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St. Petersburg: Raub und Tod in der Eremitage

Im russischen Kunstmuseum Eremitage in St. Petersburg haben Mitarbeiter mehr als 200 Exponate im Wert von 3,8 Millionen Euro gestohlen. Auch der rätselhafte Tod der Kustodin könnte mit dem Fall zusammenhängen.

Vorn drängten sich kunstbegeisterte Touristen und durch den Hinterausgang verschwanden die Exponate: Im weltberühmten russischen Kunstmuseum Eremitage in St. Petersburg hat ein mutmaßlicher Seriendiebstahl im Millionenwert große Aufregung verursacht. Mehr als 200 Exponate, darunter Ikonen, Juwelen und Emaille-Schmuck, verschwanden über einen längeren Zeitraum aus den unzähligen Lagerräumen. Die Polizei hat vor allem Mitarbeiter des Museums in Verdacht. Auftraggeber sollen private Sammler gewesen sein. In Russland wird befürchtet, dass eine über Jahrzehnte verschobene Generalinventur im größten Kunstmuseum des Landes noch weitere böse Überraschungen bringen könnte.

Das gewaltige Museum am Newa-Ufer mit seinen mehr als 1000 Räumen beklagt den Verlust von Kirchenikonen, Juwelierarbeiten sowie wertvollen Emaille-Kunstwerken aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Der offizielle Wert wurde mit 130 Millionen Rubel angegeben (3,8 Millionen Euro). Der reale Wert der Exponate dürfte nach Schätzung von Experten um ein Vielfaches höher liegen.

Wie bei Agatha Christie

Museumsdirektor Michail Piotrowski bezeichnete das Verschwinden der nicht versicherten Kunstgegenstände als schweren Schlag für die Eremitage. In seinen Einzelheiten gleicht der Fall einem Agatha-Christie-Krimi. "Die Objekte sind im Laufe von mehreren Jahren verschwunden. Vier Mitarbeiter hatten Zugang zu dem Lagerraum", erläuterte Piotrowski. Als eine museumsinterne Revision im November vergangenen Jahres die durch Schwund dezimierte Abteilung russischer Kunst aufsuchte, erlitt die verantwortliche Kustodin noch am Arbeitsplatz einen Schlaganfall.

Der in der internationalen Museumsszene bekannte Piotrowski versuchte, den größten Imageschaden von seinem Haus mit dem Hinweis abzuwenden, auch anderswo in der Welt sei es um die Museen nicht zum Besten bestellt. Beim Vorfall in der Eremitage sei es noch zu früh, von Diebstahl zu sprechen, sagte Piotrowski auf einer Pressekonferenz. Immerhin kam es in der Vergangenheit vor, dass verschwunden geglaubte Exponate in anderen Lagerräumen wieder auftauchten.

Angestellte setzten sich über Pflichten hinweg

In einer ersten Erklärung hatte die Eremitage-Leitung die Zustände im eigenen Haus noch spürbar selbstkritischer dargestellt. Von gravierenden Mängeln bei der Sicherheit war die Rede. "Es besteht kein Zweifel, dass Mitarbeiter des Museums beteiligt waren", hieß es weiter. Angestellte setzten sich über Pflichten hinweg und hätten kein Verantwortungsgefühl. Die Tatsache, dass die Museumsmitarbeiter für einen Hungerlohn ihre Arbeit verrichten müssen, fand in der Mitteilung keine Erwähnung.

In der Eremitage, wo der Eintritt für ausländische Besucher umgerechnet 15 Euro beträgt, bekommen die Besucher meist nur Personal im Rentenalter zu Gesicht. In den Ausstellungssälen mit Werken von Picasso, Rembrandt oder Rubens dösen über 70 Jahre alte Museumswärterinnen vor sich hin. Nicht erst seit der Diskussion um deutsche Beutekunst in russischen Museumslagern besteht der Verdacht, dass niemand in der Eremitage wirklich weiß, was das Riesenmuseum mit seinen geschätzt drei Millionen Kunstwerken im Einzelnen alles beherbergt.

Studenten halfen bei der Inventur

Nur ein Zehntel der insgesamt 221 verschwundenen Eremitage-Exponate wurde von einem noch lebenden Kustos betreut. Beim Rest waren die Archivare längst gestorben. Anscheinend aus Personalmangel hatte man in den vergangenen Jahren Studenten zur Inventur in der betroffenen Abteilung herangezogen. Die Polizei ermittelt deshalb in einem erweiterten Täterkreis.

Die staatliche Behörde zum Schutz der russischen Kulturgüter sieht im jüngsten Eremitage-Skandal keinen Einzelfall. "Dies ist ein Beweis, wie schlecht es um den Schutz unserer nationalen Kulturgüter steht", sagte der Behördenleiter Boris Bojarskow der Agentur Interfax. Bereits in den vergangenen Jahren hatten spektakuläre Museums-Diebstähle immer wieder für Schlagzeilen gesorgt.

Stefan Voß/DPA