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Albumdebüt von Elif: Die Berührbare

Nach Bushido und Seeed tritt Elif an, von Berlin zu erzählen. Das fängt damit an, dass die 20-Jährige sich von dem Moloch freimacht. Mit Liebe im Blick, Feuer im Herzen und einer Prise Audrey Hepburn.

Von Sophie Albers Ben Chamo

stern.de live Elif: Das gute Ende einer Castingshow

Sie ist auf jeden Fall eine Erscheinung: groß, schmal, barfuß. Im schwarzen Kleid, in das ihre langen dunklen Haare hinüber zu fließen scheinen, steht die 20-Jährige im Berliner Soho-Haus vor einer Gruppe Journalisten und kippt ihr Herz aus. Einfach so. Und so anders als der Rest, der einem derzeit ins Ohr will.

Und dann diese Stimme. Schmeichelnd dunkel, ganz Frau, dann wieder Mädchen, manchmal nach oben ausbrechend, doch nie außer Kontrolle. Manchmal türkische Popmelodie, dann wieder eher Feist. Als sie "Baba" singt, ein Lied über ihren Vater, der auch 30 Jahre nach der Einwanderung aus der Türkei nicht in Deutschland angekommen ist, hat sie Tränen in den Augen. Mit ihr ein guter Teil des hartgesottenen Pop-Business-Publikums.

Wie eine Elfe fliegt Elif zwischen den Songs und ihren immer ganz persönlichen Erklärungen hin und her. Am Ende hat man das Gefühl, nicht nur ihre Familie und besten Freunde (das wunderbare "Feuer"), sondern auch heimliche Verliebtheiten zu kennen. Unter anderem den Typen, mit dem sie einst eine Berliner Nacht durchtanzt hat, den sie nicht vergessen kann, dem sie den Song "Unter meiner Haut" gewidmet hat, was gleich der Albumtitel geworden ist. Denn darum geht es auf diesem vollmundigen Debüt, das am Tag seiner Veröffentlichung die iTunes-Charts stürmt: Sehnsucht und unsere Idee davon, die Elif in wunderschöne Worte packt.

Bodenständige Elfe, die Metal mag

Aber diese Elfe ist bodenständig. Lacht viel, machmal sogar ein bisschen dreckig beim Interviewtermin in Kreuzberg. Metal mag sie übrigens auch. Sie steht mit beiden Beinen fest in ihrem Karriereplan. Denn: "Wenn ich nicht selbst so krass an mich glauben würde, wer dann?" Dann wiederum freut sie sich auf Facebook wie ein Kind über jeden Zuspruch, um sich gleichzeitig darüber zu wundern, dass ihr überhaupt jemand zuhört.

Laut sei ihre Kindheit in Moabit gewesen, sagt Elif in ihrem eleganten schwarz-weißen Outfit. Wie eine Berliner Version von Audrey Hepburn sitzt sie da. Kerzengerade, die schmalen, gepflegten Hände auf dem Knie. "Drei Geschwister", erzählt sie weiter. "Und in türkischen Familien wird immer sehr laut geredet. Und aus einer Mücke wird immer ein Elefant gemacht. Das mache ich heute noch in meinen Songs". Sie wirft den Kopf zurück und lacht, streicht das entkommene Haar aber gleich wieder hinter das Ohr.

Erste Sprache Türkisch, ab dem Kindergarten Deutsch. "Heute rede ich mit meiner Mutter meist Türkisch und mit meinem Vater Deutsch. Und ich bin sehr glücklich darüber, denn sonst würde ich die Sprache verlernen. Und das wäre sehr schade. Außerdem: Wenn ich in der Dönerbude auf Türkisch bestelle, dann machen die immer mehr Fleisch rein." Elif hat ein Gespür für Pointen. Und sie hat Haltung, was dieser Tage verdammt angenehm ist. Sie klingt fast ein bisschen empört, wenn sie sagt, dass sie schon immer auf Deutsch schreibe. "Es ist eine Gabe, auf Deutsch singen zu können. Das kann nicht jeder." Denn dazu müsse man wirklich ehrlich sein.

Mein Album kann man nicht neben "Popstars" stellen

Um das leidige Thema "Popstars" kommt sie nicht herum. Sie war süße 16, als ein "Kumpel" sie einfach angemeldet hat. "Ich war sehr jung, ich habe keine Castingshows geguckt und wusste überhaupt nicht, worum es geht. Ich konnte nur einen Song und bin dann da hingegangen", erzählt sie. "Ich glaube, dass man das in dem Alter noch gar nicht checkt. Wäre ich 20 gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht mitgemacht."

Wenn man die kleine Elif bei "Popstars" sieht, verblüfft ihre Selbstsicherheit angesichts dieser Entertainment-Maschine. Aber man glaubt ihr jedes Wort, wenn die große Elif sagt, dass sie die Show eben als Sprungbrett genutzt habe. Und der Sprung landete im Debütalbum, mit dem sie den Leuten zeigen wolle, was sie kann. "Es hat mich so gestört, dass mich immer alle mit dem "Popstars"-Image identifiziert haben. Mein Album kann man nicht neben Popstars stellen!"

Aber zurück zu den Gefühlen, die Elif so begnadet in Worte und Töne fasst: Haben Sie den Mann aus "Unter meiner Haut" eigentlich je wiedergetroffen? "Nein, aber ich werde ihm bestimmt irgendwann wiederbegegnen, und dann werde ich ihm sagen, dass ich total blöd war. Und er auch. Aber am Ende bekomme ich ja die Gema."

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