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Anish Kapoor: Blutspuren im Hitlerbau

Urvieh oder Maschine? Ungeheuer oder Roboter? Was sich da im Moment durch das Münchner Haus der Kunst frisst und fräst, windet und wühlt, ist eine Ungeheuerlichkeit. Aggressiv und aufregend, schrecklich und wunderbar. Und vor allem: ziemlich eklig.

Von Anja Lösel

Der britisch-indische Künstler Anish Kapoor hat das Monster gebaut: Groß wie ein Güterwaggon, wabbelig, weich und blutrot drückt sich das fiese Ding durch die Räume des 1937 eingeweihten Nazibaus. Langsam, lautlos, unaufhaltsam. In eineinhalb Stunden durchmisst es auf Schienen drei Räume. Vor allem wenn es sich durch eine der meterhohen, schmale Türen mit der Marmorumrandung quetscht, halten alle den Atem an. Denn dann lässt das Kunstvieh große Batzen der roten Wachs-Vaseline-Masse fallen, beschmutzt den edlen Steinfußboden des Nazigebäudes und hinterlässt eine blutige Schleimspur an Decke und Seitenwänden.

Vielleicht ist es das beste Kunstwerk, das der indisch-britische Bildhauer Anish Kapoor jemals gemacht hat. Dabei ist er schon seit vielen Jahren einer der ganz Großen des Kunstbetriebs. Vor wenigen Wochen, auf der Messe Art Basel Miami Beach, wechselte eine seiner gigantischen Spiegelskulpturen für 1,2 Millionen Dollar den Besitzer. Von denen stehen auch ein paar in der Münchner Ausstellung. Die Besucher begucken sich darin, machen Faxen, wundern sich, warum sie sich selbst plötzlich auf dem Kopf sehen oder in Hunderte von kleinen Waben aufgesplittet. Auch Kapoors Experimente mit strahlend gelben, blauen oder roten Farbpigmenten sind wunderschön.

Angeekelt und fasziniert zugleich

Aber der 40 Tonnen schwere rote Fettblock schlägt alle anderen Kunstwerke. Trauben von Menschen stehen davor, sind angeekelt und fasziniert zugleich. Fotografieren, gucken, gruseln sich. Nein, anfassen soll man das Ding auf keinen Fall. Aber insgeheim tut es dann doch fast jeder. Man muss einfach fühlen, wie weich und fies die rote Schmiere ist. Wie sie sich an die Finger heftet, klebt ­– und dann den ganzen Tag über nicht mehr loszuwerden ist.

Brutal und rücksichtslos walzt sich das Kunst-Vieh durchs Hitler-Haus, beschmutzt und erniedrigt, durchdringt und vergewaltigt es. Ja, es hat auch etwas von einem sexuellen Akt, wenn der rote Block sich durch genau die Räume schiebt, die Hitler 1937 mit einer Schmährede auf die Moderne eröffnete und in denen er Kübel von Hass ausgoss über Künstler wie Max Beckmann, Ernst Kirchner oder Emil Nolde. Das Haus der Kunst, so empfinden es viele immer noch, ist Stein gewordene Brutalität und das vielleicht wichtigste Symbol für die Bilderstürmerei der Nationalsozialisten.

Dass Anish Kapoor ausgerechnet hier mit seinem roten Brecher eindringt, der wie ein Güterwaggon aussieht und auf Gleisen fährt, gibt dem Ganzen auch noch eine weitere, besonders bedrohliche Seite: die der Judendeportationen. Eigentlich hatte der Künstler das zunächst gar nicht im Sinn gehabt. dann aber musste er "akzeptieren, dass der Bau dem Werk diese Dimension aufzwingt." Aber irgendwie passt es auch, denn seit dem 11. September beschäftigen Anish Kapoor zunehmend "Brüche, Facetten, Abgründe". Die Wachsarbeit, so sagt er, war "vielleicht der erste Ausdruck davon", das Material "ist so weich, vergänglich, organisch, es sieht aus wie rohes Fleisch." "Svayambh" heißt die Arbeit übrigens. Das kommt aus dem Sanskrit und bedeutet "selbst erzeugt". Tatsächlich scheint das Kunstwerk Eigenleben entwickelt zu haben. Es ist wohl doch ein Tier. Ein Nazis fressendes Ungeheuer. Anish Kapoor. Svayambh. München, Haus der Kunst, bis 20. Januar