Venedig-Tagebuch Tim Burton bringt frischen Wind an den Lido


Die drei neuen Festival-Beiträge konnten nur wenig überzeugen. Eigentlich ein verschenkter Tag - wäre da nicht der geniale Tim Burton gewesen.

Als Festival-Seismologe neigt man ja gern mal zur Symbolik: Nach Ende der Pressekonferenz zu "Corpse Bride" pfiff plötzlich ein steifer Wind ums Casino. In der Tat ist Tim Burtons gruftiges Stop-Motion-Märchen die frische Brise, die wir Kino-Knechte hier gelegentlich brauchten. Das hatte man schon am Applaus und den Bravo-Rufen der Journalisten messen können, der Burtons Truppe beim Besteigen der PK-Bühne entgegen gebrandet war. Drei Minuten lang. Während das Puppenspiel von Hollywoods dunklem Ritter außer Konkurrenz für sonnige Gemüter sorgte, präsentierten sich drei der Löwen-Aspiranten wie das aktuelle Wetter: grau und bewölkt.

Die Portugiesen etwa, die außer ihrem 96-jährigen Vorzeige-Saurier Manoel de Oliveira (ebenfalls im Wettbewerb mit "Espelho Magico") offenbar nicht viel zu bieten haben, schickten Joao Botelho und seine träge Diderot-Adaption "O Fatalista" ("Der Fatalist") auf den Lido. Die Geschichte eines Chauffeurs, der auf einer langen Autofahrt seinem Boss von seinen zahlreichen Liebesaffären berichtet, landet bereits nach knapp 20 geschwätzigen, dröge-erotischen und minder humoristischen Minuten im Straßengraben. "Da wir in Portugal weder viel Geld für Filme haben, noch einen richtigen Markt", analysierte Bothelo selbstbewusst, "sind wir noch in der Lage, ohne irgendwelche Zwänge solche ungewöhnlichen Filme zu machen." Selber Schuld, wer das als gute Nachricht begreift.

Betuliche Inszenierung und ständige Off-Kommentare

Eine herbe Heimniederlage kassierte indes der italienische Regisseur Roberto Faenza, dessen Ehe-Drama "I giorni dell’abbandono" ("Die Tage des Verlassenseins") nach jeder der Vorführungen verbal zerhäckselt wurde. Der Grund für die Wut-Tiraden mag weniger in der Tatsache liegen, dass der Film eine schon x-mal durchdeklinierte Story bereit hält, sondern vielmehr, dass er dieser absolut nichts Neues abzugewinnen vermag. Sie schildert den Absturz einer zweifachen Mutter, die Knall auf Fall von ihrem Mann verlassen wird. Die von Margherita Buy zugegebenermaßen sehr gut gespielte Frau durchleidet die plötzliche Leere in ihrem Leben, den Verlust ihrer Liebe und das logistische Chaos einer plötzlich Alleinerziehenden, um am Ende daraus gestärkt und bereit für einen neuen Mann herauszugehen. Die betuliche Inszenierung mal außen vor gelassen, nerven vor allem die ständigen Off-Kommentare der Hauptfigur. Warum nur muss dem Publikum immer nochmal erzählt werden, was er gerade auf der Leinwand sieht? Und das auch noch mit Kaffeesatz-psychologischem Unterfutter, sowie Ein- und Ansichten, die nicht mal ein Kalenderblatt-Verlag drucken würde?

Etwas eleganter, aber auch nicht gerade ideal, die Variante, die der Franzose Laurent Cantet wählte: Er lässt seine Figuren in kurzen Passagen gleich direkt in die Kamera von sich erzählen. Über ihre sexuellen Phantasien, ihr Leben, ihre Wünsche und Sehnsüchte. Und warum sie jedes Jahr in ein haitianisches Strandhotel fahren, um sich fernab von ihrem tristen Alltag gegen Geld und Geschenke von jungen, knackigen, schwarzen Einheimischen verwöhnen zu lassen. Das friedliche Sex- und Spaß-Paradies bekommt Risse, als eines Tages die verhuschte US-Mittvierzigerin Brenda (Karen Young) anreist, die hier vor drei Jahren mit dem charmanten Beach-Adonis Legba ihren ersten Orgasmus feierte, und der nun vor allem der Bostoner Französisch-Professorin Ellen (Charlotte Rampling) zu Diensten ist.

Das Verhältnis der beiden Frauen wird zunehmend angespannter, weil sich Brenda tatsächlich in den Jungen verliebt hat, und Ellen sich dadurch eingestehen muss, dass er ebenfalls mehr als nur ein attraktives Spielzeug für sie ist. Angesiedelt in den späten siebziger Jahren, kurz vor Ende des Regimes des gefürchteten Diktators "Baby Doc" Duvalier, bekommt "Vers le sud" ("Richtung Süden") eine bedrohliche, politische Note, die den Film über das Maß einer bloßen Sex-Tourismus-Studie hinausgehen lässt. Dass sowohl Cantet als auch Young und Rampling beteuern, bei der Arbeit an dem Film nicht an diese Art von Prostitution gedacht zu haben, irritiert allerdings ein bisschen. Dennoch funktioniert dieses Drama recht gut als erhellender Beitrag über den oft erlebten Clash und die Unsicherheit zwischen Touristen und Einheimischen, sowie die Faszination weißer Frauen aus den westlichen Industrienationen für den vermeintlich wilden schwarzen Mann. Besser und subtiler jedenfalls als Hermine Hundgeburths Bestseller-Verfilmung "Die weiße Massai", die dieser Tage in Deutschland anläuft.

Neue Preisverdächtige hat der heutige Tag nicht hervorgebracht. In den Kritiker- und Publikums-Charts der italienischen Kino-Zeitschrift Ciak zieht nach wie vor George Clooney mit seinem schwarzweißen Polit-Drama "Good Night and Good Luck" einsam seine Bahnen, gefolgt von "Sympathy for Lady Vengeance" des südkoreanischen "Old Boy"-Regisseurs Park Chan-wook. In drei Tagen ist Löwen-Nacht. Bis dahin wünschen uns noch viel Sonne und einige starke Böen.

Bernd Teichmann


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