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Britney Spears: Ooops, ist die groß geworden

Gestern trug sie noch Pferdeschwänzchen und tschirpte von ihrer Jungfräulichkeit, jetzt gibt Britney Spears den Vamp und raunt von Sex mit sich und anderen. Das berühmteste Girlie der Welt will endlich erwachsen werden.

Von Michael Streck

Britney Spears hat Schnupfen und wundert sich; sie wird ja sonst nie krank. Ihre Stimme klingt nach Grippe und ihre Laune nach Mittelohrentzündung. Sie hatte Fieber und musste ihren Europatrip abbrechen. Sollte an sich auftreten bei den europäischen "MTV-Awards" in Edinburgh, aber der Doktor sagte "No". Und wer weiß, wofür es gut ist. In Edinburgh wäre Spears nur ihrem Ex-Lover Justin Timberlake über den Weg gelaufen und der so genannten Konkurrentin Christina Aguilera, die Herrn Timberlake auf der Bühne eine Britney-Gummipuppe überreichte. Fand die urkomisch, die Aguilera. Gut, dass Britney Fieber hatte und die Kurve kriegte zurück nach New York, wo sie nun an einem kalten Herbsttag einen rosa Rollkragenpulli trägt und ein Käppi auf dem Blondhaar, sich ständig räuspert und die Hände an einer Tasse Kaffee wärmt. Britney Spears, keine Frage, gehört ins Bett.

Geht aber nicht, weil in dieser Woche "In the Zone" erschien, ihr viertes Album, und die ganze Welt erfahren will, ob aus dem amerikanischen Fräuleinwunder nun tatsächlich eine Frau geworden ist, wie die US-Magazine übereinstimmend fabulierten. "Grown up", erwachsen, schrieben sie alle, bis auf den einsamen Kritiker der "New York Times", der pubertären Nachholbedarf auslotete. Da war sie gerade eben geadelt worden qua Zungenkuss und laszivem Klaps auf den Knackepo. Von Madonna.

Also, Britney,

aktuelle Statusbeschreibung bitte - All American Girl, Twen, erwachsene Frau oder von allem was? Erkältetes Räuspern erst mal, dann sagt sie: "Ich bin eine Frau. Ich trage Verantwortung und arbeite in einem harten Geschäft. Ich habe schon einiges durchgemacht. Ich habe gelernt, dass Schmerzen auch gut sein können. Man verliert an Unschuld und gewinnt an Tiefe. Durch Schmerzen wird man besser."

Das mit der verlorenen Unschuld meinte sie vermutlich streng metaphorisch, aber wenn wir schon mal dabei sind: Die Fans mögen ihr doch bitte nachsehen, dass es ein für allemal vorbei ist mit dem Girlie-Gepiepse von der Jungfräulichkeit. Und mit den Schmerzen meinte sie nicht ihre dicken Mandeln, und sie meinte das auch nicht metaphorisch, sondern Herrn Timberlake, Ex-Sänger von 'N Sync, der ihr erst die Unschuld nahm, dann stiften ging und hernach jeder Dreckspostille steckte, wie Sex mit Britney schmeckt. Langweilig, dazu nur so viel, war den beiden jedenfalls nicht. Schließlich, sie wird im Dezember 22, ist nun mal sexy, did it! und, oops, singt jetzt ungewohnt offen darüber. In "Breathe On Me", dem vielleicht besten Lied des neuen Albums, haucht sie: "And boy don't stop... cause I'm halfway there...". Und in "Touch Of My Hand" beschreibt sie anschaulich die Vorzüge der Masturbation - Räuspern - "na, Sie wissen schon, das, was man mit dem eigenen Körper so macht..." Man weiß schon.

Das ganze Album ist voller Sex, aber sie sagt lieber "Gefühl" dazu. Es ist musikalisch so abwechslungsreich wie keine ihrer Platten zuvor. Was insofern nicht erstaunlich ist, weil es Spears erstens mit diversen Top-Produzenten von R. Kelly bis Moby zusammen gemixt hat, sie sich zweitens auf unkonventionelle Rhythmen und Stilformen einlässt und sie drittens schlicht reifer geworden ist. "In the Zone", da ist sich die Fachwelt einig, muss ein Kunststück schaffen: neue Britney-Fans finden und alte reaktivieren. Und wenn dies nicht gelingt, könnte es vorbei sein mit dem Superstar Spears. Falls zum Erwachsenwerden gehört, dass man sich für jedes Magazin vom "Rolling Stone" über die Frauenzeitschriften "Glamour", "Elle" und "W" bis zum Männerblatt "GQ" mal mehr oder mal weniger entkleidet und über den Ex-Boyfriend sinniert, wäre Britney Spears tatsächlich auf dem besten Weg, in die Jahre zu kommen. Aber grown up, erwachsen sogar?

Nun ja. Ein paar Dinge jedenfalls hat sie begriffen. Immer Nummer eins, das ist so eine Lektion, geht nicht. Sie malt mit den Händen eine Zickzackkurve in die Luft - "Höhen und Tiefen", sagt sie, "du brauchst beides, alles andere ist beängstigend." Das Problem von Britney Spears ist nur, dass bei ihr schon für einen Tiefpunkt gehalten wird, was bei anderen sofortigen Höhenkoller verursachen würde. Ihre letzte Platte verkaufte sich 9,2 Millionen Mal, was verdammt viel ist. Gemessen wurden diese 9,2 Millionen aber an den 23 Millionen verkauften Exemplaren des Debütalbums. So wird das auch jetzt wieder sein, und das ist ihr Fluch.

Wenn sie etwa aufrichtig beteuert,

dass sie die Musik von Pink und Avril Lavigne liebt und die beiden Nachwuchsstars nicht als Konkurrenz, vielmehr als Inspiration betrachtet, kann das stimmen - oder auch nicht. Tendenz: oder auch nicht.

Und wenn sie sagt, ihr sei scheißegal, ob die Klatschblätter aus jedem ihrer Drinks ein Gelage, aus jeder Zigarette akute Drogenabhängigkeit und aus jeder Umarmung zügellosen Sex konstruieren, kann auch das stimmen - muss aber nicht. Tendenz: muss aber nicht. Sie lacht dann ein wenig zu laut: "Einmal haben sie sogar geschrieben, ich wäre ein Alien." Außerirdisch und unterirdisch sind nicht so weit voneinander entfernt in ihrem Geschäft, das gnadenlos ist, mit rasanter Halbwertszeit. "Showbusiness-Jahre sind wie Hundejahre", heißt es. Und nach dieser Rechnung ist Britney Spears, seit ihrer Kindheit auf der Bühne, mit gerade 21 schon alt. Grown up, erwachsen sogar?

Britney räuspert sich wieder.

"Einer der großen Feinde im Leben ist diese zweifelnde Stimme im Kopf. Du arbeitest jeden Tag daran, sie zu unterdrücken. Je älter du wirst, desto schwieriger ist das. Guck dir Kinder an - für die ist das Leben einfach, und in Wahrheit ist es ja auch einfach. Wir sind diejenigen, die es verkomplizieren."

Solche Sätze könnten stammen aus dem Weisheitenfundus von Madonna - Ikone, frisch gebackene Kinderbuchautorin und seit neuestem auch Spears-Tutorin. Das Küsschen bei den "MTV-Music Awards", dem Vernehmen nach von den beiden mehrmals geprobt, galt einigen als Metapher für den Machtwechsel im Gewerbe - Königin übergibt zungenschmatzend an Prinzessin. Aber so weit ist es nun wirklich noch nicht. Eher so: Fan trifft Idol und will alles lernen übers Geschäft und übers Leben mit dem Ruhm und dessen Unwägbarkeiten.

Spears verkauft längst genauso gut wie Madonna. Die könnte ihre Mutter sein und hat Zickzack rauf und runter gelebt. Sagt Britney nach erkältetem Räuspern: "Madonna interessiert sich überhaupt nicht dafür, was die Leute von ihr denken. Das bewundere ich wirklich."

Ach, wäre Madonna jetzt hier an diesem kalten Herbsttag in New York, sie würde ihr bestimmt ein paar Takte sagen: "Mädchen, du bist schwer erkältet. Du gehörst ins Bett. Wirst du denn nie erwachsen?"