HOME

"Bossa-tronics": Bossa Nova meets E-Gitarre

Ihr Album "Berimbaum" mischt fünf Jahrzehnte Bossa Nova mit modernen Computersounds. Die Musik der brasilianischen Künstlerin Paula Morelenbaum ist ein gewagtes Experiment.

Von Heike Sonnberger

Wassertropfen prallen in Zeitlupe auf die Oberfläche eines Sees. Wellen schwappen über die Steine am Ufer. Ein Windhauch raschelt durchs trockene Schilf. Zumindest hört es sich so an. Denn eigentlich arbeitet das neue Album "Berimbaum" der brasilianischen Sängerin Paula Morelenbaum nicht mit Geräuschen aus der Natur. Vielmehr spielt es mit Kaskaden und Clustern von elektronischen Sounds. Die wirken allerdings als Untermalung der leichtfüßigen Bossa-Nova-Klänge so leger und natürlich, dass sie keineswegs aus dem Rechner zu stammen scheinen.

Hommage an Vinicius de Moraes

Alle Texte wurden verfasst von Vinicius de Moraes, dem großen Liedermacher aus Rio, der in den späten Fünfzigern gemeinsam mit Tom Jobim als Begründer der Bossa Nova berühmt wurde. Das Album "Berimbaum" ist eine Hommage an de Moraes - und doch ein ganz eigenständiges Werk. Es nimmt die weniger bekannten Songs des Künstlers und steckt sie in ein neues Kleid. Fünf Jahrzehnte Bossa-Nova-Tradition prallen auf moderne Computersounds, auf Synthesizer und E-Gitarren - und das Resultat hört sich trotzdem gut an.

Morelenbaums Erfahrung und Einfühlungsvermögen machen den Balanceakt möglich. Zehn Jahre lang tourte sie als Sängerin in der Band Nova Banda mit Tom Jobim durch die Welt, bevor sie 1993 ihr erstes eigenes Album aufnahm - und prompt mit dem Sharp Music Award für die "beste neue weibliche Popsängerin" ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Produzenten und Cellisten Jacques Morelenbaum, nahm sie ihr Album "Berimbaum" vor zwei Jahren in Brasilien auf. Nun liegt es auch in deutschen Plattenläden.

Keine Schwermut, höchstens Melancholie

Wortschöpfungen wie "Electro-bossa" und "Bossa-tronics" sollen den neuen Stil beschreiben. Und schaffen es doch nicht. Denn nicht alles an "Berimbaum" ist elektronisch künstlich. Die Atmosphäre nicht und die meisten Instrumente sowieso nicht. Der Berimbau, ein Musikbogen, der als Untermalung der brasilianischen Kampfkunst Capoeira eingesetzt wird, hat dem Album seinen Namen gegeben. Es wird zwar nur in einem Lied gespielt - doch forsche Saxophone, wehmütige Cellos und sogar eine Trompete begleiten die klare Stimme Morelenbaums, die in weichem Portugiesisch von Liebe und Herzschmerz singt.

Die Texte sind alle tieftraurig und handeln von Einsamkeit, Reue, Kummer und Leid. Trotzdem klingt aus der Musik keine Schwermut, sondern höchstens Melancholie. Mit der der Bossa Nova eigenen Coolness und Lässigkeit werden tragische Emotionen in sanften Lounge-Groove verpackt und inspirieren zum Träumen und Chillen, statt zum Trauern.

In einige Lieder eingewoben sind Gedichte, die so nebensächlich und selbstverständlich rezitiert werden, dass die Grenzen zwischen Musik und Poesie verschwimmen. Gedichte, genau wie Echos und Jazz-Elemente, sind nur eine weitere Facette in dem komplexen Klangkonzept, das die am meisten überrascht, die am genausten hinhören.

Themen in diesem Artikel