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Hörbuch-Tipp

Katharina Fuchs - Neuleben: Als Frauenfeindlichkeit noch deutsche Tugend war

Wer heute zugewanderten Familien ein archaisches Frauenbild vorwirft, braucht nicht weit in die deutsche Geschichte zu schauen, um ähnliche Strukturen zu entdecken -  sogar rechtlich abgesegnet.

Hörbuch-Tipp Neuleben von Katharina Fuchs

Die Fünfziger in Deutschland. In der schönen heilen Welt hatten Frauen nicht viel zu sagen. Der Mann war per Gesetz der Patriarch der Familie. 

Getty Images

Worum geht es?

Das Amt des Bundeskanzlers hat seit nunmehr 15 Jahren eine Frau inne, auch das Bundesverteidigungsministerium wurde von einer Frau geleitet, eben jener, die gerade die Präsidentin der Europäischen Kommission ist. Und eine Frau steht an der Spitze der Europäischen Zentralbank EZB. Sicher, es gibt noch viel zu tun, insbesondere in der Wirtschaft. Zwei von drei Unternehmen in Deutschland werden von Männern beziehungsweise rein männlich Vorständen geführt.  

Doch in der Justiz, von jeher eine Männerdomäne, geben Frauen seit zehn Jahren den Ton an. Im Wortsinn. So wurde Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann von einer Frau verurteilt. 2009 jagte eine Staatsanwältin erfolgreich den obersten Postbeamten Klaus Zumwinkel wegen Steuerhinterziehung und zwei Jahre später brachte eine Frau einen Vorstand der BayernLB hinter Gitter. Heute werden mehr Richterinnen als Richter berufen. In der Strafverfolgung stellen sie bereits die Mehrheit. Über die Hälfte der Richter unter 40 Jahren sind weiblich.

Den meisten Bundesbürgern erscheint das heute als völlig normal. Mehr noch: Viele regen sich gar über das streng traditionelle Frauenbild und das ausgeprägte Patriarchat zugewanderter Familien aus dem arabischen Raum auf. Ein gutes Zeichen. Denn noch vor 60 Jahren hielt "Mann" in Deutschland eben eine echte Gleichberechtigung von Mann und Frau für ausgeschlossen, ja für geradezu widernatürlich.

Kurz reinhören

Das ist die Geschichte des Romans "Neuleben". Autorin Katharina Fuchs erzählt die wahre Geschichte ihrer Tante, die eine der allerersten Vorsitzenden Richterinnen Deutschlands war und die ihrer Mutter, einer Modemacherin. Berlin 1953, der Krieg ist seit acht Jahren vorbei und die Bundesrepublik gerade einmal vier Jahre alt. "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" steht weit vorn im Grundgesetz.

Ein Paragraph dem Jahrzehnte lediglich die Bedeutung einer Redewendung innewohnte. So jedenfalls erleben es Theresa Trotha und ihre Schwägerin Giesela. Beide Frauen wollen mehr, als sich in die Hausfrauenrolle zu fügen. Theresa studiert Jura, peilt ein Prädikatsexamen an, um Richterin werden zu können. Nicht nur ihr Professor macht ihr die Universität zur Hölle, ihre ausschließlich männlichen Kommilitonen wirken kräftig mit. Ganz in der Tradition der erzkonservativen Justiz der Weimarer- und Nazizeit, hielten die männlichen Juristen Frauen für zu gefühlvoll und daher weder zur Objektivität noch zur Härte fähig.

Giesela weiß schon früh um ihr Gespür für Mode. Sie erkennt Trends, entwickelt sie weiter, zeichnet die Schnittmuster und schneidert ihre Kreationen selbst. Ihre Karriere scheitert fast an ihrem Mann und der Rechtslage der damaligen Zeit. Als "Oberhaupt" der Familie kann er den gemeinsamen Wohnort bestimmen, seiner Frau die Arbeit verbieten und ihr die Weiterbildung untersagen. Frauen durften kein eigenes Bankkonto eröffnen, Kredite aufnehmen oder überhaupt größere Geschäfte abschließen. Wenig gute Rahmenbedingungen für eine talentierte Modemacherin.

Autorin Katharina Fuchs nimmt die Hörer mit auf eine authentische Zeitreise, bei der einem wegen der nach heutigen Maßstäben offen gelebten Frauenfeindlichkeit mehr als einmal der Atem stockt.

Wer liest?

Zwei weibliche Hauptrollen, zahlreiche männliche Protagonisten im Alter von 20 bis 70, sind eine Herausforderung für die Leserstimme. Kein Problem für Tanja Fornado. Sie verleiht den beiden Hauptdarstellern Theresa und Giesela ganz eigene Farben, so dass sie vom Hörer gut auseinander gehalten werden können. Und selbst die schwierigen Männerrollen intoniert die Berlinerin mit italienischem Hintergrund glaubwürdig.

Für wen lohnt das Hörbuch?

Wer im Fernsehen "Kuhdamm 56" mochte und die Hörbücher "Unsere wunderbaren Jahre" oder "Familiengeschichte" von Peter Prange schätzt, der liegt bei "Neuleben" und dem Vorgängerroman "Zwei Handvoll Leben" von Katharina Fuchs genau richtig. Der besondere Reiz beider Romane ist der Bezug auf den tatsächliche Familienhintergrund der Autorin. Und wer zu den Baby-Boomern gehört, taucht damit auch ein wenig in die Geschichte seiner eigenen Eltern ein.

Henry Lübberstedt