsbürgerschaft zu erhalten, am Ende aber mit leeren Händen dasteht.

Und wie immer besticht auch diese Geschichte des Duos durch ihre Einfachheit, Sensibilität und intensive Beobachtung. Der Trumpf des Films ist Arta Dobroshi, die mit ihrer Verkörperung der Titelheldin eigentlich als klare Favoritin auf den Preis für die beste Schauspielerin gehandelt wurde, jedoch zugunsten der Brasilianerin Sandra Corveloni den Kürzeren zog. Eine eigenartige Entscheidung, denn die wahren Hauptdarsteller des Walter-Salles-Daniela-Thompson-Dramas "Linha de passe" um eine alleinerziehende Mutter und ihre vier Söhne sind eben diese Jungs. Corveloni indes agiert lediglich in einer größeren Nebenrolle.

Die Sprachlosigkeit des Benicio Del Toro

Über jeden Zweifel erhaben hingegen die Vergoldung von Benicio Del Toros Tour de Force als "Che" in Steven Soderberghs gleichnamigem, überlangen Revoluzzer-Porträt. Dass man auch Schauspieler dieser Klasse in die Sprachlosigkeit treiben kann, demonstrierte auf der anschließenden Pressekonferenz eine quietschige japanische Kollegin, deren obererer Teil ihres Thermosflaschen-großen Körpers in einem Che-T-Shirt steckte: "Tisjir Tschä Eitis Birsdei. Watdujusai?" Nach der dritten Dechiffrierungs-Stufe wusste dann auch der Befragte, was gemeint war, und die Reaktion auf die wenig originelle Frage, was er denn dazu meine, dass Che dieses Jahr 80 geworden wäre, gestaltete sich nach erstauntem Schweigen entsprechend pragmatisch: "Happy Birthday."

Die Wiedergeburt des italienischen Kinos

Einen Geburtstag, besser gesagt eine Wiedergeburt, scheint ebenfalls das (auch an dieser Stelle) so oft geprügelte italienische Kino zu feiern. Letztes Jahr überhaupt nicht im Wettbewerb vertreten, gingen jetzt gleich zwei Auszeichnungen ins Land von Fellini, Visconti und Antonioni: der Jury-Preis für "Il Divo", Paolo Sorrentinos messerscharfe Hinrichtung des ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, und der Grand Prix für "Gomorrah", Matteo Garrones schonungslose, episodenhafte Schilderung des Überlebenskampfes in einem neapolitanischen Wohnghetto.

Als Letzter im Wettbewerb um die Kurve gebogen und alle abgehängt hat Laurent Cantets mitreißende Bestandsaufnahme des französischen Bildungssystems, die eigentlich für jedes Land gültig sein könnte. Regisseur und Jury-Mitglied Apichatpong Weerasethakul verriet den Journalisten später, dass er am liebsten eine Kopie von "Entre les murs" an den Bildungsminister in die thailändische Heimat schicken möchte, um ihm klar zu machen, wie existenziell eine gute Schulbildung für eine funktionierende Demokratie ist.

Klassentreffen auf der Siegerbühne

Als Sean Penn den Film als Gewinner der Goldenen Palme verkündete, avancierte die Verleihzeremonie kurzerhand zum Klassentreffen: Cantet hatte seine 25-köpfige Darstellerriege mitgebracht - 24 Eleven einer Pariser Schule und François Bégaudeau, der die Buchvorlage verfasste und den idealistischen Lehrer spielt.

Interessanter Mikro-Trend dieses Jahr übrigens: Die Erfindung neuer Preise. Fatih Akin, Jury-Vorsitzender der Nebenreihe "Un certain regard", kreierte gleich mehre neue Auszeichnungen, darunter auch den "Heart Throb Jury Prize" für seinen deutschen Kollegen Andreas Dresen und dessen Ü-70-Romanze "Wolke 9" Und weil Clint Eastwoods großartiges Drama "The Exchange" wohl zu sehr Hollywood für eine reguläre Belohnung war, Sean Penn aber seinen alten Freund auch nicht übergehen wollte, bedeutete dies die Geburtsstunde des "Prix Special du 61.", den sich Dirty Harry dann mit Catherine Deneuve teilen durfte. Ein paar Kandidaten hätten auch wir so nebenbei noch im Angebot:

•Ups!-Award: Kulturstaatsminter Bernd Neumann für seinen Versprecher auf dem Empfang des Deutschen Films. Aus Fatih Akin wurde "Fuckie Akin"
•Bad Taste Prize: Die hässlichen silbernen Festivaltaschen, die aussehen wie der Kulturbeutel von Ziggy Stardust
•Prix de Worst PK: Madonna zu ihrer Doku "I am Because We Are". 150 Kollegen standen in einem muffigen Raum des Majestic Hotels kurz vorm Erstickungstod, weil trotz mieser Luft die Türen zu blieben
•Palme d'Olala: Franka Potente, die bei der "Che"-Pressekonferenz erst übergangen wurde, dann bei der Beantwortung der Frage, wie denn der Dreh mit Steven Soderbergh gewesen sei, so aufgeregt war, dass sie plötzlich anfing, über die Pinkelgewohnheiten der Crew zu plaudern

Fazit des Abends: Plansoll erfüllt. Schließlich hatte ja Sean Penn zu Beginn des Festivals schon angekündigt, dass Filme von politischer Relevanz durchaus gute Chancen auf eine Auszeichnung hätten. Ein Attribut, das allerdings auf so ziemlich jeden der gezeigten Filme zutraf. Indiana Jones, Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona", der animierte DreamWorks-Spaß "Kung Fu Panda", das satirische Festival-Finale "What Just Happened" - gute Laune herrschte hier nur außer Konkurrenz. Ansonsten hieß es: Bonjour Tristesse. Das Wetter schien dieses Jahr den Ton vorzugeben: Wolkengrau statt Himmelblau. Bleischwere Kost im Wettbewerb, während die schrecklichen Naturkatastrophen in Birma und China zusätzlich aufs Gemüt schlugen.

Gleichzeitig waren viele Kollegen bereits am zweiten oder dritten Tag zu schwerer Körperverletzung aufgelegt, weil die Arbeitsbedingungen sich immer grotesker gestalten. Interviews wurden reihenweise verschoben, gekürzt oder gleich gestrichen, wichtige Filme teilweise nur einmal vorgeführt, und von dem auf einer unergründlichen Logik basierenden Wirrwarr mit den unterschiedlichen Akkreditierungen wollen wir gar nicht erst wieder anfangen. Sogar auf dem erfolgsverwöhnten Filmmarkt herrschte Ernüchterung. Mittelprächtige Kinoumsätze, steigende Werbekosten, das sinkende Interesse der TV-Sender an Kinoware und der schwache Dollar ließen die Käufer vorsichtiger und wählerischer werden.

Da passt es dann ja hervorragend ins Gesamtbild, wenn einem am letzten Tag das Fahrrad geklaut wird. Doch wir wollen nicht verzagen. Morgen ist auch noch ein Tag. Und in einem Jahr das 62. Festival de Cannes. Dann scheint bestimmt wieder die Sonne. Bis dahin: salut.