HOME

50 Cent: Bad Boy

Mit zwölf Jahren wurde Curtis Jackson Drogendealer - bis man ihn niederschoss. Heute verkauft er als Rapstar 50 Cent sein Gangster-Leben millionenfach auf CD.

Wenn er lächelt, sieht das Einschussloch aus wie ein Grübchen. Der Mann lächelt oft. Auch wenn er von jenem Morgen erzählt, der sein letzter hätte sein sollen. Eine Kugel, sagt er, durchschlug seine linke Wange und zertrümmerte einen Zahn und ein Stück Zunge, seitdem lisple er ganz leicht, "es ist ja mehr Luft im Mund". Eine andere Patrone - er hebt die rechte Hand - fetzte ihm einen Teil vom kleinen Finger weg. Sieben Schüsse landeten in seinen Oberschenkeln. Er konnte nicht richtig ausweichen, er saß ja im Auto. Der Schütze habe seinen Job richtig gemacht, sagt er listig, bumm-bumm-bumm mit der Neun-Millimeter-Kanone durchs Wagenfenster; er habe nur zu früh aufgehört.

Der Rapper

50 Cent sitzt in einem Büro seiner Plattenfirma in Los Angeles und schlägt sich mit der ringschweren Hand auf den Bauch. Es klingt dumpf, als klopfte er auf nassen Lehm. "Kugelsichere Weste", sagt er. "Trage ich wie Unterwäsche." Warum damals, im Mai 2000, auf ihn geschossen wurde? Er zuckt die mächtigen Schultern. Er kannte den Schützen nicht. Vielleicht wollte der jemandem einen Gefallen tun. Vielleicht hat ihn jemand bezahlt. Es spielt ohnehin keine Rolle mehr. Drei Wochen später war der Mann tot. Bumm-bumm-bumm.

In der Welt des Curtis Jackson, der sich 50 Cent nennt und im vergangenen Jahr mit seiner Musik schätzungsweise 50 Millionen Dollar eingenommen hat, ist Gewalt so allgegenwärtig, dass sie Außenstehenden unwirklich erscheint. Kleine Jungs, sagt Fifty und zeigt beim Lächeln eine Schwarzenegger-Lücke zwischen seinen Schneidezähnen, finden ihn cool, etwa so, wie sie Super-Mario cool finden. Ein Popstar, der von scharf bewaffneten Bodyguards bewacht wird ("Sie drücken ab, wenn ich es ihnen befehle") und zu seinen Konzerten im bombensicheren Auto fährt, nicht aus Jux, sondern weil er zu allem entschlossene Feinde hat - ist das nicht absurd? Abstoßend. Faszinierend. Eine Art düsterer Glamour geht von 50 Cent aus - er weiß, wovon er rappt, er hat es am eigenen Leib erfahren, all die Gang-Kämpfe und Messerstechereien.

"The Massacre" heißt sein zweites Album, das am 7. März erscheinen wird. Rhythmische Großstadterzählungen voller Gefahr, Rache und Lust, vorgetragen in seinem unaufgeregten Singsang, untermalt von sexy Melodienbögen. Werden die Fans ihm wieder folgen? Kann ein Multimillionär noch glaubhaft über den Alltag in den Schwarzenghettos von New York räsonnieren, nachdem er sich eben eine 18-Zimmer-Villa in Connecticut gekauft hat?

Der 28-Jährige hat etwas Tapsiges, Weiches an sich, doch manchmal blicken seine Augen kühl und scharf. "Ich war länger arm als reich", sagt er und kratzt beiläufig die Bleiweste. Mit zwölf hatte er angefangen zu dealen, mit fünfzehn besorgte er sich eine Waffe, weil andere Jungs versucht hatten, ihn auszurauben. Er hatte Angst, als er das erste Mal abdrückte. Beim nächsten Mal fiel es ihm leichter. Und dann war es ganz normal.

Hat er jemals einen Menschen getötet? Nein, sagt er. Was soll er sagen? Seine Mutter starb, da war er acht Jahre alt. Sabrina Jackson, ruhelos und aggressiv, CrackDealerin. Jemand machte sie bewusstlos, vielleicht mit einem gepanschten Drink, und stellte den Gasofen an. Der Täter wurde nie gefasst. Curtis wuchs bei seinen Großeltern auf, die er sehr liebte. Anständige Leute, sagt er, noch heute schimpft ihn seine Oma, wenn er ihr teure Geschenke macht. Nie wäre er als Kind auf die Idee gekommen, sie um Geld zu bitten, für neue Turnschuhe zum Beispiel. Er wandte sich an die Freunde seiner Mutter. Die gaben ihm ein paar Päckchen Heroin, "sie mochten mich", und bald konnte sich Curtis kaufen, was er wollte.

Als ihn die Polizei

nach mehreren Scharmützeln im Juli 1994 mit Crack, Heroin und einer Pistole erwischte, wurde er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt, landete aber für ein halbes Jahr in einem Umerziehungslager. "Wenn ich die Musik nicht gehabt hätte", sagt er, "wäre ich heute entweder im Knast oder tot."

Nach dem Bootcamp fing er an zu rappen. Er lernte bei Jam Master Jay vom berühmten HipHop-Trio Run DMC (der DJ wurde im Jahr 2002 erschossen; die Musikszene, in der Curtis sich nun bewegte, unterschied sich nur graduell vom Ghetto). Er nannte sich jetzt 50 Cent - das sei "change", Wechselgeld. Und: "Change" bedeutet auch Veränderung. Er wurde Vater eines Jungen zu jener Zeit. Marquise ist heute acht Jahre alt. In Interviews erwähnt er das Kind nie von sich aus, es soll keine Zielscheibe werden.

Columbia Records bot ihm einen Vertrag an. Innerhalb von nur drei Wochen nahm er 36 Songs auf, darunter den satirischen Rap "How To Rob", in dem er erfolgreiche Kollegen wie P. Diddy veralberte. Jay-Z fauchte in einem Song zurück: "Who the fuck is 50 Cent?", und Curtis avancierte zur Underground-Berühmtheit.

Im März 2000 wurde er während einer Streiterei, bei der auch der Musikmanager Irv Gotti anwesend war, niedergestochen. Dessen Label trägt den schönen Namen "Murder Inc.". Im Mai folgten die neun Schüsse. Die Columbia trennte sich entsetzt von ihrem Schützling. "Das tat mehr weh als die Schusswunden", sagt 50 Cent.

Er fing wieder an zu dealen. Doch jetzt interessierten sich andere Plattenfirmen für den "Dead Man Walking", wie ein Musikblatt ihn nannte. StarRapper Eminem nahm 50 Cent unter Vertrag. "Wir sind Freunde", sagt Curtis Jackson. Wie zum Beweis klingelt sein Handy. "Em" ist dran. Zum dritten Mal heute schon. Sie reden über die neue Platte. Alle sind nervös, so viel Geld steckt in der Produktion, in der Werbung; was immer 50 Cent heutzutage anfasst, es ist kein Kleingeld.

Im vergangenen Jahr hat er rund 20 Millionen Dollar eingenommen durch seinen Vertrag mit Reebok, weitere 50 Millionen mit Sportmode. Ein Videospiel ist geplant, im Sommer eine Tournee mit Eminem, im April ein Kinofilm. Wovon der handeln soll? Von Fifty natürlich. 50 Cent ist längst eine Marke geworden, ein Megageschäft. Zynisch gesagt, ist sein größter Marketingvorteil, dass er dem Tod so nahe ist. Als Jam Master Jay erschossen wurde, hieß es sofort, 50 Cent sei wohl der Nächste. Anfang 2003 wurde ins Büro seines Managers geschossen. Und er selbst war kurz zuvor festgenommen worden, weil die Polizei zwei Pistolen in seinem Auto fand. Er hat keinen Waffenschein, aber "ich lasse mich lieber von der Polizei erwischen", sagt er, "als ohne Waffen."

Hat er Angst davor, dass eines Tages einer kommt, der seinen Job richtig macht? Der erst aufhört zu schießen, wenn alles vorbei ist? "Sterben müssen wir alle", sagt er mit diesem irritierend netten Lächeln. "Der Trick ist, keine Angst zu haben vor dem Leben."

Christine Kruttschnitt / print