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"Art Berlin Contemporary": Berlins neue Kunstschau

Berlin ist auf dem Weg zur Kunstmetropole. Auf einer neuen, ehrgeizigen Show sollen sich die internationalen Sammler tummeln. Bei der "Art Berlin Contemporary" zeigen 44 Hauptstadt-Galeristen auf 9000 Quadratmetern Skulpturen und Rauminstallationen. Das Experiment könnte klappen.

Von Anja Lösel

Es war ein Experiment, und ganz gelungen ist es nicht. Aber doch fast. "abc" heißt dieses Experiment, sprich Äi- Bii -Sii . Es bedeutet "art berlin contemporary", und so richtig weiß keiner, was es eigentlich sein soll: Verkaufsmesse, Kunstausstellung oder Leistungsschau der Berliner Galerien. Nur Bruno Brunnet von der Galerie Contemporary Fine Arts hatte schon vor Wochen eine feine Neuübersetzung parat: "Asbach mit bisschen Cola". Soll heißen: Uralte Idee mit ein paar spritzigen Neuigkeiten. Und das trifft es ziemlich genau.

Brandneu ist die Skulptur von Daniel Richter: "Who's afraid". Der Künstler hat zum allerersten Mal im Leben eine Skulptur gemacht und findet es selbst ein wenig kurios, wie sie entstanden ist. "Ich hatte da noch ein paar Reste vom Bühnenbild für die Salzburger Festspiele", sagt er. Die nagelte er zu einem kunterbunten Raum zusammen, stellte ein paar ausgestopfte Füchse hinein, vom Bruder eigenhändig geschossen, setzte den Tieren Tirolerhüte auf und bandagierte jedem ein Bein. Das war's dann. "Wenn sich's verkauft, mache ich noch mehr davon." Daniel Richter ist eigentlich Maler. Berühmt wurde er mit großformatigen Katastophenbildern, Sammler zahlen für seine Werke sechsstellige Beträge, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass er nun fremdgegangen ist und eine Skulptur gemacht hat, werden sie ihm verzeihen. Es war Richters einzige Möglichkeit, bei der "abc" mitzumachen, denn nur Skulpturen und Rauminstallationen sind hier erwünscht.

Im Alten Postbahnhof am Gleisdreieck haben 44 Berliner Galeristen parallel zum etablierten "Gallery Weekend" eine ehrgeizige Show auf die Beine gestellt: auf eigenes Risiko, finanziert nur von den Machern selbst. In der Ecke zwischen Tiergarten und Kreuzberg schlagen normalerweise nur ein paar Golfer ihre Übungsbälle in die Gegend. Jetzt aber drängen Kunstliebhaber aus der Hochbahn, fährt ein Taxi nach dem anderen vor die 9000 Quadratmeter große Halle.

Ein gewaltiges Sammelsurium

Es ist ein seltsamer Zwitter aus Messe und Ausstellung, den die beiden Geschäftsführer Martin Klosterfelde und Alexander Schröder erfunden haben. Sie wollen der Kunstwelt zeigen, dass sie mehr können und Besseres zu bieten haben, als sie normalerweise in den kleinen Boxen der Kunstmessen zeigen können. 4000 Euro pro ausgestelltem Künstler musste jede der eingeladenen Galerien bezahlen. Weil alle zeigen können, was sie wollen, ist nun ein gewaltiges Sammelsurium zu sehen.

Max Hollein, Direktor der beiden Frankfurter Museen Schirn und Städel, spricht von einem "Potpourri" der Kunst: viel Gutes, manch Mittelmäßiges und ein paar richtig überflüssige Sachen gebe es hier. Was denn genau findet er schlecht? Das will er lieber nicht sagen.

Aber eigentlich kann es jeder selbst sehen. Weil die Halle sehr imposant und hoch ist, können sich nur wirklich große, kräftige Arbeiten durchsetzen. Das Hamsterrad von John Bock etwa, ein weißes Ungetüm aus Sperrholz, das mitten im Raum steht. Wer Lust hat, darf eine schmale Leiter hinaufsteigen und mit dem Künstler zusammen auf Tour gehen. Vor allem jüngere Frauen wagen das Abenteuer im Rad und kommen ziemlich überdreht wieder raus aus der Kiste.

Gleich daneben steht eine Art Riesenzelt, genäht aus Hunderten von bunten Hemden, Hosen und T-Shirts. Die Chinesin Yin Xiuzhen hat es sich ausgedacht und mit Hilfe von arbeitslosen Näherinnen in Chemnitz zusammengefügt. Durch ein paar Löcher kann man ins Innere lugen, wo noch die Nähmaschinen herumstehen und Reste von Kleidern, alle gespendet von Chemnitzer Bürgern. Eine melancholische Erinnerung an die Vergangenheit der Stadt als Textil-Zentrum.

So schön und so beliebig

Beeindruckend auch die Arbeit des Briten Simon Starling. Eigentlich ist es nur eine schlichte, weiße Wand mit ein paar seltsamen Löchern und Dellen. Die hat ein gelbes Modellflugzeug geschlagen, das der Künstler wieder und wieder dagegen fliegen ließ, bis es kaputt und lädiert am Boden liegenblieb: Symbol für das vergebliche Anrennen gegen die Widrigkeiten des Alltags. Wer mag, darf natürlich auch eine Anspielung auf den 11. September darin sehen. Das ist ja das Gute an Kunst: Jeder darf sich dazu denken, was er mag.

So schön und so beliebig ist die ganze Ausstellung. Man wandelt umher, guckt da ein Video über eine Opernsängerin und dort eins über einen Arbeiter, der riesige, gelbe Schwefelbrocken zu Tal tragen muss. Betrachtet die imposante, 30 Meter lange Holz-Skulptur von Carl Andre oder die wunderbar poetischen Spiral-Skulpturen von Albrecht Schäfer, die aus verdrehten Aluminium-Jalousien bestehen.

Kleinere, zarte Kunst gibt es auch, aber die nimmt man kaum wahr in der riesigen Halle. Auf die Neon-Arbeit von Fiete Stolte etwa, die ungeschützt auf dem Boden liegt, treten immer wieder Besucher, so dass mehrmals eine Röhre ausgewechselt werden muss.

Die künstlerische Leiterin Ariane Beyn wollte die Halle eigentlich frei halten von Raumteilern. Aber Sylvie Fleurys schöne Arbeit "Walking on Carl Andre" würde ohne Raum gar nicht funktionieren: Da sieht man nur ein paar Metallplatten am Boden, dazu tönt das penetrante Klappern von Stöckelschuhen. Und sofort entstehen Bilder von schönen Beinen im Kopf des Betrachters, aber auch von harten, bedrohlich spitzen Absätzen.

Die internationalen Sammler blieben fern

Welche Galerie nun welches Kunstwerk aussuchte, aus dem Lager holte oder auch speziell für die Ausstellung anfertigen ließ, kann man nur erahnen – oder sehr umständlich in der sperrigen Ausstellungszeitung nachschlagen. Die Galeristen halten sich bewusst im Hintergrund, um ja nicht den Eindruck einer Messe zu erwecken. Denn gegen die ungeliebte, nicht sehr erfolgreiche Berliner Art Forum mit ihren engen Boxen, ewig gleichen, weißen Wänden und ermüdend langen Gängen möchten viele von ihnen rebellieren.

Die großen, internationalen Sammler wollten sie anlocken mit ihrer Schau und ihnen das neue Konzept "abc" präsentieren: frei, offen, zwanglos. Dumm nur, dass die meisten der umworbenen Kunstkäufer etwas anderes vorhatten, sich lieber auf den Vernissagen von New York und Paris herumtrieben oder schlicht und einfach noch im Urlaub waren. So tummeln sich auf der "abc" vor allem Berliner Sammler und Kunstfreunde. "Mit großen Verkäufen rechnen wir nicht", sagt Nicole Hackert von der Galerie Contemporary Fine Arts. Die Stimmung ist trotzdem gut. Am Eröffnungsabend bereiteten die Berliner sich selbst eine prima Party mit Bier, Champagner und Würstchen vom Szenelokal Grill Royal.

Und als am Ende auch noch die Sängerin Peaches in der Stretch-Limousine vorfährt, unter dem stählernen Aufbau der Hochbahn aussteigt, die Neon-Schrift "Capitalism Kills Love" von Claire Fontaine auf dem Dach liest und einen lässigen Auftritt hinlegt – da fühlt man sich fast wie in den guten, alten Aufbruchszeiten, als das ganze Berliner Leben eine einzige, große Party war.

Die Ausstellung "Art Berlin Contemporary" läuft bis zum 7. September von 10 bis 20 Uhr im alten Postbahnhof in Berlin