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Stefan Raab - der Entdecker von Lena: Auf dem Gipfel des Erfolges

Seit er die "Erlöserin" Lena Meyer-Landrut entdeckte und zum Sieg beim Eurovision Song Contest in Oslo führte, gehört Stefan Raab zu den beliebtesten Männern des Landes. Dabei kämpft der Mann mit dem breiten Grinsen immer noch für das totale Fernsehen.

Von Sophie Albers

Entspannt und nüchtern sieht er aus. Denn auch wenn er sagt, sie hätten "bis in die Puppen gefeiert", haben angeblich nicht einmal langjährige Mitarbeiter Stefan Raab jemals auch nur angeheitert erlebt. In hellblauem Hemd (davon hat er offensichtlich viele) und mit hellblauem Blick sitzt er neben Lena Meyer-Landrut, die derzeit als Deutschlandwunder bestaunte 19-jährige Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010. Er hat sie entdeckt, er hat sie gecoacht, und nun hat er gerade verkündet, dass er mit Lena mal eben den Song Contest reformieren will. Wenn die Veranstaltung im kommenden Jahr ins Gewinnerland kommt, solle Lena ihren Titel verteidigen. "Und das ist kein Scherz", sagt Raab bierernst.

Tag zwei nach dem großen Erfolg, der in deutschen Medien Weltkriegsvokabular: "Schmach getilgt", Neologismen: "Das ist lenastisch" und Drohgebärden: "Jungs, jetzt müsst ihr die Lena machen" zutage gefördert hat, ist noch immer ein Abbild des Lena-Taumels. Doch hat er auch deutlich gemacht, worum es dem Wiedererwecker des WM-2006-Nationalgefühls geht und schon immer gegangen ist: den Wettkampf. Und deshalb kann das deutsche Fernsehen sich wahrlich glücklich schätzen, den Mann mit der Vorliebe für hellblaue Hemden zu haben.

Ein Siegfried, dessen wunden Punkt noch keiner kennt

Nicht nur weil er der angeblich krisendepressiven, Bohlen-müden Nation ein Wir-Gefühl in Person eines lustigen Mädchens gegeben hat. Viel wichtiger ist Raabs in den vergangenen 17 Jahren antrainiertes Kurzzeitgewissen: Er hat eine Idee. Er probiert sie aus. Sie gelingt - wunderbar, machen wir eine Show draus. Sie gelingt nicht - gut, dass wir das wissen, weiter geht's. Niemand sonst im deutschen Fernsehen steckt so viel Energie und Kreativität in das Medium, das in diesem Lande am liebsten auf Bewährtes setzt.

Das kann Raab allerdings auch nur, weil er zwar nicht - wie immer wieder betitelt - Midas ist, unter dessen Händen alles zu Gold wird, dafür aber ein Siegfried, dessen wunden Punkt noch keiner kennt. Seitdem er auf der Bildfläche erschienen ist, steckt Raab für seine Chuzpe ordentlich Schelte ein - mal mehr, mal weniger berechtigt. Aber immer scheinbar ohne Wunden oder ernsthafte Folgen für den Mann, der 1993 beim Musiksender Viva angefangen hat. Dort wollte er ursprünglich nur Werbejingles loswerden - und startete dann eine Moderatorenkarriere.

Von der Metzgerei ins Tonstudio

Fabriziert hatte der gelernte Metzger die Werbejingles in der zum Tonstudio umgebauten Fleischerei seiner Eltern. Nächste große Station war ProSieben, wo er seit 1999 die Raab-Show "TV Total" moderiert. Darin zerlegt er "TV-Müll" und setzt ihn gespickt mit bösen Worten neu zusammen. Raab, der auch ein ernsthafter Musiker ist, schrieb Ballermann-Hits wie "Maschen-Draht-Zaun", "Ho mir ma ne Flasche Bier" und erklärte 1998 mit Guildo Horn und dem Lied "Guildo hat euch lieb" dem Eurovision Song Contest den Krieg. Platz sieben gab es für die Ironie-Attacke. Zwei Jahre später versuchte Raab es selbst: Als feister Glitzer-Elvis schmetterte er "Wadde hadde dude da". Platz fünf.

Auch wenn Raabs Kalauer und sein zuweilen ätzender Humor verhasst waren, legte er immer wieder den Finger in die Fernsehwunde, indem er das Publikum zu fragen schien: Wollt ihr wirklich so unterhalten werden? Dann mache ich es so lange, bis ihr nicht mehr wollt. Ergo "Maschen-Draht-Zaun", das Martyrium der Lisa Loch, "Schlag den Raab". Denn noch etwas gibt es über Raab zu sagen: Er ist ergebener Diener seines Publikums. Er verkaufe Spaß, hat der 43-jährige Vater zweier Töchter einmal bekannt. Und der war in diesem Land lange Zeit nur auf Kosten anderer Menschen zu kriegen. Dieter Bohlen etwa verdient sein Geld heute hauptsächlich damit, Casting-Stars vor laufenden Kameras herunterzuputzen.

Ein reicher Mann zu sein, hat Raab jedoch nie gereicht. Trotz angeblicher Villa in der Nähe von Köln (das Privatleben Raabs ist nach wie vor ein großes Geheimnis), Produktionsfirma und Werbeverträgen saß er niemals still. Das musste nun auch Lena erfahren, die - noch im Siegerschock - zum Raabschen Vorpreschen mit der Titelverteidigung 2011 nur sagen konnte "Ich bin dabei".

Never change a winning team

Dass Raab sie überhaupt gefragt hat, liegt daran, dass der Mister Avantgarde des deutschen Fernsehens offensichtlich bereits seit einigen Jahren den Wind der Veränderung wittert. Weg vom Fremdschämen, hin zum Mitfreuen. Seine Bemühungen um den Musiker Max Mutzke, der 2004 beim Eurovision Song Contest Platz acht belegte, waren echt und ernst gemeint. "Die Ironie einer Idee ist vorbei, wenn man sie tatsächlich mit Substanz füllt", wie Raab im vergangenen Jahr in einem "FAZ"-Interview erklärte. "Das ist ein System, das wir durch Zufall erfunden haben, aber es funktioniert."

Und "Never change a winning team", scheint ein Lebensmotto Raabs zu sein, der sich als "ehrenhafter Sportsmann" verstanden wissen will - egal ob im Wok sitzend, vom Turm springend, im Wissentest oder eben als Strippenzieher hinter der Bühne des Song Contest. "Sportler zu sein, das ist mehr als nur gewissen körperliche Fähigkeiten zu haben. Sport passiert im Kopf. Sport hat mit Ehrgeiz zu tun, und ich bin immer ehrgeizig. Ich will immer gewinnen" verriet er einst dem "Spiegel". Und nun geht es Raab offenbar darum, gegen das Regelwerk einer der größten TV-Veranstaltung der Welt zu gewinnen.

Eigentlich, sagt Raab, müsse in seiner Personenbeschreibung neben Sänger, Komponist, Moderator und Produzent auch Leistungssportler stehen.