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Bob Dylan: Legende im Rentenalter

Von seinen Songs gibt es rund 6.000 Coverversionen. Er ist ein Ausnahmetalent, der im Verborgenen agiert. Selbst für Dylanologen ist er ein lebendes Rätsel. Bob Dylan feiert seinen 65. Geburtstag.

1971 erschien in amerikanischen Zeitungen folgender Peanuts-Comic: Charlie Brown und Linus lehnen an einer Mauer. Sagt Linus: "Bob Dylan wird diesen Monat 30." Pause. Dann Charlie Brown: "Das ist das Deprimierendste, was ich jemals gehört habe." Wir wissen nicht, was Charlie Brown dazu sagt, dass Bob Dylan an diesem Mittwoch 65 wird. Aber in jedem Fall ist der Bob Dylan, den er damals meinte, nicht mehr der von heute. Der große Verwandlungskünstler unter den Popstars hat sich seitdem mehrfach neu erfunden.

Die neueste Überraschung: Ausgerechnet jener Einsiedler, der jahrelang keine Interviews gab, versucht sich seit diesem Monat als Radiomoderator. Einmal wöchentlich sagt er Songs zu einem bestimmten Thema an, zum Beispiel zum Wetter. Wie ein flapsiger DJ witzelt er: "Wenn's euch zurzeit zu heiß ist, tröstet euch damit: Wenigstens müsst ihr keinen Schnee schippen."

Als Judas beschimpft

Dylan tut seit jeher das, was man am wenigsten von ihm erwartet. Erst war er ein Folksänger mit Mundharmonika, dann griff er zur E- Gitarre, was manche Fans mit "Judas"-Rufen quittierten. Erst gab er mit seinen Protestsongs ("Blowin’ In The Wind") der 68er Generation eine Stimme, dann bekehrte er sich zum Christentum und nahm nur noch Gospelsongs auf. Schon abgeschrieben und von den Kritikern für verrückt erklärt, brachte er in den 90ern wieder Alben heraus, die einhellig als Meisterleistung gefeiert wurden.

Weggefährtin Joan Baez versteht ihn nicht

"Ich weiß mittlerweile, dass ich Dylan nie verstehen werde", sagt die einstige "Königin der Folkbewegung" Joan Baez, die ihn Anfang der 60er Jahre bekannt gemacht hatte. "Das gilt allerdings auch für andere, einschließlich seiner selbst." In Anlehnung an ein Zitat von Bert Brecht hat Dylan einmal gesagt: "Wer immer es ist, den ihr sucht, ich bin es nicht."

Dylanologen-Kongress

Seine Rätselhaftigkeit ist sicherlich einer der Gründe dafür, warum er bereits zu Lebzeiten ein bevorzugtes Studienobjekt für Musik- und Sprachwissenschaftler, Soziologen und Historiker ist. Gerade jetzt zu seinem 65. Geburtstag wird er in Frankfurt wieder von einem internationalen Dylanologen-Kongress unter die Lupe genommen. Natürlich wird man hinterher auch nicht schlauer sein als vorher.

Literaturnobelpreis für Dylan?

Schon vor Jahren bestätigte einer der Juroren für die Vergabe des Literaturnobelpreises, dass Dylan ein ernsthafter Anwärter auf die Auszeichnung sei. Mancher findet seine Texte fast zu gut: "Die beste Musik spricht die Seele an, nicht den Verstand", sagt der englische Schriftsteller und bekennende Dylan-Fan Nick Hornby, "und irgendwie befürchte ich, dass die ganze Dylan-Verehrung in gewisser Weise anti- musikalisch ist." Seine raue Stimme kann nicht jeden überzeugen. Das US-Magazin "Time" schrieb einmal, sie klinge, "als käme sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums".

Macht sich noch kleiner als er ist

Wenn Dylan seinen eigenen Erfolg auch entschlossener angestrebt haben mag, als er es zugeben will - zu Beginn seiner Laufbahn setzte er zahlreiche Legenden über seine Herkunft in Umlauf -, so hat er sich doch immer dagegen gewehrt, vergöttert zu werden: "Ich bin nur 1,75", sagt er gern. Dass seine Songs viel bewegt haben, bestreitet er ebenfalls: "Die Leute, die sich das anhören, sind doch sowieso schon meiner Meinung."

Sehenswerte Dylan-Doku

Zu seinem 65. Geburtstag senden BR und WDR fast zeitgleich (23.15 Uhr und 23.20 Uhr) den Dokumentationsfilm "No Direction Home: Bob Dylan", den Regisseur Martin Scorsese über das medienscheue Musik-Genie gedreht hat. Scorsese hat dafür über 100 Stunden Filmmaterial ausgewertet und daraus eine faszinierende dreieinhalbstündige Collage gebastelt.

Christoph Driessen/DPA / DPA