Toronto-Tagebuch, Erster Teil Zeitlich zurück und trotzdem vorne dran

Während das Filmfestival von Venedig mehr und mehr an Glanz verliert, reichen sich Stars wie Brad Pitt und George Clooney beim Toronto International Film Festival die Klinke in die Hand. Und nicht nur der Stars wegen hat Toronto inzwischen die Nase vor dem italienischen Konkurrenten.
Von Matthias Schmidt, Toronto

Gott, was für ein lahmes, provinzielles Festival! Ein missratener Film nach dem anderen. Anstrengende Mittelmäßigkeit und ein unbedingter Kunstwillen, der am Ende jedes noch so aufregend konstruierte Handlungsgerüst zum Einsturz bringt. Das schlechteste Programm seit Jahren, das sich immer weniger Fachbesucher antun wollen und selbst die Stars machen inzwischen des Öfteren einen Bogen um die Stadt.

So in etwa lautet der Tenor der Venedig-Berichterstattung der vergangenen Tage. Der Lido baut seit Jahren ab, obwohl demnächst an einem neuen Festivalpalast gebaut wird. Der Glanz des ältesten Filmspektakels der Welt wird zusehends matter, auch weil man sich inzwischen im eigenen Land Konkurrenz macht, mit einer finanziell wohl gepolsterten Gegenveranstaltung in Rom.

Zeitlich zurück und trotzdem vorne dran

Wie gut also, dass wir nicht nach Venedig gefahren sind. Dieses Jahr und letztes auch schon nicht. Wir sind in Toronto, Ontario, Kanada, Nordamerika. Bei der 33. Ausgabe des Toronto International Film Festival, hier überall nur liebevoll TIFF genannt. Zeitlich gesehen sechs Stunden hinter der Lagune von Venedig zurück und trotzdem vorne dran. Denn seit einigen Jahren gilt TIFF als Startschuss für die noch frische Oscar-Saison. Weshalb viele der großen amerikanischen Studios ihre Qualitätsware am liebsten in Toronto vom Stapel laufen lassen.

Zum einen, weil der nordamerikanische Heimatmarkt für sie immer noch der wichtigste ist, forget Old Europe. Zum anderen, weil das filmverliebte Publikum von Toronto als wunderbarer Hausfrauentest für die kommenden Preisverleihungen taugt. Oder wie der Regisseur Kevin Smith, der hier seine neue Tabubruch-Komödie "Zack And Miri Make A Porno" vorstellt, es gerade formuliert hat: "Die Leute hier rümpfen über fast nichts die Nase. Der Film, der hier durchfällt, muss ein echtes Problem haben."

Was für ein Empfang!

So begeben wir uns also in den Landeanflug auf Toronto, weitläufige Millionenstadt am Ontariosee. Statt enger, labyrinthischer Lagunenwege, Rialtobrücke und Dogenpalast nähern wir uns einem Wolkenkratzerwald mitten im indianischen Sommer. Das Wetter erstaunlich heiß und schwül, also ähnlich wie auf dem Lido um diese Jahreszeit. Doch anstelle von Wassertaxis donnern hier SUV-Herden über zehnspurige Autobahnen, die sich auf einer Fläche kreuzen so groß wie das Saarland. Ein Schild leuchtet "Hooters", ein anderes ruft "Niagara Falls 115 km". Was für ein Empfang!

Das Festival selbst: Erstaunlich gelassen. Viele Amerikaner und Kanadier, wenige Mexikaner und noch weniger Europäer sitzen ab 9 Uhr morgens pausenlos im Kino. Gut, manchmal zu gut klimatisierte Kinos, aber durchgehend bequem bestuhlt. Die Einlasser freundlich, manchmal zu freundlich. Keine Taschenkontrollen wie in Cannes oder Venedig, dafür hat man an den Seiten Aufpasser mit Nachtsichtgeräten postiert, die während des Films fleißig nach Piraten fahnden. Im Saal ist sogar Popcorn erlaubt, eigentlich ein No-No bei den großen Filmfestivals. Weil's den Kunstgenuss stört und es viel zu lange dauert, die Kinos zwischen den eng getakteten Vorstellungen wieder sauber zu bekommen. Hier wird dennoch gemampft.

Produktionen, die auch in den Kinos landen

Jetzt kommt die Stelle, an der wir eigentlich über Filme schwärmen sollten. Filme, die - auch das ein krasser Gegensatz zu anderen Festivals wie Venedig - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit demnächst tatsächlich in einem Kino in ihrer Nähe laufen werden. Viele britische und nordamerikanische Produktionen, die von bekannten Regisseuren mit etablierten und durchstartenden Stars besetzt sind, die tatsächlich alle TIFF ihre Aufwartung machen und sich feiern lassen: Von Guy Ritchie, Gerard Butler und Thandie Newton über Ricky Gervais und Greg Kinnear zu Queen Latifah und Dakota Fanning bis zu den unvermeidlichen Brad Pitt und George Clooney. Und das nur in den beiden ersten Tagen.

Aber, und das ist ein ziemlich großes ABER: Viele Filme im TIFF-Programm sind genauso missraten oder anstrengend mittelmäßig wie auf anderen Festivals. Auch hier muss man sich erst einmal durch vier lahme Stücke kämpfen, vom unkritischen Publikum trotzdem beklatscht, bis man auf einen rundum gelungenen Film trifft.

Im Schnelldurchlauf:

Passchendaele

Kriegsschmonzette über eine besonders blutige Schlacht im Ersten Weltkrieg, bei der Tausende von kanadischen Soldaten ihr Leben ließen. Der teuerste kanadische Film aller Zeiten macht bei den Grabenkriegsszenen eine gute Figur, der Rest ist grauenhafter Herzschmerzkitsch rund um einen standhaften Helden (Paul Gross, der kanadische Mel Gibson), seine Geliebte und deren Bruder.

Ghost Town

Geisterschabernack, den selbst der geniale britische Komiker Ricky Gervais (The Office) nicht rehabilitieren kann. Er spielt einen misanthropen Zahnarzt, der nach einer OP plötzlich Tote sehen kann und lernt, die Menschen zu lieben. Klingt seltsam, ist es auch und nur jeder dritte Scherz funktioniert.

The Brothers Bloom

Betrügerschwank über ein ausgefuchstes Brüderpaar, das an die Millionen einer gelangweilten Erbin ran will und trotz großartiger Besetzung (Adrien Brody, Mark Ruffalo, Rachel Weisz und, kein Scherz, Maximilian Schell) an seiner eigenen Wes Anderson-Verliebtheit scheitert. Brillante Szenen im Wechsel mit unglaubwürdigen Charakterschwankungen und Posertum.

Nick & Norah's Infinite Playlist

Teenieromanze um ein gebeuteltes Außenseiterpaar (Michael Cera und eine TV-Nase), das sich auf der Suche nach dem Geheimkonzert einer Kultband eine Nacht in New York um die Ohren schlägt. Vorhersehbar vom ersten Zungenkuss und von hinten bis vorne mit hipper Popmusik zugemüllt. Macht auf voll authentisch und jugendlich und wirkt umso spießiger.

Und schließlich, endlich, dem Herrn sei's getrommelt:

Rachel Getting Married

Eigentlich oft erzählte Geschichte über Fluch und Segen von Familie, eingebettet in die Hochzeit der ältesten Tochter, die durch die gerade aus der Junkie-Reha-Klinik entlassene jüngere Schwester gestört wird. Regisseur Jonathan Demme (Das Schweigen der Lämmer) hat daraus mit digitaler Handkamera fast einen Dogma-Film gedreht, der oft wirkt wie ein echtes Hochzeitsvideo, von der ersten Sekunde an bewegt und bannt und der mit Anne Hathaway eine schwer Oscar-verdächtige Hauptdarstellerin präsentiert.

Der letzte Film lief übrigens ein paar Tage zuvor auch - in Venedig. Hmm.

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