Cardigans-Interview Blau mit einem Klecks Orange

"Super Extra Gravity" heißt das gerade erschienene 6. Album der schwedischen Band "The Cardigans". Im stern.de-Interview erzählt Gitarrist und Songwriter Peter Svensson, was es bedeutet, Familie und Musik zu verbinden.

Herr Svensson, mit welchem Konzept sind Sie an das neue Album herangegangen?

Wir hatten keinen klaren Plan, wo es hingehen soll. Wir sind spontan rangegangen und wussten nur, das neue Album soll anders werden als "Long Before Daylight", der doch sehr klassisch gestrickte Vorgänger. Schneller, direkter, unerwarteter, nicht so geschliffen, sondern überraschender. Wir wollten umdenken, mit Effekten spielen, experimentieren. Schließlich muss der Schlagzeuger bei einer sanften Ballade nicht unbedingt sanft spielen. Normalerweise würde ein trauriger Song mit der Farbe Blau verbunden werden, aber wir wollten da einfach noch einen Klecks Orange dazu geben.

Was ist Ihr persönlicher Favorit auf dem Album?

Gerade habe ich davon geredet, dass unser neues Album überraschender sein soll - und jetzt wähle ich als meinen Lieblingssong den konventionellsten Song daraus, nämlich "Don't blame your daughter". Es ist sehr einfacher Song mit einer wunderschönen Melodie und gutem Text, klar strukturiert ohne irgendwelche Kniffe. Das ist sowieso das schwerste, einen ganz einfachen Song zu machen.

Beim letzten Album hat die Band ein Haus in Kalifornien gemietet, diesmal ist sie in Schweden geblieben, wieder mit dem gleichen Produzenten, Tore Johansson. Er hat auch das erste Album von Franz Ferdinand produziert. Beim letzten Album ging Band und Produzent allerdings im Streit auseinander...

Tore arbeitet schon immer mit uns, seit 1992. Er hat all unsere Alben produziert. Das letzte Mal war er tatsächlich nur halb eingebunden, da gab es Probleme. Denn "Long Before Daylight" sollte sehr heiter und schön werden. Aber er ist jemand, der experimentiert, der keine konventionellen Alben macht. Er hat eine ungeheuere Energie und zwingt einen, weiter zu gehen als man jemals gegangen ist. Und das wollten wir bei diesem Album. Deshalb gab es auch keinen besseren Produzenten für uns. Wir haben allerdings eine zweiwöchige Probephase vereinbart. Und es hat gut geklappt, diesmal waren die richtigen Vibes wieder da, wie früher.

Privat hat sich ja viel getan bei Ihnen. Bis auf Magnus, den Bassisten, und Sängerin Nina habt ihr alle Kinder. Wie wirkt sich das aus?

Auf die Musik hat es keinen Einfluss. Aber wir müssen uns jetzt besser organisieren. Vor zehn Jahren, als wir alle Anfang 20 waren, da konnten wir immer weiter machen. Wenn uns jemand angeboten hat, wollt ihr sechs Wochen durch die Staaten touren, haben wir sofort gesagt, na klar, machen wir. Mittlerweile überlegen wir uns das gut. Wir können nicht nach zwei Wochen zurück fliegen, dafür wäre der logistische Aufwand viel zu groß. Für die Kreativität hat das aber auch Vorteile. Songs schreiben und aufzunehmen ist immer ein Prozess, bei dem viele Entscheidungen gefällt werden müssen. Bisher war das ein bisschen wie beim Studieren. Du weißt, dass der Test am Montag ist, das weißt du schon seit Wochen, aber dann fängst du doch wieder erst am Vorabend an zu lernen und büffelst die Nacht durch. Jetzt ist uns klar, dass uns nur eine bestimmte Zeit für die Aufnahmen zur Verfügung steht. Es gibt diese romantische Vorstellung, kreativ tätig zu sein würde bedeuten die Nacht durchzumachen, Rotwein zu trinken, und dann fließen die Ideen ganz spontan. Das ist Bullshit. Es ist Arbeit, und die muss getan werden. Okay, einen guten Song kann man nicht erzwingen, der muss kommen. Wenn ich an einem Song schreibe, spiele ich wochenlang zuhause Gitarre und irgendwann kommt einfach etwas Gutes dabei raus.

Um nicht als Nina Persson mit Begleitband wahrgenommen zu werden, war bisher immer die komplette Band auf dem Cover. Diesmal ist nur Sängerin Nina zu sehen, sehr schick im Kylie-Minogue-Style.

Ja, wenn man so eine gutaussehende Frau in der Band hat, warum sollte man sie nicht aufs Cover setzen? Es war die Idee unseres Artdirektors Martin Renck, mit dem wir auch schon seit Jahren zusammen arbeiten. Er wollte etwas machen, was sehr grafisch und klar ist. Es war seine Idee, uns alle von oben zu fotografieren.

Die schwedische Musikszene boomt in den letzten Jahren. Haben Sie Kontakte zu anderen Bands?

Oh ja, Schweden ist so klein. Da trifft man sich auf Festivals. Meine absolute Lieblingsband ist "The Soundtrack of our Lives". Eine unglaubliche tolle Live-Band sind "The Hives". Stina Nordenstam finde ich klasse, und dann gibt es da noch ein Duo, Bruder und Schwester, die machen Elektro-Pop, sie nennen sich "The Knife".

Woher kommt es eigentlich, dass im Verhältnis zu den wenigen Einwohnern so viele tolle Bands entstehen? Liegt es an den langen schwedischen Wintern?

Eine Frage, die gerne gestellt wird und die schwierig zu beantworten ist. Es sind sicher mehrere Faktoren. Wenn es schon ein paar gute Bands gibt, zieht das andere nach. Die Industrie kommt, nach dem Motto, lasst uns doch noch ein paar mehr gute schwedische Bands finden. Außerdem sprechen Skandinaver sehr gut Englisch. Unsere Filme werden nicht übersetzt, das würde sich nicht lohnen. Und dann ist da noch etwas, an das man erst gar nicht denken würde: unser Wohlfahrtssystem. Wenn man sich keine Sorgen machen muss, wie man seine Rechnungen bezahlt, auch wenn man nicht arbeitet, kann man seine Ideen verwirklichen. Als Student, Künstler oder auch Erfinder. Politisch gesehen ist das vielleicht nicht ganz korrekt, aber es funktioniert. Bevor wir unseren ersten Plattenvertrag hatten, haben wir alle ein Jahr von Sozialhilfe gelebt. Wir hatten Zeit, unsere Musik zu entwickeln. Das ist ein wichtiger Punkt.

Kommen die Cardigans mit dem neuen Album auf Tour nach Deutschland?

Wir touren Anfang nächsten Jahres und kommen im Februar oder März nach Deutschland. Es gibt noch keine Termine. Aber Deutschland war immer toll für uns zum Touren, es gibt viele große Städte, viele tolle Clubs, dort ist eine sehr lebendige Live-Szene. Wir spielen wahrscheinlich mehr Gigs in Deutschland als in Schweden, obwohl wir zuhause mehr Platten verkaufen. In Schweden kann man in Stockholm spielen, vielleicht noch in Göteborg oder in Malmö, aber das war's dann auch schon.

Kathrin Buchner

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