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Hal: Die etwas andere Retro-Band

Während ihre Klassenkameraden zu den düsteren Klängen Nirvana abhingen, kauften sich vier Iren Platten der Beach Boys. Die eigenartige Musiksozialisation hat dem Debüt ihrer Band Hal nicht geschadet - ganz im Gegenteil.

Vergissmeinnicht und Ich-schenk-dir-mein-Herz-Glanzbildchen auf dem Cover, in dem eine CD mit einer merkwürdigen Melange von Beach-Boys-Sound und sanftem Folkpop der 60er Jahre steckt: Hal ist die etwas andere Band aus Irland. "Wir sind nicht der übliche Rock'n'Roller wie Keith Richards oder so", sagt Bassist Paul Allen von dem Quartett, dessen Debüt gerade bei Rough Trade erschienen ist. "Wir sind ziemlich sanft."

Allerdings haben Hal, die sich wegen ihres Gründungsjahrs 2001 nach dem emotional-boshaften Computer aus Stanley Kubricks Film "Odyssee im Weltraum" nannten, noch andere Qualitäten. Die Band ist zwar einer Musik verpflichtet, die heute als "Retro" gilt, obwohl das bisher eher auf rockig-schrammelnde Garagenbands begrenzt war. Aber in der süßen Verpackung steckt so manche bittere Pille; in den Texten geht es nicht nur um Liebe, sondern auch um Verzweiflung und Gefühle bis hin zum Hass, die sich in Beziehungen entwickeln können. "Das ist ein Album, in dem viel Leidenschaft steckt", sagt Paul. "Ich denke, die Leute werden das respektieren. Wir sind uns treu geblieben."

Aufgewachsen mit Musik der 60er und 70er

Neben Paul gehören sein Bruder Dave Allen (Gitarre und Gesang), Stephen O'Brien (Keyboards) und Steve Hogan (Schlagzeug) zu der Band. O'Brien, der mit Dave ein Songwriter-Duo bildet, ist mit 27 Jahren ältestes Bandmitglied. Die Allen-Brüder wuchsen in Killiney Beach in Dublin auf und sogen bei den Eltern, die früher als Folkduo auftraten, die Musik der 60er und 70er Jahre auf.

"Es war ein Vergnügen mit einem schlechten Gewissen, denn natürlich kann man als 16-Jähriger gegenüber Gleichaltrigen nicht zugeben, dass man die Beach Boys hört. Nirvana und The Cure waren damals cool. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, jemandem Beach Boys oder Pete Seeger zu empfehlen", erklärt der 24-jährige Paul. Heute, unter Erwachsenen, sei das kein Problem mehr.

Raffinierte Arrangements

Hal wollen ein Traumland der unbestimmten Nostalgie schaffen, wie Songwriter O'Brien einmal gesagt hat. Dabei müssen sie erst einmal eine Barriere von Assoziationen von Beatles bis Beach Boys durchbrechen, die ihre Musik nun einmal hervorruft. Wer das Album öfter anhört, wird nach und nach unter dem Zuckerguss raffinierte Arrangements und Klangideen entdecken, die Brian Wilson nicht nur zitieren, sondern nach eigenen Ausdrucksformen suchen.

Vielleicht gelingt es ihnen, sich beim nächsten Album etwas mehr von den Vorbildern zu lösen. Dann könnten die sanften Iren ganz groß herauskommen - das Potenzial dazu haben sie mit ihrem Debüt nachgewiesen.

Uwe Käding/AP / AP