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Temporäre Kunsthalle: Ein Wunder mitten in Berlin

Berlin ist die deutsche Kunstmetropole. Was bislang jedoch fehlte, war ein Platz außerhalb der Galerien, wo sich junge Künstler präsentieren können. Jetzt gibt es die Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz - kurioserweise das neue Lieblingsstück der Abriss-Gegner.

Von Anja Lösel

16 Michael Jacksons singen auf dem Berliner Schlossplatz. "Uuuh - it's close to miiidnight" brüllt und quäkt und säuselt es durch die gerade eröffnete Kunsthalle. Die Künstlerin Candice Breitz, 36, geboren in Südafrika und seit ein paar Jahren Wahl-Berlinerin, hat Michael-Jackson Fans aus Berlin gebeten, vor der Kamera das Lied "Thriller" zu intonieren. Echte, ernsthafte Fans wie Rames, Rico oder Manuela.

Mit Inbrunst trällern sie, wippen im Tankt, tanzen, wiegen sich, rollen mit den Augen. Einer hat dieselbe Löckchen-Frisur wie sein Idol, ein anderer beherrscht nicht nur das Lied perfekt, sondern hat auch Jacksons Bewegungen exakt einstudiert. Viele haben sich schick gemacht, sich in Glitzerkleider oder gar ein Bauchtanzkostüm geworfen. Voller Leidenschaft haben sie sich in ihr Idol hineinversetzt. Nun sind sie gleichzeitig zu sehen und zu hören, jeder auf einem eigenen Bildschirm, aufgereiht an der Wand. Ein großer Spaß für die Zuschauer.

"King" heißt das Ganze und ist der perfekte Einstand für die Temporäre Kunsthalle im Herzen von Berlin. Die zarte, blondgelockte Candice Breitz ist glücklich, dass sie als erste an diesem neuen Ort ausstellen darf, auf den viele sehnsüchtig gewartet hatten. Denn Berlin kann zwar glänzen mit rund 400 Galerien und Dutzenden von Museen und ist, so Breitz, "ein Magnet für Kreative". Eine Ausstellungshalle für die Kunst der Gegenwart gab es aber bisher nicht.

Ein seltsamer Ort ist es, an dem sie sich nun niedergelassen hat. Öd, leer und staubig. Mit großem Getöse werden nebenan grade acht riesige Betontürme abgebrochen - die letzten Reste des DDR-Palastes der Republik. Hier soll ab 2011 das umstrittene Stadtschloss neu erstehen, aber so richtig glaubt das kaum einer in Berlin. Ein paar Schritte weiter prangt das Staatsratsgebäude, in dem einst Honecker residierte, später ein paar Jahre lang Kanzler Schröder und jetzt die European School of Management. Daneben die neugotische Schinkelkirche und die Bertelsmann-Vertretung, Merkwürdigkeiten wie eine Ausgrabungsstätte, ein historisierender Rundbrunnen und Schinkels Bauakademie als Fake aus bedruckten Planen. Nächstes Jahr wird womöglich noch ein Denkmal für die Einheit und Freiheit Deutschlands dazu kommen. Viel symbolträchtiger Kram also, gegen den die Kunsthalle sich behaupten muss. Immerhin einen Vorteil hat das: an Neugierigen gibt es keinen Mangel.

Durch Bürgerinitiative entstanden

Dass die Kunsthalle tatsächlich gebaut werden konnte, ist einer Bürgerinitiative um den großzügigen Stifter Dieter Rosenkranz zu verdanken. Zwei Jahre lang werden wechselnde Kuratoren hier Kunst präsentieren, die in Berlin entstand oder zumindest von Künstlern mit starker Berlinliebe stammt. Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz hat dafür eine schlichte, 600 Quadratmeter große Kiste gebaut, die innen gut funktioniert und neben dem großen Ausstellungsraum auch eine Buchhandlung und ein elegantes Café mit roten Wänden und einer feinen Freiterrasse bietet. Nur mit dem Geld hapert es. Denn Rosenkranz' "Stiftung Zukunft" hat zwar die Halle gebaut, wie der laufende Betrieb finanziert werden soll, ist aber unklar. "Die Wirtschaftskrise betrifft natürlich alle und betrifft auch uns", sagt der Mäzen. Deshalb ist der Eintrittspreis mit sechs Euro recht hoch angesetzt. Mit Vermietungen für Partys hofft er zudem, weitere Einnahmen reinzubekommen. Trotzdem sucht das Kunsthallen-Team weitere finanzielle Unterstützung. Sponsoren dringend gesucht. Kein idealer Anfang für die Kunsthalle auf dem Schlossplatz.

Der Soundtrack eines Zeitgeistes

Neben den Jackson-Fanvideos gibt es übrigens noch zwei weitere Arbeiten von Candice Breitz: über Madonna ("Papa don't preach") und John Lennon ("Working Class Hero"). In vier Wochen will die Künstlerin dann zwei neue Arbeiten präsentieren: Porträts von Jack Nicholson und Meryl Streep. Immer geht es dabei um Popkultur, um "Identität, Identifikation, Hoffnung, Sehnsucht und Enttäuschung", so Gerald Matt aus Wien, der die Ausstellung organisiert hat. "Die Leute legen ihr Herzblut in diesen Gesang", sagt Matt. "Es ist der Soundtrack eines Zeitgeistes".

Weiße Wolke auf hellblauem Grund

Zwei Jahre soll die Temporäre Kunsthalle hier stehen. Immer wieder anders wird sie aussehen. Für den Anfang hat der Künstler Gerwald Rockenschaub eine gepixelte weiße Wolke auf hellblauem Grund auf die Außenwände gemalt. Ein Hinweis auf den Vorschlag der Architekten "Graft", die hier tatsächlich eine Wolke bauen wollten und auf das Zitat des Wiener Philosophen Ludwig Wittgenstein: "Eine Wolke kann man nicht bauen". Und was passiert nach den zwei Jahren? "Schön wäre es, wenn die Kunsthalle nach Moskau, Tokio und New York reisen könnte - als Botschafterin für Berlin", sagt Kulturstaatssekretär André Schmitz. Ein bisschen seltsam ist das schon, denn wenn es nach ihm gegangen wäre, einem ausgewiesenen Schlossfreund, hätte es die Kunsthalle nie gegeben. Sie ist nämlich auf Initiative der Schlossgegner und Freunde des Palastes der Republik entstanden. Mit einer spontan organisierten Ausstellung im abrissreifen Gebäude hatten sie vor drei Jahren die Diskussion um eine Kunsthalle auf dem Schlossplatz angestoßen. Nun sitzen sie hier im fertigen Gebäude und blicken auf die traurigen Trümmer des Palastes, den sie so gern erhalten hätten. Geschäftsführerin Constanze Kleiner ist trotzdem zufrieden und kann es kaum fassen: "Die Temporäre Kunsthalle ist ein Wunder".