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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Sprechen oder schweigen?

Wenn man findet, dass gewisse Partien eines Mannes an den Hintern eines Pavians erinnern – muss man das aussprechen? Andererseits …

Von Micky Beisenherz

Und … wann isses so weit?“

„Hm?“

„Na ja, wann kommt das Kind?“ (Sie ahnen sicher, dass jetzt kein Kind kommen wird, sondern eine bittere Pointe. Und so ist es natürlich auch.) Etwas konsterniert schaute mich meine ehemalige Stufenkameradin Annika an und entgegnete:„Das Kind ist ein halbes Jahr alt.“

Das Ganze war mir unendlich peinlich

Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass diese Rückbildungskurse nicht bei allen gleich gut und schnell anschlagen. Deutlich besser angeschlagen war ich, der ich mit circa 1,9 Promille auf dem Abitreffen eigentlich nur etwas Nettes oder zumindest interessiert Wirkendes sagen wollte. Was offenkundig nach hinten losging. Auch mein Alkoholisierungserfolg war dahin, als ich nach diesem Fauxpas schlagartig nüchtern wurde. Das Ganze war mir unendlich peinlich. Entgegen anderslautenden Meinungen ist es nämlich nicht mein Ziel, Frauen einen miesen Abend zu bescheren. Und wenn doch, dann lade ich sie auf ein Date ein.

Gute Beleidigungen, so hat der Philosoph Rocky Balboa mal gesagt, halten ein Leben lang. Dasselbe gilt für gravierende Peinlichkeiten. Was wenig verwunderlich ist – beleidigen sie doch unsere Selbstwahrnehmung und weisen uns als die Tölpel aus, die wir trotz all unserer Anstrengungen immer wieder sind.

Die Gründe für all die Peinlichkeiten, in die wir uns manövrieren, sind unterschiedlich. Oft wollen wir einfach nur Konversation machen, etwas Nettes sagen – oder halten schlicht die Stille nicht aus. Von der es danach zumeist einen ordentlichen Nachschlag gibt. „Ach, haben Sie heute Ihre Enkelin aufs Boot eingeladen?“, ist zum Beispiel einer dieser Sätze, die man eher nicht äußern sollte, wenn man gerade nicht weiß, was man dem stolzen Mittsechziger mit der Blondine im Arm beim Betreten seiner neuen Yacht sagen soll.

Ich ließ meine Freunde an diesem Gedanken teilhaben.

Ich als Mitteilungsbedürftiger habe einfach oft den Drang, die Bilder, die in meinem Kopf entstehen, auch kundzutun. So saß ich unlängst mit ein, zwei Freunden an einem Pool und sah in ein paar Meter Entfernung einen Mann um die 50 mit blonden Blocksträhnen, die am Hinterkopf Platz ließen für eine stattliche Lichtung. Diese Lichtung war durch die pralle Sonne derart rot geworden, dass man das Gefühl hatte, einem Pavian direkt auf den Arsch zu gucken. Ich ließ meine Freunde an diesem Gedanken teilhaben. Dann klärte mein Kumpel Björn mich diskret darüber auf, dass die nette Brünette neben uns wohl die Frau des Affenhinterns sei. Sie nahm es ungerührt hin.

Wenn Überheblichkeit, der zwanghafte Drang, witzig zu sein, und dann auch noch ein paar Drinks zusammenkommen, ist die Arschbombe in den Fettpool kaum noch zu verhindern. Ungern erinnere ich mich an einen bierseligen Abend mit einem befreundeten Fernsehmoderator. Es war drei Uhr nachts, wir waren ziemlich benebelt in irgendeinem Klub in Berlin, als sich ein junges Mädchen – vermutlich Groupie – überfallartig um seinen Hals schlang. Er ließ das über sich ergehen und kam kurz danach zu mir:

„Und? Verrückt, oder?“

„Jau. Diese Prostituierten kann man sich immer schwerer vom Hals halten, wa.“

„Das ist meine neue Freundin.“

Gulp.

Am nächsten Tag habe ich mich dann sehr lange am Telefon entschuldigt. Seitdem weiß ich: Wenn du einen gewissen Pegel hast, sollten in den Mund nur noch Flüssigkeiten rein-, aber auf keinen Fall mehr Worte rauskommen. Frei nach einem anderen Philosophen: Einfach mal die Fresse halten.

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