HOME

Dokumentarfilm: Die Toten Hosen: Eine Punk-Band ist brav geworden – und das ist ihr Erfolgsrezept

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt die Toten Hosen auf ihrer Deutschlandtour – auf und hinter der Bühne. Die Band hat sich gewandelt, ist aber gerade deshalb so beliebt.

Campino von den Toten Hosen

Tote-Hosen-Sänger Campino strahlt auf der Bühne immer noch eine unglaubliche Energie aus

Picture Alliance

Die Besetzung der Toten Hosen sitzt um einen Hoteltisch herum, es herrscht eine beklemmte Stimmung: Gerade haben sie ein Konzert ihrer Tour absagen müssen, weil Sänger Campino einen Hörsturz erlitten hat. Die Fans sind enttäuscht, die Band womöglich noch mehr, vor allem aber liegt eine vage Befürchtung im Raum: Wird es noch einmal so sein können wie früher? "Wenn es so bleibt, wäre es richtig schlimm", sagt Gitarrist Kuddel bedrückt. Richtig schlimm, in erster Linie natürlich für Campino, aber auch für die Band. Das sind die Sorgen, die man sich als Rock-Star mit Mitte 50 macht.

Es ist dann doch nicht so schlimm gekommen. Wenige Schnitte später steht Campino in der Doku "Weil du nur einmal lebst – Die Toten Hosen auf Tour" wieder auf der Bühne, schreit ins Mikrofon, hüpft hin und her. Wie vor 20 Jahren. Und doch zeigen die Filmemacher Cordula Kalbitz-Post und Paul Dugdale, die die Toten Hosen auf ihrer Tour im Jahr 2018 begleitet haben, eine Band, die brav geworden ist.

Die Toten Hosen auf Tour: Ingwertee statt Alkoholexzess

Vorbei sind die Jahre, in denen die Hosen mit Drogen, Alkohol und Partys hemmungslos Raubbau am eigenen Körper betrieben haben. Das übernimmt ja früh genug das Leben selbst. "Ich fände es völlig daneben zu ignorieren, dass man älter wird", sagt Campino. Und bestellt deshalb dann eben Ingwertee. Die Exzesse der wilden Punk-Jahre sind abgelöst worden durch Dehnübungen hinter der Bühne und Einsingen während der Massage. Von den Klischees des Rockstarlebens, die die Hosen durchaus lange Zeit auch selbst befeuert haben, ist im Film nichts zu sehen. "Die Tour ist unser Alltag – wir können durchdrehen, wenn wir zu Hause sind", meint Campino.

Die Hosen zeigen sich vernünftig, geerdet, fast schon harmlos. Sogar Ärzte-Mitglied Rod Gonzalez bekommt einen Gastauftritt in der Doku – auch die Punk-Kriege sind seit langer Zeit ausgestanden. Ob das alles nun nach Jahren und Jahrzehnten noch Punk sei, mit dieser Frage haben Hosen und Ärzte gleichermaßen gerungen; das verbindet. Heute werden beide Bands nicht mehr in der "Bravo" interviewt, sondern im "Spiegel". Und das scheint für sie okay zu sein. 

Näher am Mainstream – das Interesse an den Hosen bleibt ungebrochen

Das Politische schließlich ist immer noch Bestandteil der Hosen-DNA, deshalb war der Auftritt beim "Wir sind mehr"-Festival in Chemnitz quasi Ehrensache. Doch auch hier haben sich die Kanten abgeschliffen. Das Lied "Wünsch dir was", erzählt Campino in der Tour-Doku, sei eigentlich ein zynisches Signal gegen die Wahlkampfversprechen von Helmut Kohl gewesen – aber da es alle als ein Mutmachlied verstehen, ist es das für die Band mittlerweile einfach auch geworden. 

Auch eine musikalische Anpassung an den Mainstream ist es, die den Toten Hosen oft vorgeworfen wird. Die Texte sind glatter geworden, die Themen massentauglicher und weniger provokant. Symbolischer Höhepunkt dieser Entwicklung war wohl die CDU-Wahlparty 2013, auf der die Partei ihren Sieg bei der Bundestagswahl mit dem Hosen-Hit "Tage wie diese" feierte. Ausgerechnet einem Song jener Band also, die vor langer Zeit einmal "Union" auf "Korruption" gereimt hatte.

Mit den Widersprüchen der klassischen Punkattitude zu ihrem aktuellen Lebens- und Musikstil gehen die Toten Hosen schon länger offen und ironisch um. Im Lied "Hasta La Muerte" auf dem aktuellen Album muss sich Gitarrist Breiti auf die Schippe nehmen lassen, weil er seinen Geburtstag nicht mehr mit Altbier und Schnaps, sondern mit Biosnacks feiert.

Und schon vor 20 Jahren fragte sich Campino im Song "Helden und Diebe": "Wann kommt der Tag, an dem ihr sagt: Es reicht, wir haben genug / Wir möchten endlich andere Lieder / Und eure Zeit ist um?“

Immer noch eine wahnsinnige Energie

Der Tag ist noch nicht gekommen – und es sieht nicht so aus, als wäre es bald soweit. Nach wie vor gelten die Toten Hosen – bei allem Spott, der ihnen manchmal zuteil wird – als eine der beliebtesten deutschen Bands; die Tourneen sind ausverkauft, Tausende kennen, lieben und feiern ihre Lieder. Die Doku "Weil du nur einmal lebst" lässt mit ihren Blicken hinter die Kulissen, in das Innenleben der Bandmitglieder und die Konzerte, erahnen, dass auch die Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit ein Erfolgsrezept der Toten Hosen ist.

Sänger Campino ist topfit und vollführt auch mit 57 Jahren noch seine Spagatsprünge – vor allem von dem Frontmann geht immer noch eine wahnsinnige Energie aus, von der man in den Konzertausschnitten im Film einen Eindruck bekommt, die man aber eigentlich selbst einmal live erlebt haben muss. Und mit Hits der Marke "Tage wie diese" haben die Hosen bei den Liebhabern früherer Tage vielleicht ein paar Sympathiepunkte verloren, dafür aber auch viele neue Hörer gefunden. Sieht nicht so aus, als wäre das Phänomen Die Toten Hosen in naher Zukunft am Ende.

Der Dokumentarfilm "Weil du nur einmal lebst – Die Toten Hosen auf Tour" ist ab dem 30. August 2019 auf DVD erhältlich.