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"Smile"-Tour: Brian Wilson und die Vollendung des Lächelns

37 Jahre nachdem Ex-Beach-Boy Brian Wilson an seinem Meisterwerk "Smile" gescheitert ist, bringt er das verschollene Album live erstmals zu Gehör. Wilson gastierte auch in Frankfurt.

Es ist ein alter Mann, der da etwas gebeugt und steifem Rücken auf die Bühne kommt: Brian Wilson, 62 Jahre alt. Aber Beach-Boys-Fans haben jahrzehntelang darauf gewartet, das angekündigte "Smile" zu Gehör zu bekommen, das wohl berühmteste Fragment der Pop-Geschichte. Und Wilson und seine Band nehmen sie mit auf eine Reise, die nichts mit Nostalgie zu tun hat, sondern mit einer musikalischen Suche nach höchster Erkenntnis. Am Ende wird er in der Alten Oper in Frankfurt mit Ovationen gefeiert. Es war das einzige Deutschlandkonzert auf Wilsons "Smile"-Welttournee.

"Smile" sollte Nachfolger der legendären "Pet Sounds" werden, mit denen Wilson und seine Beach Boys 1966 die Beatles zu ihrem Höhenflug mit "Sergeant Pepper" animierten. Aber einige der Beach Boys konnten mit Wilsons komplizierten Ideen nichts anfangen, Cousin und Live-Frontmann Mike Love ekelte schließlich Wilsons Texter für das Projekt, Van Dyke Parks, raus. Statt "Smile" wurde schließlich "Smiley Smile" mit zwei Songs aus Brian Wilson Projekt das nächste Beach-Boys-Album: "Heroes And Villains" und "Good Vibrations".

Rock kollidiert mit Kirchenmusik

"Smile" hat eine Geschichte von Drogenrausch und -phantasien, exzentrischen Ausfällen und Selbstzerstörung - und einem ungeheuren kreativen Willen. Bei den Beach Boys kollidierte Rock'n'Roll mit Kirchenmusik, und bei "Smile" versuchte Wilson, sein Bewusstsein von der körperlichen Hülle zu lösen. Mit seiner elfköpfigen Band, die noch von sieben Streichern und Bläsern verstärkt wird, gelingt es ihm 37 Jahre danach, seine Ideen Musik werden zu lassen: Die Chorharmonien streben so beharrlich aufwärts, dass der gesamte Psychedelic-Rock bis zum "Eight Miles High" der Byrds hier seinen Anfang nehmen konnte.

"Smile" ist eine "Americana"-Reise: Von den "Heroes And Villains" aus dem Wilden Westen zu den "Good Vibrations" der Surf-Generation, dazwischen auch schon mal die abgedrehte Frage, was denn dein Lieblingsgemüse ist. Musik wie Breitwandkino, der Film dazu läuft im Kopf des geneigten Zuhörers.

Nachdenkliches zu Beginn

Das Konzert gliederte sich in drei Teile: Eine Session im Halbkreis, viel Chor, an Instrumenten nur Gitarre, Bass und Percussion. Dann kamen nicht die Beach-Boys-Superhits, sondern nachdenklichere Stücke - "God Only Knows", "Sloop John B. und "Soul Searching" erklangen mit einer unglaublichen harmonischen Wucht. Wilson musste zwar hin und wieder mit Hustenanfällen kämpfen und seine Stimme ist nicht mehr immer auf der Höhe. Aber der schüchtern-stoisch wirkende Mann hat seine Lampenfieberattacken, die ihn in jungen Jahren zum Tournee-Verzicht trieben, endlich überwunden und überspielt kleine Unzulänglichkeiten. Und zwar souveräner als bei der "Pet-Sounds"-Tour vor zwei Jahren.

Zeitlose Pop-Klassik

Dann wurden die rund 1.800 Fans in Frankfurt in den Kreis jener aufgenommen, die die Vollendung von "Smile" erleben durften. Wilson wollte damals als 24-Jähriger eine "Teenage Symphony to God" schreiben. Er wäre fast daran zerbrochen. "Ich machte Zeiten durch, die so schrecklich waren, dass ich mir nicht sicher war, ob ich das durchstehe", erinnert er sich auf seiner Webseite. Künstlerisch enttäuscht und psychisch erschöpft gab er schließlich die Führungsrolle bei den Beach Boys auf. Beach Boy Bruce Johnston nannte im "Rolling Stone" die "Smile"-Sessions "die schlimmste Zeiten, die wir je durchgemacht haben. Wenn ich mir die (Lieder) anhöre, fühle ich mich nur unwohl, ich kann hören, wie es Brian zerbröselt."

2004 ist "Smile" dagegen der reine Spaß für Musiker und Publikum. Danach spielte Wilson wie befreit all die Hits, die man von einem Beach Boy erwartet: "California Girls", "Help Me Rhonda", "Barbara Ann", "Fun Fun Fun"... Es war ein Riesenspaß. Wilsons Musik ist zur zeitlosen Pop-Klassik geworden, ein Maßstab und Vorbild: Viel mehr als nur eine Sammlung von Hits und Evergreens.

Uwe Käding, AP / AP