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Beatles-Album wird 50 Darum ist "Sgt. Pepper's" das vielleicht beste Album der Welt

Das Cover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band"
Das Beatles-Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" ist von Platz 1 auf Rang 24 abgerutscht.
© Picture-Alliance
Bemannte Mondflüge, deutsches Farbfernsehen, Heimcomputer, Red Bull Leipzig: Das alles gab es noch nicht, als vor 50 Jahren das Beatles-Album "Sgt. Pepper's" erschien. Eine Lobhudelei auf die beste Platte der Welt.
Von Oliver Creutz

Als Kind fragte ich: "Papa, welche ist die beste Platte der Welt?" Mein Vater, der von Pop-Musik nicht viel versteht, damals aber ein paar Beatles-Platten besaß, antwortete: "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band". - "Warum denn, Papa?" - "Weil die Lieder so kompliziert sind, dass die Beatles nie damit live aufgetreten sind." Den Beweis konnte er nur unvollständig erbringen, denn zu seiner Sammlung zählten nur ein paar Best-of-Alben, darauf "When I'm Sixty-Four" und "With a Little Help from My Friends". Hübsche Lieder für einen Achtjährigen.

Beste Platte der Welt also. Jahre später kaufte ich mir von meinem ersten Zivi-Gehalt beim Versandhaus "Zweitausendeins" die große Beatles-Box mit allen Studio-Alben. Für, wenn ich das richtig erinnere, 180 Mark. Auf Vinyl, das war 1991 noch nicht ganz abgeschafft. Ich hörte die Platten chronologisch durch, und als ich bei "Sgt. Pepper" ankam, fiel mir wieder das Urteil meines Vaters ein. Wahrscheinlich legte ich sie andächtig auf die Plattenteller, bereit für die Offenbarung. Die natürlich ausblieb, auch wenn schon damals überall zu lesen war, dass Musikkritiker sie wie einen Gral verehren.

Ich habe das Album seitdem immer wieder mal aufgelegt; es sind einige der wunderbarsten Beatles-Stücke auf ihm, vor allem natürlich "A Day in the Life". Wenn "Sgt. Pepper" schon nicht die beste Platte der Welt ist, so ist "A Day in the Life" aber das beste Schlusslied der Welt. Das außerdem letztgültig aufzeigt, dass John Lennon der weltbeste Beatle war.

Die Nachricht, dass "Sgt. Pepper" nun 50 Jahre alt wird, wirkt, als feierte ein guter, etwas älterer Freund seinen runden Geburtstag. Überlegt mal, was es vor einem halben Jahrhundert noch nicht gab: bemannte Mondflüge, deutsches Farbfernsehen, Heimcomputer, Red Bull Leipzig. Dafür aber "Lucy in the Sky With Diamonds". Das bestimmt noch weitere 50 Jahre vor sich hat, anders als Red Bull Leipzig.

Album erscheint zum 50. Jubiläum im Mono-Mix

Die Plattenfirma hat sich ein pralles Geschenk zum Jubiläum ausgedacht: eine Box, in der vier CDs, eine DVD und eine Blu-Ray stecken, dazu nachgedruckte Poster sowie ein Bildband. Das Album selbst ist neu abgemischt worden, als Stereo Mix, der gemacht scheint für eine Generation, die Lieder über In-Ear-Kopfhörer oder Bluetooth-Boxen konsumiert: alles voll in die Mitte gedreht, Höhen und Tiefen abgeschliffen. "Komprimiert" lautet das Fachwort für diesen Sound, der für den Instant-Genuss poliert ist, weniger für die Andacht vor der Stereoanlage. Aber halt: An die Fetischisten wurde auch gedacht; sie erhalten eine Mono Mix, der so erklingt, wie die Lieder in der Abbey Road erdacht worden waren. Aufgenommen mit einem vier-Spur-Rekorder übrigens. Wer noch weiß, was das ist, dürfte auch bald seinen 50. Geburtstag feiern (oder ihn bereits hinter sich haben).

Außerdem im Geburtstagpaket enthalten: 33 unterschiedliche Versionen der Album-Lieder, mal als Instrumental, mal mit einem mißglückten Auftakt, mal mit anderen Instrumenten, mal einfach nur ein anderer Take. Ideal für Menschen, die in Sachbüchern auch die Fußnoten lesen. Es ist immer ein Gewinn zu erleben, wie Kunstwerke ihre Form annehmen. Andererseits braucht der Betrachter einer Skulptur gar nicht erfahren, wie der der Stein aussieht, der abgeschlagen wurde. Die 33 Versionen hört man sich forschend an; danach wahrscheinlich nie wieder.

Würden meine Kinder nach der besten Platte aller Zeiten fragen, wüsste ich nicht, was ich ihnen antworten sollte. Vielleicht greifen sie irgendwann in mein Plattenregal und ziehen meine alte Vinyl-Version von "Sgt. Pepper" hervor, neugierig schon wegen des Covers. Dann können sie selbst entdecken, wie wild, verrückt, verträumt, überbordend, anmaßend, kitschig, verwegen Popmusik klingen kann, egal, wie alt sie ist. Die Deluxe-Ausgabe ist dann etwas für die Erbmasse; die bringt bestimmt ein paar Euro.

Oliver Creutz leitet das Kulturressort des stern. Seine Lieblingsplatte der Beatles ist "Revolver"; deren zweite Seite ist die beste B-Seite der Welt.

John Lennon singt "Cold Turkey... Musikvideo (1611148)


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