HOME

Rinkes "Wir lieben und wissen nichts": "Wir sind doch alle irgendwie tragischkomisch"

Was braucht es für einen unterhaltsamen Theaterabend? In der neuen Komödie von Moritz Rinke: Vier gute Schauspieler, einen effektvollen Text, einen fast leeren Raum - und zwei Eisbären.

Am Freitagnachmittag wurde die Schauspielerin Constanze Becker für ihre Darstellung der kindermordenden Medea mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring geehrt - am Freitagabend bewies sie ihr komödiantisches Talent in der Uraufführung des neuen Stücks von Moritz Rinke. "Ich bin sehr froh, dass ich endlich einmal nicht mit fettigen Haaren auf der Bühne stehen und herumschreien muss", hatte die 34-Jährige während der Proben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt.

Rinkes "Wir lieben und wissen nichts" ist ein Vier-Personen-Kammerspiel ähnlich wie "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza. Zwei Paare treffen in einer Wohnung aufeinander; diesmal nicht, weil sich ihre Kinder geprügelt haben, sondern zum berufsbedingten Wohnungstausch. Hannah und Sebastian wollen für einige Wochen nach Zürich, Roman und Magdalena ziehen in dieser Zeit in ihre Wohnung. Die Schlüsselübergabe gerät zum Drama: Weltanschauungen, Lebensentwürfe und Beziehungskonzepte prallen mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander.

Hannah (Claude De Demo) ist eine Karrierefrau, die Atemkurse für gestresste Banker gibt und das Wunschkind mit einer Fruchtbarkeits-App plant. Ihr Freund Sebastian (Marc Oliver Schulze), ein erfolgloser Schriftsteller, zieht widerwillig mit ihr von Stadt zu Stadt. "Von Frankfurt habe ich mich bis heute noch nicht erholt!" ruft er zu Beginn des Stücks - und sicherte sich damit erwartungsgemäß den ersten Lacher des Frankfurter Publikums.

"Wenn wir nicht reden, dann trennen wir uns auch nicht"

Beim zweiten Paar sind die Rollen andersrum verteilt: Roman (Oliver Kraushaar) arbeitet mit Telekommunikationssatelliten, seine Frau Magdalena (Constanze Becker) ist ein Hascherl, das sich von ihrem Mann in eine Anti-Cellulite-Kühlbox stecken lässt. Das erste Aufeinanderprallen der Paare: Keiner kennt das Benutzerkennwort des Wlan-Routers, was zum Streit über Fluch oder Segen globaler Vernetzung führt.

Die größten Konfliktlinien verlaufen innerhalb der Beziehungen. Die beruhen auf der Vereinbarung: "Wenn wir nicht reden, dann trennen wir uns auch nicht." Halbherzige Versuche, den jeweils anderen Partner für sich zu gewinnen, scheitern. Am Ende hat Hannah ihren Kurs verpasst, Sebastian ist angeschossen, Roman ist seinen Job los und Magdalena ist auf der Flucht.

Lustige Stücke über traurige Menschen

Vier gute Schauspieler, ein effektvoller Text, ein nahezu leerer Raum - mehr braucht es nicht für einen unterhaltsamen Theaterabend. Schön, dass sich manchmal jemand daran erinnert. Intendant Oliver Reese hat es getan und dem Stück nichts hinzugefügt außer zwei Eisbären, die am Ende - als Symbole für zwischenmenschliche Kälte? - über die Bühne tappen.

Dass Moritz Rinke, 45, nicht nur Dramatiker, sondern auch Journalist ist, tut seinen Stücken gut: Sie sind nicht verkopft, nicht vom Formalen her gedacht; man spürt in ihnen ein echtes Interesse an der Welt. "Die Welt ist so verrückt, die Menschen sind so besonders und ich bin an allen wunderlichen Dingen interessiert", sagt Rinke über sich selbst. Er suche beim Schreiben stets nach einem "Doppelton": lustige Stücke über traurige Menschen. "Wir sind doch alle irgendwie tragischkomisch."

Das hat Rinke zu einem der erfolgreichsten deutschen Theaterautoren gemacht. "Republik Vineta", in dem fünf Manager die Gründung eines "Themenparks der untergegangenen Träume" auf einer unbewohnten Insel planen, wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Bühnenstück gewählt. Dass auch das neue Werk Erfolg haben wird, daran besteht kein Zweifel. Die wenigen Vorstellungen in Frankfurt sind bereits ausgebucht. Noch in diesem Winter wird das Stück in fünf weiteren Städten nachgespielt.

Sandra Trauner, DPA / DPA
Themen in diesem Artikel