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Chinesische Avantgarde-Kunst: Von Mao-Kult bis Coca-Cola

Seine Kunstleidenschaft führte ihn in die dunkelsten Hinterhofateliers. Der Schweizer Botschafter Uli Sigg sammelt seit 15 Jahren chinesische Avantgarde-Kunst. 300 der oft im Verborgenen entstandenen Werke sind erstmals in Deutschland zu sehen.

Von Mao-Kult über Coca-Cola-Zeichen bis zur Kapitalismuskritik: Die weltweit bedeutendste Sammlung chinesischer Gegenwartskunst ist erstmals in Deutschland zu sehen. Unter dem Titel "Mahjong" zeigt die Hamburger Kunsthalle rund 300 Werke aus der Sammlung des Schweizers Uli Sigg. "Die Sammlung gibt einen Überblick über ein Vierteljahrhundert chinesischer Avantgarde (1979-2005), der in dieser Dichte und Qualität alles bisher Gesehene übertrifft", sagte Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner am Dienstag in Hamburg. Die Schau zeige die chinesischen Künstler auf ihrer Suche nach der eigenen Identität "zwischen Kommunismus und Konsumismus".

Vertreten sind alle Gattungen - von der Malerei über die Skulptur bis zur Videoinstallation. Einige der gezeigten Werke besitzen in der chinesischen Kunstszene bereits den Status von Ikonen. Kurator Christoph Heinrich hat die Stücke der rund 100 Künstler chronologisch und nach Themen geordnet. Unter dem Titel "Helden des Volkes 1966- 1976" beginnt die Schau mit Gemälden im Stile des sozialistischen Realismus. Sie erzählen Geschichten von vorbildlichen Arbeitern und Bauern, Helden im Dienste des Volkes und der Partei.

"Jeder in China kennt diese Bilder. Selten im Original, doch häufig als reproduziertes Plakat aus dem Klassenzimmer", sagte der Sammler Uli Sigg. Er habe diese Bilder in seine Sammlung aufgenommen, "weil die Künstler mit ihnen groß geworden sind und sie ihr visuelles Verständnis geprägt haben". Der Vizepräsident des Verwaltungsrates der Schweizer Verlagsgruppe Ringier ist seit den späten 70er Jahren mit China und seiner Kultur vertraut. Als er das erste Mal in das Land reiste, war er 33 Jahre alt.

Winkende Parteifunktionäre sind immer zu sehen

Das war 1979, drei Jahre nach dem Tod des früheren chinesischen Staatspräsidenten Mao. Damals war China völlig abgeschottet von der übrigen Welt. Heute gilt Sigg als Botschafter der Avantgardekunst Chinas. "Bis auf eins habe ich alle Werke direkt von den Künstlern erworben", sagte der Schweizer. Viele der Werke waren schon auf internationalen Ausstellungen zu sehen, nicht aber in China. So die Arbeit von Zhou Xiaohu "Parade auf dem Tiananmen Platz 1949-2049". Die Monumentalskulptur mit 1500 Tonfiguren zeigt, wie sich die Parade auf dem Platz des Himmlischen Friedens verändert hat: Die Soldaten und Waffen wurden moderner, am Ende gibt es Klone und Dinosaurier, die winkenden Parteifunktionäre sind jedoch die gleichen geblieben.

Chinesische Künstlergruppe ist so bedeutend wie die Brücke-Maler

Die Bilder der Künstlergruppe "Sterne", der neben anderen Ai Weiwei, Ma Desheng und Wang Keping angehörten, markierten 1979 den Bruch der Kunst mit den Dogmen des sozialistischen Realismus. "Die Bedeutung der Gruppe 'Sterne' ist vergleichbar mit den Brücke-Malern", erläuterte Kurator Heinrich. "Sie wagten Schritte, die andere niemals gewagt hätten." Unter anderem wegen eines Mao- Bildnisses hinter Gittern von Wang Guangyi und den lachenden Gesichtern von Geng Jianyi, Reaktion auf die Anweisung "fröhlichere Bilder" zu malen, wurde die erste große Übersichtsausstellung "China Avant-Garde" 1989 in Peking bereits nach wenigen Tagen geschlossen.

"Mahjong" ist noch bis zum 18. Februar 2007 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de)

Carola Große-Wilde/DPA / DPA