AC/DC Hart in der Pose, weich in der Seele


Trotz Krise in der Musikbranche sorgt ausgerechnet Hardrock für Millionenumsätze. Jetzt melden sich sogar die Rock-Urväter AC/DC mit einer neuen CD zurück.
Von Hannes Roß und Jochen Siemens

Es gibt wenige Menschen, die das Wort "Klavier" so klebrig aussprechen können. Klavier? Er, Angus Young, Gründer und Gitarrist der Hardrock-Göttergruppe AC/DC? Ja, hat er mal versucht, ein AC/DC-Stück am Kla…? - ach, lassen wir das. Er spreizt die Hände auf dem Tisch und zieht ein Gesicht, als würde er in einen Hundehaufen fassen. Gitarrenmusik ist seine Existenz, und natürlich geht jede Idee aus seinem Kopf sofort über seine Hände in die Gitarre. Auslöser für solche Ideen kann ein Traktor auf seinem Bauernhof in den Niederlanden sein, wo der Australier Angus Young seit ein paar Jahren mit seiner Frau Ellen lebt. Oder ein Gewitter, wenn der Rhythmus der Blitzschläge klingt wie der Anfang eines Songs. Ein Klavier, ganz einfach, taugt dazu nicht.

Wenn Young, 53, dann auch noch über das 17. und neue Album "Black Ice" sagt, dass es immer darauf ankomme, "alles auf die simpelsten Inhalte herunterzubrechen", "es einfach zu halten" und sich nicht "in unsinnigen musikalischen Ausflügen zu verlieren", könnte das Feuilleton schon die Nase rümpfen. Dabei war die Mission immer klar. AC/DC, gegründet 1973 von den Brüdern Angus und Malcolm Young, wollte "den bekifften Hippie-Sound mit Rockmusik wegpusten", wie Angus sagt. Seitdem ist der sägende Drei-Akkord-Sound für viele Feingeister einfach nur erfolgreicher Höllenlärm.

Vom Rand in die Mitte

Sinnlos, jetzt einzuwerfen, dass "Black Ice" das beste Album von AC/DC seit Jahren ist. Fast eine Stunde Musik, voller Druck und, ja, Spielfreude. Nein, man kann nicht erklären, warum, kann nicht sagen, welche filigranen Riffs sich Angus Young ausgedacht hat, man kann das nicht in kultivierte Kritikersätze gießen. Man spürt es einfach. Am ganzen Körper.

Ja gut, höhnt das Feuilleton, auch Männer, die ihre Bierflasche mit der Nase aufmachen und ihre Frauen Tussen nennen, müssen ja irgendwas hören. Und hier beginnt der große Irrtum. Denn es ist lange her, dass Hardrock und seine Spielarten Metal oder Speed-Metal die letzte verlässliche Bürgerschreckkultur darstellten. Mit dem Älterwerden ihres Publikums "drängt die Heavy-Metal-Szene in die Mitte der Gesellschaft" ("Der Spiegel"), und "der Mainstream hört jetzt Trash-Metal" ("SZ"). In der unübersichtlichen Suppe der Musikstile aus Chart-Sternchen, Deutsch-Rap oder Lounge-Music schwimmt der Hardrock im Stile von AC/DC auf einmal wie eine klassische Bockwurst.

Die kompositorische Einfachheit und der Verzicht auf Überraschung ist der Kunstgriff des Hardrock. "Ich glaube, wenn man älter wird und sein Leben ausgestattet hat, wünscht man sich, dass es wieder einfacher wird. Das ist wie in einer Wohnung voller Möbel, die man gesammelt hat. Alle schön, aber man kann sich nicht mehr bewegen", sagt Angus Young über den wachsenden Erfolg der Hardrock-Musik. Dass sich manche Bands wie Manowar oder Motörhead bei ihren Konzerten noch einen Kampf um die lauteste Dröhnung liefern und den Bass auf 131 Dezibel aufdrehen, ist dabei nur ein Ritual unter den härtesten Fans. Der mittelständische Manager, der Banker oder der ehemalige Außenminister Joschka Fischer hören AC/DC im Auto oder zu Hause.

"RockMusik bezieht ihre Bedeutung nicht aus dem, was sie ist, sondern was sie bewirkt", schreibt der Musikkritiker Chuck Klosterman in seinem Hardrock-Geschichtsbuch "Fargo Rock City". Und im Gegensatz zu Lautstärke und wilden Männerverkleidungen der Hardrocker scheint ihre Wirkung genau im Gegenteil zu liegen. Denn nur wer die Hardrock-Kultur nicht kennt, fürchtet sich vor Exzessen und Gewalt. Die Einwohner des kleinen Dorfes Wacken in Schleswig-Holstein dagegen empfangen die Kuttenträger jedes Jahr wie eine lang vermisste Erbtante.

Nieder mit den Vorurteilen

Immer im Sommer rücken bis zu 75 000 Zuschauer mit Zelten und Schlafsäcken in Wacken an, zum größten Heavy-Metal-Festival der Welt. Eine Versammlung von Hardrockern, die vor zehn Jahren noch Angst und Schrecken verbreitet hätte. Heute spielt die Blaskapelle Wacken zur Begrüßung. Und ist das Festival vorbei, räumen die Rocker noch jeden Strohhalm von der Wiese. Die Forschung bestätigt die zarte Seele in der harten Schale. So fand eine Studie der schottischen Heriot-Watt University heraus, dass Hardrock-Fans unter allen Musikliebhabern die sanftmütigsten sind und auf einer Ebene mit Anhängern klassischer Musik "kreativ sind und sich wohlfühlen". Auch Angus Young, der bis heute auf der Bühne in einer australischen Schuluniform herumtobt, fällt zur aktuellen Popmusik nichts ein, wohl aber zu Wagner: "Ein Donnergott wie AC/DC." Und Beethoven: "Der Anfang der 5. Sinfonie ist große Klasse, wie ein Gitarrenriff von AC/DC."

Und so werden kommende Woche weltweit wieder Zigtausende in die Läden laufen und sich AC/DCs "Black Ice"-Album mit seligem Lächeln im Gesicht kaufen und denken, was das Nostalgiekaufhaus Manufactum auf seine Kataloge schreibt: "Es gibt sie noch, die guten Dinge." Ähnlich wertkonservativ weigert sich AC/DC, ihre Musik übers Internet verkaufen zu lassen. Der Hardrocker, so Young, ist eben kein Klicker und Downloader, und AC/ DC-Platten sind immer Alben gewesen und keine zufällige Ansammlung von Songs. "Unsere Fans wollen die Platte, physisch, zum Anfassen, ein Cover und was zu lesen", sagt Young. Mehr als 150 Millionen Stück hat AC/DC bis heute verkauft - ihre Musik ist eine stabile Währung in der Krise des Popgeschäfts.

Treue und Gemeinschaftsgefühl

Die Treue der Hardrock-Gemeinde bestätigt auch Sandra Eichner, Marketingchefin von Nuclear Blast, des größten Metal-Independent-Labels der Welt, Firmensitz Donzdorf bei Göppingen, Jahresumsatz 20 Millionen Euro. "Die Leute nervt die Kurzlebigkeit von Castingshows und die Flüchtigkeit von neuen Trends. Hardrock ist authentisch und ehrlich. Es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl, was man ja sonst kaum noch findet."

Hart in der Pose, weich in der Seele - angesichts von Politikverdrossenheit und Sozialfrust wird der Hardrocker zum Inbegriff des Aufrechten. Die Marketingabteilungen haben das schnell erkannt. Ja, sagt Angus Young, es haben schon viele Firmen bei AC/DC angefragt, um ihre Musik für Werbung zu benutzen. Aber, er schüttelt lächelnd den Kopf, "die wollen ein Lebensgefühl, für das wir 30 Jahre Musik gemacht haben, in drei Minuten für sich kaufen." Wichtig sei, so Angus, dass man sein ganzes Leben wie einen AC/DC-Song lebe. "Rocking all the way", wie es auf dem Album heißt.

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