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Erfindung: Des Wandteppichs Waschstraße

Weg mit dem Muff der Jahrhunderte: In Wien gibt es die größte Waschanlage für Wandteppiche, gebaut und betrieben von einer Textilrestauratorin. Das Wirkprinzip der Anlage ähnelt keiner Waschmaschine - sondern einem Inhalator.

Alexander der Große schwebt in großer Gefahr. Die Dame im roten Kleid neben ihm könnte die Übeltäterin sein, nur ein paar Wassertropfen zu viel und sie färbt ihm sein sein blauweißes Feldherrengewand ganz unköniglich rosa. Doch in der Waschanlage der Wiener Textilrestauratorin Hilde Neugebauer ist der Wandteppich mit der Darstellung "Alexander der Große im Gespräch mit Feldherren" aus dem 18. Jahrhundert sicher, feiner Aerosol-Nebel wird dem König und seinen Mitstreitern den Dreck mehrerer Jahrhunderte aus den Kleidern waschen, ohne die Darstellung zu verfärben. Die Wienerin betreibt auf dem Gelände des Schlosses Schönbrunn die größte Tapisserie- Waschanlage Europas. Sie hat eine neue Technik zur Reinigung kostbarer Teppiche und Wandbehänge entwickelt.

"Früher hat man alte Tapisserien in großen Wannen mit Wasser gereinigt, da lagen sie dann quasi in ihrem eigenen Saft", sagt die Restauratin mit 30 Jahren Berufserfahrung. Doch die Textilien wurden meist nicht richtig sauber, die Fasern der alten Stoffe quollen durch die Feuchtigkeit auf und konnten brechen, Farben bluteten aus. Denn die alten Stücke sind empfindlicher als der feinste Kaschmirpullover:

"Wenn sie den bei 30 Grad im Feinwaschgang in die Waschmaschine tun, bekommen sie ein verfilztes rosa Etwas wieder heraus", sagt die Expertin mit Blick auf den Alexander-Teppich aus Wolle und Seide. Außerdem stellte die schiere Größe der historischen Wandbehänge die Restauratoren oft vor unlösbare Aufgaben: "Ich hatte schon nasse Tapisserien, die konnten wir mit drei Leuten nicht heben."

Feiner Nebel über Alexander dem Großen

In der seit Februar betriebenen Waschanlage liegen die Stoffe nun in einem acht mal fünfeinhalb Meter großen Glaskasten auf einem Gitter mit Auflagen. Von oben rieselt feiner Aerosol-Nebel aus speziell behandeltem Wasser hinab, der von unten mit Unterdruck wieder abgesaugt wird. Die feinen Wassertropfen durchdringen das alte Gewebe und nehmen den Schmutz mit, ohne den Stoff richtig nass zu machen.

"Es ist eine sehr, sehr schonende Reinigung von Textilien und ein echter Fortschritt, weil die Farben nicht ausbluten", sagt die Präsidentin des österreichischen Restauratorenverbandes, Christa Hofmann. Die Technik sei ursprünglich für Aerosol-Inhalationsgeräte aus der Medizin entwickelt worden. Ein Restaurator in Belgien habe als Erster eine vergleichbare Anlage entwickelt, Hilde Neugebauer aber die Technik verbessert und die Anlage größer nachgebaut. Die beiden Waschanlagen sind nach Angaben von Hofmann die einzigen in Europa, die Textilien auf diese Weise reinigen können.

Sprühnebel gegen Staub und Kerzenruß

Die geschäftstüchtige Wienerin Neugebauer hofft bereits auf Aufträge aus dem ganzen Kontinent. Etwa 2000 Euro kostet eine dreitägige Reinigungsbehandlung, während der der Stoff rund sechs Stunden in dem Sprühnebel liegt. Ein erster Kunde war das Schloss Schönbrunn, das mehrere Wandteppiche aus dem Napoleon-Zimmer bei ihr ablieferte. "Es war eine Restaurierungsmaßnahme, wenn eine Tapisserie einige 100 Jahre hängt und einschmutzt, ist das wie ein Vorhang, der nie gewaschen wird", sagt der Mitarbeiter der Schönbrunner Wissenschaftsabteilung, Michael Wohlfart. Vor allem Staub und Kerzenruß haben sich über die Jahrhunderte in den meist aus Burgen und Kirchen stammenden Wandbehängen als dicke Dreckschicht angesammelt. Die sauberen Teppiche sind laut Wohlfart nun deutlich heller, weicher und farbenfroher.

Andere von Neugebauer gereinigte Textilien werden bald mit sehr berühmten Füßen getreten: Das Stift Heiligenkreuz ließ bei der Wienerin einige noch von Kaiserin Sissi gespendete Teppiche waschen, über die Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Österreich im September schreiten soll.

Miriam Bandar/DPA / DPA