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Til Schweiger: Biedermann mit Macho-Witzchen

Die Witze sind flach, seine schauspielerischen Fähigkeiten begrenzt, trotzdem lockt Til Schweiger mit Komödien wie "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" Millionen ins Kino. Was macht ihn so erfolgreich?

Von Sophie Albers

Die Geschichte von "Zweiohrküken" ist Patchwork mit Nähten so krumm und dick, dass die Charaktere dauernd darüber stolpern. Die Witze sind so flach, dass man sich beim Lachen das Kinn aufschrubbt. Und wenn Ludo (Til Schweiger) und Anna (Nora Tschirner) miteinander fertig sind, bleibt so ein ähnliches Gefühl wie nach einer Mario-Barth-Show. Man hat gelacht, aber warum eigentlich? Nein, Til Schweigers neues Werk, das schon am Startwochenende über eine Million Zuschauer in die Kinos gelockt und die Vampirsaga "New Moon" vom ersten Platz verdrängt hat, ist kein eleganter Film, will er auch gar nicht sein. Allerdings offenbart er endlich, warum der Mann mit dem kantigen Kinn und der knödeligen Stimme der erfolgreichste Filmschaffende Deutschlands ist, wo er doch so vielen als Nervensäge gilt. Das hat erstaunlicherweise mit Fröschen und Feuchtgebieten zu tun. Aber fangen wir erstmal mit der Fassade an:

Das Phänomen Til Schweiger

Da sitzt er. Im Augenblick offensichtlich zu glücklich, um asketisch zu sein. Ein strahlender Blick wie der Kerl in der Jever-Werbung, und man kann regelrecht sehen, dass Schweiger am Anfang seiner Karriere Bilder von Paul Newman an der Wand hängen hatte. Wenn man erwartet, dass jemand zickig ist, ist er es meistens auch, aber Til Schweiger bemüht sich. Hin- und hergerissen zwischen dem Spiel, die Medien mit Informationen zu füttern, das zum Job des Promis gehört, und der "Ich scheiß auf euch"-Attitüde, die er gegenüber Kritikern und Institutionen gerne auflegt, will er doch gefallen. Wollte er schon immer: seinen Eltern, seinen Lehrern, den Mädchen. "Ich war immer ein artiges Kind, habe nie Frösche aufgeblasen oder sowas", offenbarte Schweiger 1994.

Seitdem er sich der Tierquälerei enthalten hat, ist es sehr schnell gegangen mit der Karriere. Schweiger machte Abitur, brach ein Medizinstudium ab, nahm ein Schauspielstudium auf, war Jo Zenker in der "Lindenstraße" und avancierte über Nacht zum Sexsymbol, weil er nackt auf einem Wohnzimmertisch hockte ("Der bewegte Mann", 1994, 6,5 Millionen Zuschauer). "Ich wollte nie ein Star sein", wehrte Schweiger ab, forderte aber damals schon: "Wir müssen Filme machen, die die Leute sehen wollen, keine Kunst, sondern Unterhaltung". Richtig, das klingt nach Bernd Eichinger, Schweigers Freund und Mentor, der seinen ersten Kinofilm "Manta, Manta" (1991, knapp eine Million Zuschauer) produzierte.

Barth, Gottschalk, Schweiger

Weil Schweiger schon mit Ende 20 das Meiste von dem, was er sagt, bierernst meinte, fing er bald damit an, seine Vorstellung von Unterhaltung umzusetzen. "Seit 1996 mache ich, was ich will", sagt er, und meint damit Drehbuch, Produktion, Regie und manchmal auch Schnitt bei Filmen wie "Knockin' on Heaven's Door" (1997, 3,5 Millionen Zuschauer), "Der Eisbär" (1998, 733.000 Zuschauer), "Barfuss" (2005, 1,5 Millionen Zuschauer) und natürlich - sein bisher größter Erfolg - die Geschichte vom Macho Ludo und der stoffeligen Kindergärtnerin Anna, "Keinohrhasen" (2008, 6,3 Millionen Zuschauer).

Wegen der letzten Zahl gibt es nun die Fortsetzung: "Zweiohrküken", dazu brauchte es nicht mal ein neues Motiv fürs Filmplakat. Til Schweiger zieht eben. So wie Barth oder auch Thomas Gottschalk, bei dem Schweiger gerade auf der "Wetten, dass...?"-Couch saß. Der moderiert immer noch die größte TV-Show Europas, obwohl er seit Jahren niedergeschrieben wird, weil die Zoten zu zotig, die Anbaggerei schmerzfrei und das Gerede zu selbstherrlich sei.

Wie bei Til Schweiger haben die Kritiker damit zu ringen, dass es offensichtlich ein Publikum gibt, das sich nach eben dieser Zotigkeit sehnt. Das sich eine für jedermann durchschaubare Welt wünscht, in der alles in schwarz und weiß zerfällt: Menschen sind gut oder böse, die Flasche ist voll oder leer, die Brust ist klein oder groß, der Schwanz zu kurz oder zu lang und die Scham buschig oder komplett rasiert. So sieht Tils Welt jedenfalls in "Zweiohrküken" aus. Das Ergebnis der Größen- und Längenvergleiche ist allerdings immer das gleiche: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen, aber leider brauchen sie einander für den Sex - homosexuelle Liebe hat Schweiger schon in "Keinohrhasen" ausgeschlossen. Zu den beeindruckendsten Zitaten gehört diesmal: "Frauen sind wie Hundepfeifen", irgendwann würden Männer das Gekeife ob der Tonlage nicht mehr hören. Und tatsächlich, keine einzige weibliche Figur in "Keinohrhasen" oder "Zweiohrküken" taugt für eine Frau mit Verstand zur Identifikation. Sorry, Nora Tschirner.

Die Anti-"Feuchtgebiete"

In Tils Welt regiert ein Machismus aus alten Tagen, noch vor 1994, als Schweiger sich mit den Worten zitieren ließ, dass ihn karrieregeile Frauen nerven. Frauen sollten lieber blond und ehrlich sein und ihre Grenzen kennen, so der Schauspieler. Gedanken, die wohl ein Großteil der männlichen Bevölkerung immer noch hin und wieder denkt, sich aber nicht auszusprechen traut. Ein Mann ist ein Mann, weil er sich am Sack kratzen kann, weil er fremdgeht, und weil er über der Frau steht, weil das eben schon immer so war. Und das findet Frau auch noch gut und richtig, weil sie ihn dafür ja lieben darf.

Til Schweiger kommt so gut an, weil er eine Gesellschaft propagiert, die es zum Glück nicht mehr gibt, die aber offensichtlich viele vermissen. Und nicht nur Männer. "Zweiohrküken" sind die Anti-"Feuchtgebiete". Zwar sind Fäkalien und Körperlichkeit auch hier ein großes Thema, aber eben auf die Pennälerhumor-Art. Charlotte Roche hätte den Kot ausgepackt den Schweiger durch den Film trägt, und ihre Achselhaare waren echt. Schweiger durchbricht keine Grenzen, weil er wie viele andere Menschen lieber gar nicht wissen will, was auf der anderen Seite ist. Zumindest nicht in seinen zugegeben sauber inszenierten Unterhaltungsfilmen.

Die Welt könnte so schön und das Leben so einfach sein, wenn es nicht die Kritiker gebe, die Schweiger immer wieder erklären, dass seine Werke so nahrhaft seien wie Weißbrot. Aber auch dafür hat Schweiger eine schnelle Lösung: Er fährt die Nörgler in "Zweiohrküken" einfach über den Haufen, zumindest einen Zeitschriftenverkäufer samt Stand und Schild, auf dem steht: "Die 40 nervigsten Kritiker". Das kommt also davon, wenn man als Kind keine Frösche aufbläst.