Michaël Borremans Neues aus der Zwischenwelt


Ein Künstler dürfe im Grunde nicht glücklich sein, sagt Michaël Borremans. In seinen Gemälden spielt der belgische Maler verschiedene Varianten von Schwermut durch - in traumartigen, rätselhaften Szenen
Von Till Briegleb

Auf die Frage, warum er ausgerechnet in Gent lebt und arbeitet, erhält man von dem belgischen Künstler Michaël Borremans eine merkwürdige Antwort: "Wegen des Wetters. Der Regen fällt hier so schön weich." Dabei deutet er vor sein Haus in den Nieselvorhang, der sich den ganzen weiteren Tag nicht heben wird, und lächelt: "Das macht außerdem ein schönes Licht." Düstergrau? Ein schönes Licht? Michaël Borremans meint das ernst. Und wer die gebrochene Farbigkeit seiner Gemälde und Zeichnungen kennt, kann auch nicht wirklich verdutzt sein. Blass bis dunkel, mit einer Vorliebe für Grün und Braun vermitteln seine meist kleinformatigen Werke tatsächlich eine nachhaltige Prägung durch atlantische Tiefausläufer.

Auch den Menschen, die Borremans malt, ist das sonnige Gemüt eher fremd. Ihre Köpfe sind meistens gesenkt, die Augen geschlossen oder nicht zu sehen, ihre Tätigkeiten von einer bedrohlichen Rätselhaftigkeit bestimmt. In "The Pupils" ("Die Schüler", 2001) untersuchen junge Männer in Monteurskitteln andere Personen, die mit zurückgelegtem Kopf unter ihnen liegen, wobei Tränenflüssigkeit aus ihren Augen in das Auge der Probanden läuft. "Four Fairies" ("Vier Feen", 2003) zeigt vier Frauen in der gebeugten Gehorsamshaltung alter bürgerlicher Lehranstalten, die aber bis zum Bauchnabel in einem Ölbecken sitzen. Und in der Trickland-Serie (2002) variiert Borremans das Motiv einer großen, dunklen Modelllandschaft, auf der entweder eine Gruppe von Frauen Miniaturbäumchen pflanzt oder eine schemenhafte Gruppe von Männern in die Betrachtung versunken sitzt.

Der Erfinder dieser düsteren Szenerien erinnert allerdings zunächst in Nichts an den melancholischen Weltschmerz-Künstler, den man nach seinen Werken erwarten würde. Michaël Borremans ist ein herzlicher und unkomplizierter Gastgeber, lächelt bei jeder Gelegenheit und ist auffallend wohlerzogen.

"Meine Gemälde sind intensiv beeinflusst vom Film", sagt Borremans, "vor allem von dem suggestiven Element alter experimenteller Filme und von Hitchcock. Deswegen ist es für mich interessant, vom Malen zurück zum Film zu kommen." Die spezielle altertümliche und farbreduzierte Atmosphäre, die Liebe zum Unheimlichen und Rätselhaften endet bei Borremans - ähnlich wie in der surrealistischen Kunst - allerdings nicht in der Erfindung von Eigenartigem. Sie ist vielmehr angebunden an eine analytische Weltsicht. "Für mich geht es in meiner Arbeit um universelle Dinge. Es geht um misstrauische Institutionen und um Ideologie. Diese Entwicklung erkennen wir am besten in den dreißiger Jahren. Das ist der Grund, warum ich mich auf diese Zeit beziehe." Viele von Borremans' Motiven zeigen uniformierte Menschen, Krankenschwestern, Wissenschaftler in Laborkitteln, Soldaten, Hotelangestellte - und erst in seinen letzten Arbeiten, dem Werkkomplex "Horse Hunting", handelt es sich dabei um individualisierte Porträts. "Ich versuche, eine Situation darzustellen mit soziologischen, religiösen oder politischen Bezügen, nicht ein Individuum. Damit kommentiere ich die menschliche Befindlichkeit, so wie es Brueghel oder Goya getan haben."

Bewusst stellt sich Borremans in die Tradition der Kunstgeschichte. Anklänge an die Renaissancemaler Masaccio und Mantegna sind ebenso aufspürbar wie Verweise auf Caspar David Friedrich, die belgischen Maler James Ensor und Leon Spilliaert oder die Fotoarbeiten von Man Ray.

Spott und Melancholie akzeptiert Borremans als gleichberechtigte Kräfte, und diese ungewöhnliche Kombination führt zu der großen Anziehungskraft seiner Bildwelten - die er mit oft bösen Titeln noch unterstreicht. Frauen mit verkrüppelten Händen, die eine Tischplatte polieren, heißen "The Lucky Ones" ("Die Glücklichen", 2002), ein Jugendlicher im Anzug, der sich zwei Äste in die Nase bohrt, ist betitelt mit "Horse Hunting" ("Pferdejagd", 2005), und einen Mann in einer weißen Zwangsjacke, der depressiv zu Boden blickt, nennt Borremans "The Advantage" ("Der Vorteil", 2001).

Zum Abschied will Borremans dann noch das Genter Museum für zeitgenössische Kunst, SMAK, zeigen, das mit einer ersten Einzelausstellung seiner Werke im Jahr 2000 maßgeblich am Durchbruch des Künstlers beteiligt war. Auf dem Weg dorthin kommt die Frage auf, was er eigentlich mit dem vielen Geld machen wird, das er verdient, seit seine Gemälde bei amerikanischen Sammlern genauso heiß begehrt sind wie bei europäischen Biennalen. Borremans sieht durch die hin und her huschenden Scheibenwischer seines Kleinwagens und sagt nach einem Moment des Nachdenkens: "Zunächst ermöglicht es mir, frei zu leben, wie ich will. Dann investiere ich es wieder in die Kunst, zum Beispiel in einen Film. Und wenn es noch mehr wird, werde ich ein Projekt für junge Künstler in Gent aufbauen." Und hat das Projekt schon einen Namen? Da grinst der Maler ein letztes Mal und sagt: "Bad Weather Project".


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker