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"The Cuban Revolución": Knallhart, unverschämt und sexy

Reggaetón, ein Mix aus Reggae, Rap und lateinamerikanischen Rhythmen, rockt nicht erst seit diesem Sommer die Straßen Kubas und Puerto Ricos. Jetzt setzt sich der karibische Beat auch in Europa durch.

Von Heike Sonnberger

Überall auf Kuba schlägt einem der kraftvolle Mix aus Reggae, Rap und lateinamerikanischen Rhythmen entgegen, schwingen Hüften aufreizend zu den dunklen Sounds und den rollenden Beats: Reggaetón hat die Straßen der Insel nicht erst in diesem Sommer erobert. Die Musikrichtung entstand zuerst in den achtziger Jahren in Panama, Ende der Neunziger dann in Puerto Rico und in der Dominikanischen Republik.

In Kuba hat der Reggaetón mittlerweile so viele Anhänger, dass sich die Parteizeitung "Juventud Rebelde" berufen fühlte, gegen die Musik vorzugehen. Reggaetón würde zu Gewalt anstacheln und die Jugend verderben. Die Hits des Sängers "Candyman" stehen schon auf der schwarzen Liste, sind aus Radios, Discos und Schulen verbannt. Musiker wie Oneilys Hevora von der Band "Los 3 Gatos" aus Havanna wehren sich gegen den Vorwurf. "Meine Musik unterstützt weder schlechte Taten noch die Konterrevolution", sagte Hevora der Internetzeitung terra.com.

Von schnellen Schlitten und heißen Bräuten

Doch ganz blütenweiß und unschuldig ist der Reggaetón nicht - und will es auch gar nicht sein. Der Tanz zur Musik nennt sich "Perreo". Körper in hautenger Kleidung werden dabei aneinander gerieben - je erotischer, desto besser. Wie beim sexuellen Akt der Hunde, denn "el perro" heißt auf Deutsch "Hund".

Die Texte handeln vom Alltag auf der Straße, von Gewalt oder von Liebe, von schnellen Schlitten oder heißen Bräuten. Und von Sex. Manchmal sind sie bewusst doppeldeutig, wie der Hit "Gasolina" des Puertoricaners Daddy Yankee, der im vergangenen Jahr Europa eroberte. Voll Energie und fast ohne Melodie singt ein Frauenchor mit Fistelstimmen von "Benzin" - und gleichzeitig von "Sperma".

Männer weinen nun einmal nicht

Hochburg der kubanischen Musikszene ist Santiago de Cuba. Reggaetón ist der Groove der Straße und der Vibe der Hinterhöfe - es ist der Beat des jungen Kubas, das sich nicht in sozialistische Ideologien pressen lassen will. Aus Santiago kommt auch die CD "Reggaetón - The Cuban Revolución", die ab Freitag in deutschen Plattenläden ausliegt.

Die Mischung des Albums ist typisch Reggaetón: Die Band "El Médico" singt von "la bandita", der Gangsterfrau, die ihren Mann betrügt, der sie trotzdem liebt und deshalb seine Ohren vor dem Klatsch der Leute verschließt. Der zweite Hit der Band - "Wuah" - handelt genauso von Liebe und Leidenschaft und davon, dass der verlassene Liebhaber nicht weinen kann, weil Männer nun einmal nicht weinen.

"Heute sind wir jünger als morgen"

"Black Boy" rappt von Kampfflugzeugen, sterbenden Kindern und verhungernden Menschen und fragt, wo denn bitte die Terroristen seien. Der Song "Teach the Children" mahnt, dass wir nur eine bessere Welt schaffen können, wenn wir unsere Kinder gut erziehen. Denn ohne sie sind wir nichts und "heute sind wir älter als gestern und jünger als morgen".

Unverschämt, knallhart, selbstbewusst und sexy präsentiert sich Santiagos Musikernachwuchs auf der CD. Der erste Song, "Children of the Revolución", erzählt von einer Revolution, die nie entdeckt werden wird und von ihren Kindern, die wollen, dass ihnen endlich jemand zuhört. "Nur du allein weißt, was gut für dich ist", singen "El Médico", "Los Compadres" und "Kuva Man to Man". Kein Wunder, dass solche Texte den staatlichen Sittenwächtern zu aufmüpfig sind. "Viva Cuba libre!"

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