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Heino stürmt die Charts: Derrr wunderrrsame Errrfolg des Heinz Georrrg Krrramm

Sein Racheakt kommt an: Heino stürmt mit seinem neuen Album die Charts. Die Volksmusik-Klientel ist irritiert, einstige Heino-Verächter begeistert. Der Schlagerbarde wird gesellschaftsfähig.

Von Jens Maier

Er hat sich kaum verändert. Von der Lederjacke und dem Totenkopfring an seinem Finger abgesehen, sieht Heino aus wie immer. Mit seinem rollenden Rrrr, dem tiefen Bariton und der obligatorischen dunklen Sonnenbrille wirkt der selbsternannte Barde der Nation mit seiner Erscheinung noch so wie damals, als er mit Liedern wie "Karamba, karacho, ein Whisky", "Die Schwarze Barbara" oder "Blau blüht der Enzian" Erfolge feierte. Über 50 Millionen Platten hat er seitdem verkauft, unzählige Hallen gefüllt. Auch mit 74 Jahren vermag Heino das schunkelwütige Publikum im Musikantenstadl oder im ZDF-Fernsehgarten noch in Ekstase zu versetzen. Doch erst 46 Jahre nach seinem ersten Album ist der Stefan Effenberg der deutschen Musikszene, der geliebte oder gehasste Volksmusikstar, endgültig da angekommen, wo er immer hin wollte: Heino ist gesellschaftsfähig.

Mit seinem am Freitag erschienen Album "Mit freundlichen Grüßen" stürmt Heino die Charts. Beim Online-Versandhändler Amazon ist die Platte bereits auf Platz eins, auch bei den Download-Charts von iTunes oder Musicload liegt Heino ganz vorne. Er singt Coverversionen von Rammstein, Die Ärzte, Nena oder Peter Fox und könnte damit zum ersten Mal schaffen, was ihm über Jahrzehnte verwehrt blieb. Drei Mal - 1972, 1973 und 1980 - verfehlte Heino mit dem dritten Rang die Spitze der deutschen Album-Charts nur knapp, jetzt könnte er zum ersten Mal die Nummer eins werden. Zu verdanken hat der gebürtige Düsseldorfer und gelernte Konditor das nicht eingefleischten Heino-Fans, sondern ausgerechnet denjenigen, die über seiner Musik bisher angewidert die Nase rümpften.

Heino erreicht diejenigen, die ihn verachtet haben

Heino ist Kult- und Hassobjekt zugleich. 98 Prozent der Deutschen kennen ihn, aber mehr als 50 Prozent mögen ihn nicht. Schon sein Aussehen polarisiert. Der typische Heino-Look mit blondem Toupet, schwarzer Sonnenbrille, rotem Sakko und Gitarre wurde hundertfach in Parodien verspottet. Als Witzfigur abgestempelt zu sein, hat Heino ertragen. Als Sänger verkannt zu werden, tief getroffen. Vom Feuilleton wurden nicht nur seine Songs in die braune Ecke gestellt oder als Geschmacksverirrung abgetan, sondern Heinos Gesangqualitäten infrage gestellt. Seine prägnante und unverkennbare Stimme galt unter Kritikern allenfalls als bizarr. Die wahre Größe seines Könnens erkannten nur seine Fans. Bis jetzt.

Aus Liedzeilen wie "Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian, wenn beim Alpenglühen wir uns wiedersehen" wird "Junge, warum hast du nichts gelernt? Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto" und plötzlich ist Heino Kult. Mit seinem neuen Album erreicht der Meister der schunkelnden Massen auch diejenigen, die ihn bislang verachtet haben. "Das ist ja echt richtig top!" Heino zeigt es allen nochmal und ich finde es klingt teilweise besser als das Original", kommentiert ein User namens "Normal Kein Heino Fan" auf dem Musikportal iTunes die Platte. In den fast 300 Kundenrezensionen gibt es kaum negative Stimmen, die meisten finden die Coversongs "witzig und unterhaltsam" oder sogar "endgeil".

Neu erfunden hat sich Heino nicht

Neu erfinden musste er sich dafür nicht. Denn Heino klingt auch weiterhin einfach wie Heino. Er singt Pop von Westernhagen, Clueso, Nena oder Stephan Remmler, Hip-Hop von den Fantastischen Vier oder den Absoluten Beginnern oder Metal von Rammstein und Oomph!. Doch statt die Songs mit einem Remix zu seinen eigenen zu machen, beschränkt er sich auf das Plagiat. Gezwungenermaßen, denn eine offizielle Genehmigung der Plattenfirmen oder Bands hat er nicht. Heino singt Ton für Ton nach, um keinen juristischen Ärger zu riskieren. Zwischen den verschiedenen Musikstilen differenziert er nicht. "Wo ist der Unterschied, ob ich 'Junge komm' bald wieder' von Freddy Quinn oder "Junge" von Die Ärzte singe?", sagt Heino selbst. Nur an seinem Rachen kommen die Lieder nicht ungeschoren vorbei. So wird aus "Ihr Name war Fräulein Meyer" ein "Ihrrr Name warrr Frrräulein Meyer".

Warum das für seinen neuen Erfolg ausreicht? "Heino macht genau das Gegenteil von dem, was er bisher gemacht hat", sagt Fred Schoenagel, Musikchef beim Radiosender NDR 2. Keiner habe von ihm erwartet, eine Platte mit Poptiteln rauszubringen. "Heino schafft es, die Hörer zu überraschen. Das sorgt für Furore." Außerdem seien die Titel mit einem grandiosen Orchester sehr gut arrangiert. Doch das alles hätte vermutlich ohne Heinos famose Marketingstrategie nicht ausgereicht. Via "Bild"-Zeitung trug er einen "Rocker-Krieg" aus, den es gar nicht gab. Eine bessere Werbung hätte es gar nicht geben können.

Heino - "einfach geil"

Mit 74 Jahren ist Heino der Volksmusikhölle entstiegen und im musikalischen Mainstream angekommen. Wie gut ihm seine neue Rolle als Popstar gefällt, konnten die Fernsehzuschauer am Donnerstagabend in der Talkshow von Markus Lanz sehen. Voller Stolz erzählte Heino, dass die Idee zu der Platte seine eigene gewesen sein, dass er mit den Songs gezielt Jüngere ansprechen wollte. "Heino, mach' doch mal was für uns", hätten "die jungen Leute" gesagt. Und Heino hat gemacht. Die wahre Größe des Sängers Heinz Georg Kramm besteht darin, diese Marktlücke erkannt und für sich genutzt zu haben. Oder wie er es formuliert: "Ich hab' ja immer gesagt, das was ich mache, ist eben geil."