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Toronto International Film Festival: Halbzeit mit Fast Food und Alten Meistern

Filmgrößen an jeder Straßenecke und in den Sälen Kino-Erlebnisse der Extraklasse: Das Filmfestival in Toronto ist für Seele und Geist ein Vergnügen, für den Körper Anstrengung pur. Eine Halbzeitbilanz.

Von Bernd Teichmann, Toronto

Warum sollte es ausgerechnet hier anders sein, dieses typische Festivalhalbzeitgefühl? Das Gehirn ist ein aufgedunsener Bildersalat. Hals und Nase komplett sind gefriergetrocknet vom gnadenlosen Geblase der Klimaanlage in den Kinosälen. Der Rest des Organismus ist völlig überzuckert, weil zwischen den Vorführungen oft nur 20 Minuten Zeit zur Nahrungsaufnahme bleiben. Den Zuschlag erhalten dann meist zwei Cookies plus Cappuchino plus Banane statt Vollfettpommes, Labbernachos oder sonstige Magen-Terroristen, die eher im Baumarkt, Abteilung Dämm-Material, verkauft werden sollten. Auf gewisse Weise ist Toronto der Fast-Food-Gourmet-Schuppen unter allen Filmfestivals dieser Welt. Hier gibt's alles im Überfluss: sehr gute, gute und passable Filme; Stars, die allesamt locker den hiesigen SkyDome füllen könnten; Partys, deren Anzahl selbst Paris Hilton reif für einen Wellness-Urlaub machen würden.

Repräsentativ dafür der Dienstag. Von einem Historiendrama über die Verurteilung der Mörder von US-Präsident Lincoln ("The Conspirator") ging es mit Rachel Weisz als hartnäckiger UN-Polizistin nach Bosnien auf die Jagd nach Mädchenhändlern in den eigenen Reihen ("The Whistleblower") und danach kurz auf einen Imbiss in die Filmmakers-Lounge, aus der plötzlich Regisseur Guillermo Del Toro ("Hellboy") herauswalzt und sich in eine Limousine plumpsen lässt. Zurück ins Kino, "Legend of The Fist. The Return of Chen Zhen" anschauen, der neue Film von "Infernal Affairs"-Regisseur Andrew Lau.

Wieder raus, kurz zum Pressefach-Check ins Festivalhotel Park Hyatt, neben dem frisch eröffneten TIFF-Zentrum Bell Light Box, wo einem plötzlich Regisseur Ivan Reitman entgegenmarschiert. Auf dem Weg nach Hause vorbei an der Roy Thomson Hall, Location für die meisten Gala-Premieren. Vor dem Hintereingang steht in Smoking und mit Zigarette: Paul Giamatti. Bizarrer Höhepunkt schließlich der Kauf einer Flasche Wasser im Lebensmittelladen gegenüber der eigenen Herberge: Der Besitzer erzählt, dass die etwas ins Abseits geratene Oscar-Preisträgerin Faye Dunaway tatsächlich im selben Hotel wohnt, erst gestern habe sie hier Getränke gekauft. Wahrscheinlich heißt das Zimmermädchen Angelina Jolie.

Tage im Zeichen der alten Meister

Doch wir schweifen ab. Halbzeit. Normalerweise kommt jetzt die übliche Zwischen-Prognose, wer wohl den Wettbewerb und die anderen Preise gewinnen könnte. In Toronto gibt's es aber weder einen Wettbewerb, noch irgendwelches Edelmetall zu vergeben, was die Angelegenheit weitaus ungezwungener macht. Stattdessen standen die vergangenen Tage vor allem im Zeichen der alten Meister. Martin Sheen zum Beispiel, Hauptdarsteller in "The Way", dem Familiendrama seines Sohnes Emilio Estevez. Bemerkenswert nicht nur die schauspielerische Leistung des einstigen "West Wing"-Präsidenten, sondern auch sein Auftreten in Toronto: Als die Angestellten seines Hotels Royal York Fairmont für Festverträge und bessere Bezahlung streikten, stellte er sich solidarisierend dazu, gab Autogramme und proklamierte, dass er das Haus auch verlassen würde, wenn er damit ein Zeichen setzen könnte.

Künstlerisch für Aufsehen sorgte Clint Eastwood, der mit "Hereafter" erneut unter Beweis stellte, dass er mit seinen 80 Jahren noch immer frischer und moderner ist als viele seiner jüngeren Kollegen. Brillant konstruiert vom englischen Drehbuchautor Peter Morgan ("The Queen"), verknüpft das übersinnliche Drama mit Matt Damon und Cécile de France die Schicksale dreier Menschen und ihre Erlebnisse an der Nahtstelle von Leben und Tod. Weniger überraschend, aber durchaus packend der bereits erwähnte "The Conspirator". Mit seiner Geschichtsstunde über eine zweifache Mutter (Robin Wright), die weniger aus Gerechtigkeit sondern zur Beruhigung der Öffentlichkeit am Galgen endet, weil sie angeblich am Mordkomplott gegen Abraham Lincoln beteiligt gewesen sein soll, präsentiert sich Regisseur Robert Redford einmal mehr als das liberale Gewissen Amerikas.

Neben Hongkong-Ikone Tsui Hark (mit seinem furiosen Martial-Arts-Abenteuer "Detective Dee and the Mystery of the Phantom Flame"), den beiden Briten Ken Loach (mit dem etwas unausgegorenen Anti-Kriegs-Thriller "Route Irish") und Mike Leigh (mit der warmherzigen Beziehungsstudie "Another Year"), sowie dem Franzosen Alain Corneau (dessen Wirtschafts-Thriller "Love Crimes" sein letzter Film sein sollte; er starb am 29. August) waren auch Woody Allen und sein jüngstes Werk bei den Tagen der Legenden vertreten. Die aktuelle Folge der seit über drei Dekaden laufenden Serie "Jedes Jahr ein neuer Film" trägt den Titel "You Will Meet a Dark Stranger" und beobachtet unter anderen Naomi Watts, Anthony Hopkins, Josh Brolin und Freida Pinto bei der Bewältigung diverser Gefühlsbeben und Lebenskrisen. Auch wenn diese Episode eher mittelmäßig ausgefallen ist, geht es natürlich weiter. "Ich weiß nicht, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen soll", sagt Woody Allen.

Nun, er könnte sich zum Beispiel ein paar Festivalfilme anschauen. Rund 120 davon stehen noch auf dem Programm. Er sollte aber vorher auf jeden Fall etwas Vernünftiges essen und Nasentropfen dabei haben.