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Tom Cruise in Berlin: "Thanks for the pasta"

Tschüß Knut, Berlin hat ein neues Maskottchen. Seit Tom Cruise als Hitler-Attentäter Claus Schenk von Stauffenberg vor der Kamera steht, ist die Hauptstadt in Hysterie verfallen. Ein Frontbericht aus Berlin.

Von Hannes Ross

Eigentlich würde Wolfgang Nitschke jetzt gern plaudern. Aber er darf nicht. "Das gehört zum Ehrenkodex", sagt er. Dann lächelt er vieldeutig und nippt an seinem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Nitschke, ein grauhaariger älterer Herr mit Brille, ist kein BND-Informant. Er ist der Direktor des Hotels "The Regent", und seit zwei Monaten wohnt Tom Cruise in seinem Haus in der Charlottenstraße 49, Berlin-Mitte.

Wolfgang Nitschke ist nun auch ein kleiner Star, wenigstens für die Zeit, in der Cruise in Berlin ist. Er ist der Herbergsvater des bestbezahlten Hollywoodstars. Rund um die Uhr belagern Fotografen sein Hotel. Den Haupteingang, die Tiefgaragenausfahrt, das Lieferantentor. Ein Angestellter des Hotels versichert sogar, er habe einen Reporter beim Durchwühlen des Hausmülls erwischt. "Ich dachte, da sucht ein Penner Leergut, aber nichts da. Der war auf der Suche nach Cruise-Abfällen."

Berlin, eine Stadt im Tom-Cruise-Wahn. Kaum ein Tag vergeht ohne eine Schlagzeile. Die beiden großen Berliner Boulevardzeitungen "Bild" und "BZ" haben "Cruise-Teams" gebildet, die sich um das Hollywood-Ehepaar Cruise-Holmes kümmern. Gedruckt wird alles, sei es noch so banal: Cruise geht den Eisbären Knut anschauen - und besorgt dabei einen Leih-Kinderwagen, Preis drei Euro. Cruise geht Schokolade am Gendarmenmarkt einkaufen - während des Bummels stibitzte Tochter Suri beinahe eine Konfektkiste. Ehefrau Katie Holmes geht shoppen - nach anderthalb Stunden kauft sie sich eine braune Lederjacke. Viel Lärm um nichts.

Der bekennende Scientologe Cruise, der innerhalb seiner Sekte den Rang eines "Operierenden Thetans" der Stufe 7 einnimmt und demnach Herrscher über Raum, Zeit, Materie und Energie ist, scheint vor allem eines zu beherrschen: das Spiel mit den Medien. Die Diskussion, ob ein notorischer Scientology-Promoter wie er mit seiner Darstellung des Widerstandskämpfers Stauffenberg die Integrität der historischen Figur untergräbt, ist verstummt, seit der Thetan in Berlin gelandet ist. Jetzt geht es um andere Fragen: Wo und was isst der Thetan, wenn er nachts in Berlin ausgeht? "Die Welt" druckte als Service bereits einen "Tom Cruise"-Stadtplan.

Auch über Nitschkes Hotel stehen jetzt seltsame Dinge in der Presse. Angeblich habe Cruise Wände einreißen lassen und belagere drei Etagen. Wenn man Nitschke danach fragt, hebt er die Augenbrauen und schaut, als habe man ihm gerade ein unmoralisches Angebot gemacht. Dann sagt er: "So ein Quatsch, aber mehr erfahren Sie von mir auch nicht. Da können Sie Handstand machen!"

"Richard Gere und Julia Roberts gingen ein und aus bei mir."

Das mit dem Handstand erledigt sich aber, wenn man Nitschke fragt, ob er einen Maulkorb von Tom Cruise erhalten habe. Diese Bemerkung führt zu einem leidenschaftlichen Monolog: "Mir verpasst niemand einen Maulkorb! Ich arbeite seit Jahrzehnten im Hotelgeschäft - und ich kenne die Stars. Tom Cruise kenne ich noch aus meiner Zeit aus Los Angeles. Ein toller Kerl ist das! Kennen Sie das ‚Whilshire Century'? Das ist das Hotel, in dem 'Pretty Woman' gedreht wurde. Ich habe die Dreherlaubnis erteilt. Richard Gere und Julia Roberts gingen ein und aus bei mir."

Vor seinem Hotel wollte Nitschke einen "Walk of Fame" auf dem Gehweg anlegen. Die Stadt hat das verboten. Typisch deutsch, sagt Nitschke. Wahrscheinlich wünscht er sich in diesem Moment zurück in das "Whilshire Century" in Los Angeles.

Das Vorzimmer von Klaus Wowereit im Roten Rathaus strahlt die Ruhe eines Sanatoriums aus. Die Sekretärin schiebt Aktenordner von links und nach rechts, ein Personenschützer versinkt in einem schwarzen Ledersofa. Er liest die "Bild"-Zeitung. Dem Verknitterungsgrad des Papiers zufolge nicht zum ersten Mal. Eine Tür geht auf, und eine Frau steckt ihren Kopf herein. "Christina, haben wir noch Mäppchen mit kleinen Fensterchen?" Dann ist es wieder totenstill. Zehn Minuten Interview hatte der Pressesprecher zugesagt, zehn Minuten zum Thema Tom Cruise. Jetzt öffnet sich die Tür zum Zimmer 107, und Klaus Wowereit begrüßt den Gast wie Wirt Günni in der Berliner Eckkneipe "Durst und Wurst": "Na, was macht die Kunst?"

Wowereit, bekleidet mit SPD-roter Krawatte und Union-schwarzem Anzug, wirft sich lässig in die Sitzecke seines Büros. 2004 war Cruise zum ersten Mal beim Regierenden, damals trug er sich in das Gästebuch der Stadt ein, es gab schöne Fotos von Wowereit und Cruise, auf denen sie sich anstrahlen. "Wir hatten Angst, dass die Hollywoodproduktionen nach Polen abwandern, aber wir haben hier die bessere Logistik und den historischen Background", sagt er. Wowereit macht jetzt vieles möglich. In den vergangenen Tagen unternahm die Leipziger Straße am Potsdamer Platz eine Reise in die Nazi-Zeit. Mit Wehrmachtsfahrzeugen, Flak-Geschützen und Männern in Uniform. Beim Dreh stürzten elf Komparsen von einem Lastwagen. Und die Boulevardpresse hatte ihre Schlagzeile: "Echtes Blut beim Cruise-Film".

Klaus Wowereit, der überall bereitsteht, wo ein Hollywoodstar anwesend ist, verhielt sich im Fall Cruise bislang verdächtig ruhig. Warum? "Natürlich ist das eine Gratwanderung bei Cruise. Einerseits ist er ein geschätzter Schauspieler, andererseits ein krasser Propagandist für Scientology. Egal, wie man sich verhält, es ist nie richtig", sagt er. Zu einem Abendessen habe er Tom Cruise bereits getroffen, aber der Anlass war nicht der Star, sondern der Regisseur Roland Emmerich.

Wowereit weiß um die Macht von Tom Cruise.

Tom Cruise, versichert Wowereit, sei ein sympathischer Mann. Nicht einmal sagt er das, sondern viermal. Wowereit weiß um die Macht von Tom Cruise, der mit seiner 80-Millionen-Euro-Produktion eine Menge Geld und vor allem weltweite Aufmerksamkeit in die Stadt bringt. Mit 4,8 Millionen Euro beteiligt sich der Deutsche Filmförderfonds an dem Film, Arbeitstitel "Valkyrie".

Alessandro ist stolz auf dieses schwarze Buch, es ist so groß wie ein Flachbildschirm. Er hält es in den Händen wie Moses die Steintafel mit den Zehn Geboten. Es ist später Abend im "Bocca di Bacco" in der Friedrichstraße 167 in Berlin, und Alessandro, der Chef des Hauses, sitzt am Tisch neben dem Eingang und blättert in seinem Gästebuch. Kofi Annan hat ein Bild hineingemalt, ebenso Lukas Podolski und Robert de Niro. Die Zeichnungen sind meist unverständlich, wilde Striche und Punkte, entstanden aus Verlegenheit, um die riesigen Seiten zu füllen. George Clooney hat vor Aufregung "Grazze" statt "Grazie" geschrieben. Tom Cruise war jetzt schon viermal hier.

"Hier wird jeder gleich behandelt."

Heute sind sogar zwei Hollywoodstars zu Gast. Hinten links, an einer langen Tafel mit Kerzen, sitzt Matt Damon. Niemand der Gäste nimmt ihn wahr. "Das ist unser Markenzeichen", sagt Alessandro, "hier wird jeder gleich behandelt." Im ersten Stock des Restaurants hat es sich Tom Cruise mit seiner Gefolgschaft gemütlich gemacht. Eben ist Alessandro zu Matt Damon gegangen, hat sich über dessen Schulter gebeugt und ihm vertraulich ins Ohr geflüstert. "Matt, Tom Cruise ist auch hier. Soll ich euch zueinander führen?" Aber Matt wollte nicht.

Dann steht Tom Cruise auf einmal vor mir

Auf einmal wird es still im Restaurant. Das Geplapper an den Tischen verstummt, die Bestecke hören auf zu klappern. Ein kleiner, schwarz gekleideter Mann durchquert das Restaurant. Er lächelt und zeigt seine blendend weißen Zähne. Alessandro wirft die Arme in die Luft, wie es nur italienische Wirte können. "You have to go?", fragt er mit schmerzerfülltem Tonfall, als stünde er am Sterbebett seiner Mutter. "Yes, my good friend", sagt Tom Cruise. Dann steht Tom Cruise auf einmal vor mir. Vielleicht denkt er, ich gehöre zum Personal. Er schaut zu mir herauf, greift meine Hand und drückt sie fest mit beiden Händen. "Thanks, the pasta was fantastic", sagt Tom Cruise. Dann dreht er sich um und winkt zum Abschied. Die Gäste winken wie Kinder zurück.