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Georg Kreisler stirbt mit 89: Der Meister des Makabren

Er war der König des schwarzen Humors: Georg Kreislers makabrer Schmäh irritierte und begeisterte, mit "Tauben vergiften" landete er sogar einen kleinen Hit. Nun ist der österreichische Kabarettist im Alter von 89 Jahren gestorben.

Wenn man sich die Welt anschaut, gibt's eigentlich wenig zum Lachen", sagte Georg Kreisler einmal. "Wer kann denn lachen über Hunger, Entfremdung oder Armut?" Ein irritierender Satz von jemandem, von dem man eigentlich immer einen - wenn auch bitteren - Witz erwartete. Schließlich war genau das der Zug, für den ihn seine Fans liebten. Nun ist Kreisler im Alter von 89 Jahren in einem Krankenhaus in Salzburg an einer schweren Infektion gestorben.

Immer wieder regten ihn die düsteren Themen des Alltags an, erklärte er einmal. Seinem Unmut über gesellschaftliche Stimmungen oder politische Themen machte er in scharfzüngigen Liedern und Texten Luft. So entstanden Songs wie das berühmte "Tauben vergiften im Park" oder die Opernsatire "Aufstand der Schmetterlinge".

Viel Positives fiel dem Großmeister der Satire auch zuletzt zu seinem eigenen Berufsstand nicht ein: "Wo ich hingehen sollte, wenn ich politisches Kabarett sehen möchte? Keine Ahnung!", kritisierte er seine Kollegen auf der Kleinkunstbühne.

"Wie schön wäre Wien ohne Wiener"

Satirisch war auch der Blick auf seine Heimatstadt Wien, wo er am 18. Juli 1922 zur Welt kam. Frei von jeder Nostalgie entstand etwa das Lied "Wie schön wäre Wien ohne Wiener". Entsprechend leugnete er in seiner Biografie "Georg Kreisler gibt es gar nicht" seinen Geburtsort: "(...) düstere Gassen, die im Nichts enden. (...) dort bin ich geboren. Wien hingegen kennt man von Johann Strauß und Kaiser Franz Joseph. Strauß war fesch, und Kaiser Franz Joseph war Zuckerbäcker. Dort bin ich nicht geboren."

Der Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts musste die Stadt mit dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 verlassen. In Los Angeles setzte er seine musikalische Ausbildung fort und wurde US-Bürger. Während des Zweitens Weltkriegs kam er als US-Soldat nach Europa zurück und ließ mit einem ersten Soldatenmusical aufhorchen. Danach versuchte er sich Anfang der 50er Jahre in New York als Nachtclubsänger, stieß mit seinem wienerischen Hang zum Makabren im Big Apple jedoch auf Unverständnis.

Der künstlerische Durchbruch gelang ihm schließlich, als er 1955 in seine Heimatstadt zurückkehrte und rasch zu einer Größe des musikalischen Kabaretts wurde. Songs wie "Tauben vergiften" oder "Zwei alte Tanten tanzen Tango" wurden zwar vom Musikgeschäft ausgeblendet und vom Publikum zunächst irritiert aufgenommen, stiegen dann aber bald zu Hymnen des schwarzen Humors auf.

Meister der doppelbödigen Formulierung

Boykott und Zensur begleiteten Kreisler sein Leben lang, gleichzeitig wurde er als einer der tiefsinnigsten und facettenreichsten deutschsprachigen Kabarettisten gefeiert. Einzelne Platten verkauften sich mehr als hunderttausend Mal.

Es folgte ein Zwischenspiel in München, dann kehrte er mit seiner Frau und Kollegin Topsy Küppers wieder für kurze Zeit nach Wien zurück und hatte mit Komödien, Kabarettstücken und Operetten große Erfolge. 1976 ging er mit seiner neuen Partnerin Barbara Peters nach Berlin und wurde zu einem beliebten Publikumsmagneten im Theater "Die Wühlmäuse".

Seit den 80er Jahren verlegte er sich zunehmend aufs Schreiben und verfasste Bühnentexte wie das Musical "Heut Abend: Lola Blau". Auch in dem Satire-Band "Ist Wien überflüssig" oder in seinem Roman "Ein Prophet ohne Zukunft" zeigte er sich als Meister der doppelbödigen und scharfsinnigen Formulierung.

Etwa 15 Jahre lebten Kreisler und seine Frau in der Schweiz. Erst kurz vor seinem 85. Geburtstag zog das Paar nach Salzburg. Für sein vielfältiges Schaffen erhielt Kreisler zahlreiche Auszeichnungen, etwa 2004 den "Prix Pantheon". Zuletzt ehrte ihn die Stadt Bad Homburg 2010 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis für sein Lebenswerk.

Kreisler war ein politischer Mensch

Kreisler war zeitlebens ein politischer Mensch - und wusste doch stets um die Wirkungslosigkeit seiner Kunst. Bereits in "Vorletztes Lied" aus dem Jahr 1972 sang er:

Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen
Statt die Verantwortlichen niederzumachen
Es hat keinen Sinn mehr, Worte zu wählen
Die Zeiten sind vorbei
(...)
Vergesst unser Hoffen, begrabt unser Trauern
Lasst euch die Zukunft nicht durch Sänger versauern
Wenn sich der Dichter verneigt
Besorgt eure Sache und schweigt

Erfüllt sie mit Furcht, die hassen und lachen
Lasst die Komödien zum Leben erwachen
Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen
Die Zeiten sind vorbei
Die Zeiten sind vorbei

che/Irmgard Rieger/DPA / DPA
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