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"Stimmen gegen Armut"-Konzert: Woodstock liegt in Rostock

Rock gegen Armut: In Rostock spielen im Schatten des G8-Gipfels Stars wie Herbert Grönemeyer, U2-Sänger Bono, Bob Geldof und die Die Toten Hosen. Vor 70 000 Zuschauern erheben Sie ihre Stimmen für die Notleidenden dieser Welt.

Von Annette Stiekele

Die Organisatoren von "Deine Stimme gegen Armut" und Mitinitiator Herbert Grönemeyer riefen und alle kamen. Rund 70 000 globalisierungskritische Musikfans versammelten sich auf dem Rostocker IGA-Gelände, um parallel zum Treffen der G8-Mächtigen ein paar Kilometer weiter in Heiligendamm das große Musikfest "Music & Messages" zu feiern. Und statt der kritischen Demonstrationsbilder der vergangenen Tage ging es dabei äußerst friedlich zu. Flaschen mussten an den Eingangskontrollen draußen bleiben - sehr zur Freude der Sammler. Pünktlich um 14 Uhr eröffneten die Moderatoren Roger Willemsen und Sarah Kuttner die Veranstaltung, bei der insgesamt 15 nationale und internationale Bands für einen musikalischen Schulterschluss aus Nord und Süd, Arm und Reich sorgten. Die zivilen Eintrittspreise von nur 2,50 Euro sorgten schon Wochen vorher dafür, dass die Veranstaltung ausverkauft war.

Bei strahlendem Sonnenschein und satten 30 Grad eröffnete die Berliner Raggamuffin-Band Seeed das Megakonzert, dessen Zuschauerrund sich rasch füllte. Schnell kam zwischen brasilianischen Cocktailzelten und Imbissbuden Woodstock-Feeling auf. Familien ließen sich mit Sack und Pack auf Picknickdecken nieder, manche hatten ihre drei Kleinkinder dabei. Einige der überwiegend jugendlichen Besucher hüllten sich in Peace-Flaggen, andere trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Denken hilft". Dazwischen sah man auch einige halb abgeschmickte Clownsgesichter.

Skarock und Volksmusik

Neben bekannten westlichen Acts wie Silbermond, die Fantastischen Vier oder zu späterer Stunde die Aktivisten Youssou N' Dour, Herbert Grönemeyer und U2-Sänger Bono verbreiteten hier Musikgruppen aus von Armut betroffenen Ländern der Dritten Welt den musikalischen Reichtum ihrer Heimatländer. Die Band Bangla aus Bangladesch beispielweise ringt im eigenen Land gegen den islamischen Fundamentalismus. Und sorgte mit ihrem munterem Mix aus Bengalischer Volksmusik und modernem Pop für Tanzstimmung. Die nicaraguanische Skarock-Truppe Perrozompopo begeisterte mit derben Beats und rauen Underdog-Texten. Dazwischen flimmerten immer wieder Filme der sogenannten P8-Staaten, der "poor eight", über die zahlreichen Leinwände, Momentaufnahmen aus dem Leben in Bolivien, Uganda, Nicaragua, Sambia, Bangladesch, Mosambik, Kambodscha und Mali.

Flammende Reden

Immer wieder wurde die Musik auch von hochkarätigen Rednern aus aller Welt unterbrochen. Eindrucksvoll erläuterte der indische Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus das Prinzip seiner Mikrokredite. Vor 30 Jahren hatte er 42 Frauen jeweils 27-Dollar-Kredite gewährt. Ohne jede Sicherheit. Daraus sind mittlerweile sieben Millionen Kreditvolumen erwachsen. 97 Prozent der Kreditnehmer sind Frauen, denen es nunmehr gelingt, ihr Leben aus eigener Kraft zu organisieren. Die nicaraguanische Frauenrechtlerin Flo Martinez skandiert "Die reichen Länder haben eines Tages Biokraftstoff und wir haben einen leeren Magen." Neben den internationalen Gästen sorgten auch deutsche Beiträge für Nachdenken. Moderatorin Nora Tschirner richtete die Aufforderung an das feiernde Volk: "Die Stars haben es nicht in der Hand. Ihr habt es in der Hand." Schauspieler Jan-Josef Liefers hielt eine flammende Rede, in der er reichlich Seitenhiebe auf die Business-Class-Reisenden austeilte. Wenn der Gipfel anderswo die Gegner spaltet, hier blieben alle vereint.

Das Berliner Elektro-Duo 2Raumwohnung gab sich ungewohnt rockig mit den neuen Hits "36C" und "Nimm mich mit", die allseits geliebten Beatsteaks gaben schon früh ihren Hit "Don't Care As Long As You Sink" zum Besten. Die Inderin Vandana Shiva bekannte "Ich bin ein Rostocker" und sprach damit aus, was wohl alle hier in Sichtweite einer pastellfarben angemalten Plattenbausiedlung denken. Am Nachmittag gab auch noch Comedian Michael Mittermeyer eine eindrucksvolle Performance seiner "verbalen Inkontinenz". Neben Seitenhieben auf Angela Merkel bekam auch der amerikanische Präsident Bush hier sein Fett weg: "Präsident Bush ist das geistige Ozonloch. Das ist als würde ich einem Junkie eine Apotheke anvertrauen." Verbalattacken statt Pflastersteine - fast wie in Woodstock.