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Ausstellung "Kapoor in Berlin": Das Dröhnen der Kanone - im Museum

Eine Kanone, die roten Schmodder ins Eck schießt und ein braunes Ungeheuer, das fatal an unselige Zeiten erinnert - der Londoner Künstler Anish Kapoor zeigt in Berlin seine bisher größte Ausstellung.

Von Anja Lösel

Dunkelrot und zäh ist das Zeug, das auf den Fußboden klatscht. Wie geronnenes Blut sieht es aus, eklig und dickflüssig. Patsch. Und wieder: Patsch. Immer größer wird der schmierige Berg im Lichthof des Martin-Gropius-Baus, immer wilder spritzt und kleckert die rote Masse herum.

Ausgedacht hat sich das Anish Kapoor, 59, einer der wichtigsten Künstler der Welt, in Indien geboren, seit 40 Jahren in London zu Hause. In Berlin zeigt er 70 Werke, fast die Hälfte davon neu.

Im Untergeschoss des Museums brodelt das rote Wachs in großen Bottichen. Hier wird die fiese Masse in Blöcke gegossen, von hier aus schickt Kapoor sie los, quer durchs Museum. Auf Förderbändern klettert sie hoch und immer höher, fast bis unter die gläserne Kuppel des prächtigen Lichthofes. Langsam geht das, quälend und zäh. Die Besucher stehen und warten, jeder will mal einen Block runterklatschen sehen, aber das dauert. Kapoor: "Es ist wie ein Theaterstück."

Fast stiehlt die spektakuläre Arbeit den andere Kunstwerken die Show: den raffinierten Spiegelskulpturen, vor denen man grübelt, warum das eigene Bild mal auf dem Kopf steht und mal richtig herum zu sehen ist. Den optischen Täuschungen mithilfe von Farbpigmenten. Den wuchernden Zementbergen. Aber mindestens eine Arbeit ist stark genug, sich zu behaupten: "Shooting into the Corner". Das liegt vor allem am ohrenbetäubenden Lärm. Alle 20 Minuten lädt eine Museumsmitarbeiterin die Kanone mit einer roten Farbkugel. Es kracht und zack klatscht eklige rote Masse in die Ecke. Aggressiv ist das, gewalttätig, aber auch sexy. "Die Kanone ist der Penis und die Ecke die Frau, auf die er zielt", sagt Anish Kapoor. Aber denkt man bei Kanonen nicht eher an Krieg und Blut? "Ja, klar, alles ist möglich."

Berlin kennt Kapoor erst seit der Wende - ohne Mauer. Dass die Grenze zwischen Ost und West direkt vor dem Martin-Gropius-Bau verlief, weiß er trotzdem genau. Er hat sich die Mauerreste in den letzten Tagen immer wieder angesehen und auch die freigelegten Folterkeller der SS gleich nebenan, die heute zur Gedenkstätte "Topographie des Terrors" gehören. "Man kann hier nicht anders als an die deutsche Geschichte denken", sagt Kapoor.

Deshalb liegt da auch noch dieses braune Ungeheuer im Museum. Wie ein schlapper Wal hat das faltige Vieh sich breit gemacht, drei Museumsräume verstopft es mit seiner welken Haut. "Leviathan" heißt der Bursche. Traurig, müde und krank sieht er aus, womöglich sogar tot. "Das ist der Staat", sagt Kapoor. Der Nazistaat? "Nein, irgendeiner. Man könnte an Europa denken. Sehen Sie die Melancholie?"

"Kapoor in Berlin", Martin-Gropius-Bau, 18. Mai bis 24. November