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Scheibes Kolumne: Arbeiten im ICE

stern.de-Kolumnist Scheibe ist im ICE unterwegs - von Berlin nach Frankfurt. Auf dem Notebook will er noch rasch ein paar ausstehende Texte schreiben. Das klappt ganz gut. Nur das mobile Internet, das bereitet ihm noch graue Haare.

Berlin-Spandau, Donnerstag, 8 Uhr 30 in der Früh. Es ist saukalt, der Wind fegt durch den offenen Bahnhof und ich stelle fest, viel zu dünn angezogen zu sein. Ich fröstele und halte mich an einem warmen Croissant fest. Mein ICE nach Frankfurt kommt überpünktlich und ich wuchte meine Tasche und den Kleidersack mit dem Anzug in die Erste Klasse. Ich muss nach Wiesbaden, um hier für die Telekom einen Preis bei der jährlichen Veranstaltung "Software des Jahres" zu übergeben und eine Rede zu halten. Die Rede muss ich noch im Zug ausarbeiten. Zusammen mit anderen Texten.

Ich lande in Wagen 9 auf Platz 11. Ein Einzelplatz am Fenster. Fünf Minuten dauert es, mich an meinem Platz zu verkabeln. Notebook aufbauen, Steckdose suchen, Maus anschließen, iPhone an den Rechner ankoppeln, Musik einschalten. Peter Fox. Stadtaffe. Da habe ich endlich mal Zeit, mir die genialen Texte genau anzuhören.

Kein Empfang

Ich stecke meinen O2-Surfstick in das Notebook, rechne aber nicht damit, einen Empfang zu bekommen. Das geht im schnellen Zug sicherlich nicht gut, das habe ich vor einem Jahr schon einmal probiert. Und tatsächlich: Während der ICE durch das dürftig besiedelte Brandenburg rauscht, zeigt die Mobil-Software keinen Empfang an. Macht nichts, denke ich, während draußen abgeerntete Felder vorbeirauschen und ich im wackelnden Zug Probleme damit habe, die Finger ruhig über der Tastatur zu halten. Ich habe meine Arbeit so vorbereitet, dass ich sie auch ohne Online-Zugang erledigen kann.

Dummerweise stimmt das nicht. Ich habe einen Text vergessen und brauche nun das Internet, um mir das File aus dem Web herunterzuladen. Ich schaue noch einmal in das Fenster der Mobil-Software und entdecke hier auf einmal zwei Balken und die Ansage: GPRS OS-de. Ich stelle die Verbindung her, aber sie ist nicht die schnellste. Outlook springt an und möchte Mails abrufen. 79 warten da schon, gleich die erste hat einen Anhang mit 2 MB Größe. Die Bytes geben sich einzeln die Klinke in die Hand, Mensch, das dauert ja ewig. Auch der Web-Browser braucht ewig, um die angeforderte Seite aufzubauen.

Ich starre wie das Karnickel auf die Schlange. Aber kurz bevor die Riesen-Mail angekommen ist und die Web-Seite sich fertig aufbaut, ist die Verbindung auf einmal weg. Mist. Alles Warten umsonst, das war jetzt noch nicht der große Deal. Da ich ohne die Datei noch nicht arbeiten kann, behalte ich genau die Anzeige der Mobil-Software im Auge. Ein paar Minuten später steht hier EDGE tmo d. Draußen ist es stürmisch, aber die Verbindung hält. Während Outlook die Mails abgreift, hole ich mir meine Datei. Wunderbar. Kaum ist die letzte Mail an Bord, stirbt die Verbindung auch schon wieder und lässt mich im Tal der Ahnungslosen zurück. An Arbeiten ist nicht zu denken, erst einmal müssen die Mails beantwortet werden. Ich tippe munter drauflos, während sich die eigenen Mails im Postausgang auftürmen.

Immer noch kein Empfang

Inzwischen laufen die beiden CDs von Nine Horses, da wird man immer so schön depressiv bei. Ich arbeite konzentriert und schnell und habe den Text nach einer Stunde im Sack. Er landet im Postausgang und wartet hier darauf, verschickt zu werden. Aber noch immer gibt es keinen Empfang.

Ich traue meinen Augen nicht, als wir in einer größeren Stadt Halt machen. Auf einmal bekomme ich noch im Bahnhof stehend eine ultraschnelle Internet-Verbindung mit UMTS O2-de. Meine Mails rauschen raus aus dem Postfach wie Köttel aus einem überfressenen Karnickel. Schnell rufe ich im Web-Browser ein paar Nachrichtenseiten auf, sodass sie schon einmal geladen sind - für später. Dann rufe ich neue Mails ab. Und da kommt endlich eine 5-MB-Datei, auf die ich dringend warte. Der Browser zählt bereits die Bytes hoch - 1 MB, 2 MB, als sich der Zug mit knirschenden Rädern in Bewegung setzt. Stopp, Stopp, noch nicht! Hoffentlich hält die Verbindung. Aber das tut sie natürlich nicht. Noch vor den 4 MB ist Schluss mit lustig - und ich schaue in die Röhre.

Inzwischen habe ich ein ganz anderes Problem. In Frankfurt habe ich 8 Minuten Zeit, um in den Zug nach Wiesbaden umzusteigen. Doch erst müssen wir warten, weil vor Göttingen ein Zug die Gleise blockiert. Später müssen wir gar einen Umweg fahren, weil eine Signalanlage defekt ist. Das macht in Summe 30 Minuten Verspätung. Na super. Ich hab in Wiesbaden eh nur 30 Minuten Zeit, um mein Hotel zu finden und mich umzuziehen, bevor das Shuttle zum Jagdschloss Platte aufbricht - dem abendlichen Veranstaltungsort.

Es geht auch anders

Ich setze eine Mail an meinen Kollegen Rainer auf, damit er das Shuttle aufhält. Aber als ich endlich wieder eine Verbindung bekomme - HSDPA O2-de -, ist es wieder eine langsame. Und Outlook lädt erst mal gemütlich die 5-MB-Datei herunter, was Stunden dauern kann, bevor sich das Programm um den Postausgang kümmern kann. Also bin ich mal schlau und greife zum Handy, um Rainer direkt anzurufen. So geht's ja auch. Dann lehne ich mich zurück, starte die kompletten Werke von Madness und entspanne mich noch ein wenig.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania