ALICIA KEYS Roll over Beethoven


Klassik trifft HipHop: Die US-Sängerin Alicia Keys ist das neue Wunderkind der Soul-Musik. Dabei wäre sie auf dem Weg an die Spitze beinahe an ihrem Talent gescheitert.

Von Hannes Ross

Endlich! Da taucht zwischen all den hinternwackelnden, ansonsten aber wenig bewegenden Pop-Püppchen auf einmal eine junge Sängerin auf, die nicht nur gefühl- und kraftvoll singen, sondern außerdem richtig Klavier spielen kann. Klassisches Klavier. Am liebsten Sonaten von Beethoven oder Chopin, wie sie sagt, aber die dann bitte hübsch gemischt mit HipHop. Dass dieses Wunderkind auch noch besser aussieht als alle seine magersüchtigen Gesangskolleginnen, ist lediglich eine schöne Beigabe.

Von Alicia Keys ist die Rede. Seit die 20-Jährige aus New York vor ein paar Wochen ihr Debütwerk »Songs In A Minor« veröffentlicht hat, ist die sonst so abgebrühte Pop-Welt in Aufruhr. Einige feiern sie schon als die Roberta Flack (»Killing Me Softly«) ihrer Generation. Mehr als zwei Millionen Mal hat sich ihr Album innerhalb weniger Wochen allein in den USA verkauft, auf ihren Konzerten drängeln sich Stars wie Christina Aguilera, Britney Spears und Ben Stiller, und der Soul-Altmeister Stevie Wonder hat angekündigt, dass er unbedingt ein Duett aufnehmen möchte.

Tatsächlich ist »Songs In A Minor« das wohl schönste und außergewöhnlichste R&B-Album des Jahres. Eine leidenschaftliche Liebeserklärung an den Soul der 70er Jahre, gemischt mit HipHop-Beats und klassischen Klavier-Melodien. Vor allem aber beweist Alicia Keys' Erstling, dass eigenwillige und selbstbewusste Künstler nicht zwangsläufig im herrschenden Einheitsbrei untergehen müssen.

Dafür hatte die Sängerin allerdings lange zu kämpfen. »Sie wollten eine andere aus mir machen. Ein hübsches, kleines Mädchen, das tut, was man ihm befiehlt«, sagt Alicia Keys. Sie hockt an diesem Nachmittag, eingehüllt in eine schwarze Daunenjacke, auf der Rückbank eines Mercedes-Van, der sie vom Hotel zur Aufzeichnung der »MTV-Awards« in Frankfurt bringt. 30 Minuten dauert die Fahrt, 30 Minuten, in denen Alicia Keys von ihren 20 Jahren Leben erzählt. Vieles daraus klingt wie eins dieser Pop-Märchen, vieles aber auch wie ein Lehrstück über die eisenharten Mechanismen der Musikindustrie.

Aufgewachsen ist sie in Manhattan mit einer weißen Mutter, die selbst davon träumte, Sängerin zu werden, und einem schwarzen Vater, der als Flugbegleiter sein Geld verdiente. Die kleine Alicia ist das Wunschkind des jungen Paares, doch nach zwei Jahren zerbricht die Ehe. Der Vater verabschiedet sich an einem normalen Wochentag zur Arbeit - und kehrt nie wieder zurück zur Familie. »Als ich jung war, hat mich das sehr hilflos gemacht«, sagt Alicia Keys und schaut raus auf die verregneten Straßen des Frankfurter Bankenviertels, »aber es half mir auch zu begreifen, dass man sich auf nichts und niemanden im Leben verlassen kann.«

Mit dieser Einzelkämpfer-Philosophie läuft sie von nun an durchs Leben. Wer ihr auf der Straße schräg kommt, kriegt Ärger. Sie geht keinem Streit aus dem Weg. Trotzdem schafft sie in der Schule fast immer Bestnoten, weil sie mit aller Kraft für ein einziges Ziel arbeitet: Sie will Karriere als Soul-Sängerin machen.

Davon träumen auch Alicias Freundinnen, aber während die sich im Fitnessstudio quälen, um ihren gestählten Körper abends in den New Yorker Clubs zu präsentieren, nimmt sie in ihrer Freizeit Klavierunterricht. »Du kannst alles aufgeben in deinem Leben, aber bitte nie das Klavierspielen«, sagt ihre Mutter vor der ersten Stunde. Alicia hält sich daran.

Der Plan vom Ruhm scheint aufzugehen. Die Geschichte vom ehrgeizigen Wunderkind, das perfekt Chopin auf dem Klavier spielt und so umwerfend singt wie die junge Aretha Franklin, hat sich in der New Yorker Musikbranche herumgesprochen. Doch ausgerechnet in dem Moment, als Alicia Keys mit 16 Jahren den lang ersehnten Plattenvertrag bekommt, beginnen die Probleme.

»Sie schickten mir berühmte Produzenten ins Studio, die meine Songs zu billigem Hit-Schrott umarbeiteten«, klagt sie. »Es lief nach dem Motto: «Sei ein hübsches Mädchen, halt den Mund, und wir machen dich zum Star».« Weil sich Alicia Keys beharrlich weigerte, ihre Songs zielgruppengerecht an das MTV-Publikum zu verscherbeln, passierte ein paar Monate erst einmal gar nichts: kein Album, kein Auftritt, kein Ruhm, nur ein paar müde Füll-Songs für die Soundtracks von »Men In Black« und »Shaft«, die niemand hören wollte.

Doch dann hat der Prinz im Alicia-Märchen seinen Auftritt: Star-Produzent Clive Davis. Auf dessen Schreibtisch landete ein Demoband von Alicia Keys. Und der Mann, der schon Mitte der 80er Jahre die junge Whitney Houston entdeckt hatte, war hingerissen von Alicia Keys und zögerte nicht lange. Davis nahm sie bei seiner neu gegründeten Plattenfirma J Records unter Vertrag und ließ sie in Eigenregie ein Album aufnehmen, das schon heute als junger Klassiker der Soul-Musik gelten kann.

»Es gibt eine Menge Leute, die mir in meinem Leben geholfen haben, aber Clive Davis hat mehr getan: Er hat mir das Leben gerettet«, schwärmt Alicia Keys. Die Ampel vor der Frankfurter Festhalle springt auf Grün. Die Fahrt ist zu Ende, in ein paar Stunden wird sie vor einem Millionenpublikum auf der MTV-Bühne stehen. Vor dem Aussteigen dreht sie sich noch einmal um und sagt: »Eigentlich zählt im Leben nur eins: Tu immer das, was du für richtig hältst.«

Ein Allerweltsspruch, wie man ihn normalerweise in chinesischen Glückskeksen findet. Aus dem Mund von Alicia Keys klingt er wie pure Weisheit.


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