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Annett Louisan: Kleine Verführerin

Sie will doch nur spielen: Annett Louisan singt auf ihrem Debütalbum "Bohème" liederliche Lieder über die Liebe.

Kann sein, dass sie in diesem Moment wieder jemand nach ihrem Ausweis fragt. Beim Zigarrettenkaufen zum Beispiel: Bist du denn schon 16, junges Fräulein? Kann sein, dass Annett Louisan, ungeschminkt, blondes langes Haar, 152 Zentimeter groß, Kindergesicht, dann ihr zuckersüßes Lächeln aufsetzt und den Ausweis hervorkramt: Geburtsdatum 2. April 1979. Na, wie 25 sehnse aber nich' aus, junges Fräulein. Wiedersehn. Es ist immer das Gleiche. Man unterschätzt sie.

"Dagegen kann ich nichts tun", sagt Annett Louisan, "klein, blond, süße Stimme - schon machen sich die Leute falsche Vorstellungen über mich. Aber es ist doch viel besser, unterschätzt als überschätzt zu werden, oder?" Sie lächelt. Wer will da widersprechen?

Natürlich legt sie es darauf an. Ihre erste CD "Bohème" ist ein tückisches kleines Album mit sparsam instrumentiertem Pop und Chanson.

"Bohème" wird polarisieren: Annett singt ein bisschen wie die Französin Vanessa Paradis; leise, verspielt, mit einer ganz kleinen Mädchenstimme. "Ich könnte auch anders singen", sagt Annett, "aber Gesangsposing gehört hier nicht hin, weil das die Texte schwächen würde."

In der Tat: Trällerte Annett Louisan bloß Liebes-Platitüden - "Bohème" würde untergehen. Aber sie singt deutsche Texte von der Macht einer jungen Frau über Männer: "Dass du nicht mehr schläfst/weil es dich erregt/wenn ich mich beweg/wie ich mich beweg/dass du fast verbrennst/unter meiner Hand/wenn ich dich berühr/hab ich nicht geahnt/ich steh nur so rum/tu so dies und das/fahr mir durch das Haar/und schon willst du was/ ich will doch nur spielen/ich tu doch nichts!" Erster Gedanke: Lolita-Pop. Zweiter Gedanke: raffiniertes Luder. Dritter Gedanke: Die meint das ironisch.

Natürlich will sie nur spielen

- aber nach ihren Regeln. Mit diesem Klein-Mädchen-Charme und einem Augenaufschlag, der alles verspricht, aber offen lässt, was er einlöst. Sie spielt die Lolita mit entwaffnender Direktheit - und es ist erstaunlich, dass diese Idee zwölf Songs lang funktioniert. Plötzlich kleben Annetts liederliche Lieder an einem fest wie Pattex.

Bis "Bohème" war es ein weiter Weg: Annett wuchs in einer Plattenbauwohnung in Brandenburg auf. Mit vier Jahren hörte sie "In The Ghetto" von Elvis Presley. Den wohligen Schauer, den die Musik bei ihr erzeugte, habe sie nie vergessen. Mit 13 zieht sie 1992 mit ihrer Mutter nach Hamburg. Vom Land in die Stadt, vom Osten in den Westen, von der Kindheit in die Pubertät - eine schwierige Zeit. Sie beginnt zu malen, studiert später Design und finanziert sich mit Gesangsjobs für Tonstudios. Dann singt sie auf einem Demoband Joachim Witts "Goldener Reiter" - mit kleiner Mädchenstimme. Der Produzent einer Plattenfirma horcht auf. Gleichzeitig lernt sie Frank Ramond kennen, einen Texter und Musiker, der unter anderem schon für Udo Lindenberg und Vicky Leandros gearbeitet hat.

Ramond kanalisiert Annetts Beobachtungen in Texte, die so treffend sind, weil sie ganz schlicht und klischeefrei daherkommen. Die Wirkung verblüfft: Annett Louisan reizt nicht nur, sie flirtet nicht nur mit dem Zuhörer, sie kann ihn sogar berühren. Wie in "Daddy", einem Song, der von einem Mädchen handelt, das ohne Vater aufgewachsen ist und sich fragt, warum ihm der Vater nie gefehlt hat.

Auch Annett hat ihren Vater nie kennen gelernt. "Ja", sagt sie, "dieser Song ist sehr nah bei mir." Sie blickt einen Moment ins Leere, gibt sich einen Ruck. "Aber diese Sache ist abgeschlossen. Es geht nicht um mich, sondern um meine Beobachtungen. Ich überzeichne meine Ideen, um sie rüberzubringen. Manchmal verführe ich gerne, manchmal will ich in Ruhe gelassen werden." Das hört man.

Tobias Schmitz

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