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Florence Welch über das neue Album von Florence and the Machine: Nach dem Wirklichkeits-Crash

"How Big, How Blue, How Beautiful" heißt das neue Album von Florence and the Machine. Und Florence Welch ist besser als je zuvor. Ein Treffen mit der stimmgewaltigen Super-Sirene in London.

Von Sophie Albers Ben Chamo

"Ich bin ausgebrochen", sagt Florence Welch. "Ich will ein Leben haben! Ich will Liebe!"

"Ich bin ausgebrochen", sagt Florence Welch. "Ich will ein Leben haben! Ich will Liebe!"

Seit sechs Jahren zieht Florence Welch ihre Runden am Pophimmel. Wie ein ätherischer Paradiesvogel. Mit enormer Stimme, enorm roten Haaren und der ganz großen Oper aus Liebe, Tod und Teufel. Mit nur zwei Alben hat die Sängerin von Florence and the Machine das gesamte Showbusiness betört: Das romantisch-wilde "Lungs" machte sie 2009 zum internationalen Star, 2011 folgte das düster-getriebene "Ceremonials", und es war ein für alle Mal klar, dass Welch die Lady Gaga für Schöngeister ist. In immer neuen, noch opulenteren Shows, in noch üppigeren Kostümen, irgendetwas zwischen Präraffaeliten-Muse, Virginia Woolf und Hippie-Mädchen.

Dabei eine knallharte Arbeiterin, die sogar mit gebrochenem Fuß weitersingt, wie gerade geschehen beim Coachella-Festival in Kalifornien. Bisherige Höhepunkte ihrer Karriere waren die kongeniale Coverversion von "You've got the Love" mit Rapper Dizee Rascal bei den BritAwards 2010 und ihre Geburt aus einer Riesenmuschel bei einer Modenschau von Karl Lagerfeld ein Jahr später.

Florence Welch, der Name steht für ultimativen, überdimensionalen Drama-Pop. Aber das ist jetzt vorbei. Sagt Welch.

"How Big, How Blue, How Beautiful"

In einem für ihre Verhältnisse geradezu schlichten schwarzen Outfit und mit deutlich blasseren Haaren sitzt die mittlerweile 28-Jährige in einem Hotelzimmer in London-Soho und erzählt, warum ihr neues Album "How Big, How Blue, How Beautiful" weniger nach Weltschmerz und mehr nach Lebenswut klingt. Warum es nicht nur eine weitere Karrierestation ist, sondern einen neuen Lebensabschnitt für sie bedeutet.

"Weil ich ausgebrochen bin!", ruft sie energisch. Schluss mit Ophelias ansehnlichem Leiden und Flatterkleidchen. "Ich will ein Leben haben! Ich will Liebe!" Welch schüttelt ihren langgliedrigen, fragilen Körper. Armreifen klirren. "Es geht darum, am Leben wirklich teilzunehmen, anstatt einfach nur ertrinken zu wollen. Ich wollte offen sein, all diese Gefühle haben! Warum funktioniert das nicht?" Sie schreit wie ein nöliges Kind, dann lacht sie über sich selbst.

Florence Welch hat eine Bruchlandung hinter sich. Die äußerst schmerzhafte Karambolage von Fantasie und Wirklichkeit. Auch davon erzählt das neue Album. Die Sängerin sieht zwar erschöpft aus, aber glücklich.

Zurück auf der Bühne, wenn es sein muss mit gebrochenem Fuß

Zurück auf der Bühne, wenn es sein muss mit gebrochenem Fuß

"Ich wusste nicht, wer ich bin"

Nach dem Ende der Tour zum Vorgängeralbum "Ceremonials" hat Welch sich ein Jahr Auszeit genommen, ist in London endlich in eine eigene Wohnung gezogen und wollte "ganz normal" sein. Leben und lieben wie alle anderen Menschen auch, was in sechs Jahren Popstardienstplan nicht vorgesehen war. Doch die Liebe blieb nicht, und das Leben zickte gewaltig: "Ich habe es versucht. Den Alltag. Aber plötzlich waren da all diese Dinge, mit denen du dich auf Tour nicht beschäftigst. Ich habe wirklich lernen müssen: Wie esse ich, wie schlafe ich, wie führe ich eine Beziehung, wie passe ich auf mich selbst auf? Und wie bin ich mit mir selbst allein? Oder zum Beispiel die Erkenntnis: Oh, wenn ich mein Haus zumülle, kann ich nicht einfach in ein anderes ziehen."

Welch verstand ihren Platz in der Welt nicht mehr. "Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich will", sagt sie. "Und wenn ich nichts zu tun habe, bedeutet das: 'Sie ist seit drei Tagen verschwunden, und jetzt sieht man sie betrunken bei MTV News'. Ich musste herausfinden, was mich im Leben glücklich macht. Abgesehen vom Touren, abgesehen von Shows."

Und wie macht man das? "Indem man alles kaputt macht, alles zerlegt, und wieder ganz von vorn anfängt." Sie lacht laut auf.

Ein Puzzle, wo immer was fehlt

Das Album war ihre Rettung. "Es war harte Arbeit. Aber es war gut für mich. Es hat Struktur in mein Leben gebracht, und ich habe mich den Dingen gestellt. Ich habe alles wieder zusammengefügt." Wie ein Puzzle, sagt die Frau, die selbst ein Puzzle ist, bei dem immer wieder Teile zu fehlen scheinen, so sehr man auch danach sucht. Welchs Kindheit war nicht einfach. Die Eltern - Vater Brite, Mutter Amerikanerin - ließen sich scheiden, als sie vier Jahre alt war. Sie wuchs im Süden Londons bei der Mutter auf. Als die Kunsthistorikerin wieder heiratete, hatte Welch plötzlich drei neue Geschwister. Heute würden sie sich gut verstehen, damals war es ein Albtraum, sagt sie. "Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen und bin herumgetanzt." Der Sinn für Musik und Drama war früh ausgeprägt. Schon als Kind sei sie im Schulunterricht durch unvermitteltes Singen aufgefallen. Später begann sie ein Kunststudium und jobbte in Bars, bis sie mal ausprobieren wollte, was aus der Musik werden könnte. Eine Ausflug ohne Wiederkehr.

Ganz real nackt

Sechs Jahre Hochgeschwindigkeits-Karriere später korrigiert Welch die Flugroute ihres Paradiesvogels: Sie wolle jetzt nicht mehr in Metaphern singen, sondern von Dingen, die wirklich passieren. "Ich will mich nicht mehr verkleiden. Ich will, dass es roher und realer ist." Nackter. Und zum Beweis, dass sie es ernst meint, hat sie sich im Video zu "What kind of Man" tatsächlich ausgezogen.

"Seltsamerweise ist es ein totales Gute-Laune-Album geworden." Sie wundert sich mit großen Augen. Florence Welch ist jetzt Kämpferin statt Wasserleiche, denn "niemand kann dich glücklich machen, außer du selbst". Und weil sie das nun weiß, kann sie auch wieder auf Tour gehen: "Jetzt macht alles Sinn. Der Traum, den ich hatte. Der Schmerz, den es gekostet hat. Da ist wie Alchemie. Es ist, als würde ich Wasser zu Wein machen. Die traurigen Dinge gehen durch deinen Körper hindurch und kommen als etwas völlig anderes wieder heraus."