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Interview mit Alice Cooper: Monster und Familienvater

Seit mehr als 40 Jahren ist er im Geschäft. Alice Cooper kann getrost als Rock-Legende bezeichnet werden. Im stern.de-Interview erzählt er, warum er privat mit dem Bühnenmonster nichts zu tun hat - und was ihn mit Lady Gaga verbindet.

Von Anna Miller

Mr. Cooper, Ihre Performance ist über 40 Jahre ziemlich konstant geblieben. Was steckt dahinter?
Die Leute fühlen sich sicher mit Alice Cooper. Wir sind jetzt 45 Jahre da draußen. Die wissen, wie Alice aussieht. Die wissen, wie Alice drauf ist, dass er sie nicht enttäuschen wird. Wie bei Hannibal Lector: Es würde würde keinen Spaß machen, wenn er plötzlich anders wäre. Dass er so bösartig ist, macht das Ganze so gut. Alice wird immer Alice sein.

Haben Sie jemals über Permanent Make-Up (tätowiertes Make-up) nachgedacht, wenn Sie sowieso immer gleich aussehen?
Nein. Ich würde mit diesem Make-up nicht immer rumlaufen wollen. Michael Jackson hat das getan. Aber das ging so in die Hose zum Schluss, er war so bizzar. Ich brauche auch nur zehn Minuten, um mich zu schminken.

Lady Gaga kann das sicher nicht von sich behaupten. Sie lebt davon, dass sie sich immer neu erfindet.
Lady Gaga tut so ziemlich genau das, was ich auch tue. Sie hat einen Charakter erschaffen, den sie spielt. Wenn du Gaga jenseits der Bühne siehst, ist sie eine charmante, intelligente, lustige Person. Wenn sie ihr Lady-Gaga-Outfit anzieht, dann wird sie zu etwas noch Größerem. Ich als Privatperson erzähle dir davon, wie ich morgens aufstehe, Golf spiele, einkaufe. Alice Cooper würde das alles nie tun.

Hätten Sie Ihr Künstlerdasein nicht so leben können, wenn Sie die zwei Charaktere nicht getrennt hätten?
Nein. Ich musste trennen. Was Jim Morrison, Kurt Cobain, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse wirklich umgebracht hat, war doch die Tatsache, dass sie versucht haben, ihr Image auch jenseits der Bühne zu leben. Auf der Bühne bist du ein Schauspieler, und Alice ist so bösartig wie Jack the Ripper.

Und privat?
Privat bin ich ganz anders. Ich bin seit 35 Jahren verheiratet, habe meine Frau kein einziges Mal betrogen. Ich habe drei großartige Kinder. Ich spiele Golfturniere. Alice würde keines dieser Dinge jemals tun. Während der zwei Stunden, in denen ich auftrete, werde ich zu Alice Cooper, zu einem Monster. Und meine Frau verschwindet in meinem Kopf.

Und wenn Sie "I'm Eighteen" spielen, sind Sie wieder 18 Jahre alt?
Wenn Alice die Liedzeile "I'm Eighteen and I like it" singt, ist er 18 Jahre alt und mag das. Wenn Mick Jagger "I can't get no satisfaction" singt, dann fühlt er das noch immer, 40 Jahre später. Wenn ich das sehe, dann glaube ich ihm das. Man muss Alice genauso glauben. Und ich sehe ja eigentlich noch ziemlich genau so aus wie vor 40 Jahren.

Sie sind also nie erwachsen geworden?
Ein Teil von mir ist es nicht. Meine Frau sagte mir kürzlich, nach 35 Jahren Ehe: Frauen lieben Männer, weil ein Teil von ihnen immer sieben Jahre alt sein wird. Man wird irgendwann ein verantwortungsvoller Ehemann und Vater, aber da ist immer dieser kleine Junge. Und das ist das Liebenswerte.

Ihre Frau liebt Sie also dafür, ein kleiner Junge zu sein?
Ja, sie findet es liebenswert, dass ich mich irgendwie weigere, erwachsen zu werden. Und der Punkt ist: Jede Frau hat auch ein kleines Mädchen in ihr drin, das eine Prinzessin sein will, eine Ballerina oder eine schöne Schauspielerin.

Sie sind gläubiger Christ. Haben Sie da keine Gewissensbisse, wenn Sie die Bühne zu einer Hölle machen?
Ich spiele einen wirklich bösen Charakter. Aber alle wissen, dass ich nicht so bin. Ich gehe in die Kirche, ich lese die Bibel. Aber wenn ich arbeite, dann bin ich böse. Aber in meiner Show ist nichts Antichristliches dabei. Keine Schimpfwörter, keine Nacktheit, keine Gotteslästerung. Das, was ich tue, ist Horror-Comedy. Da habe ich keinen religiösen Konflikt in mir.

Es wird also keine religiösen Botschaften regnen?
Alice Cooper ist nur aus einem Grund da: um die Leute zu unterhalten. Ich habe keinerlei politische oder spirituelle Ambitionen. Ich will die Leute für zwei Stunden aus ihrem normalen Leben herausführen. Sie sollen eine Pause kriegen von ihren Problemen. Wenn ich ins Kino gehe, will ich doch auch der Realität entfliehen. Und so ist das auch mit Alice Cooper.

Patti Smith sagte mal, dass die Leute früher noch Kunst gemacht hätten, weil es sie wirklich interessierte. Heute wollten alle nur noch berühmt sein, egal womit.
Das ist sehr wahr. Elton John, Bob Dylan, Paul McCartney, Mick Jagger, ich: Wir alle stehen nicht auf der Bühne, weil wir das Geld nötig haben. Wir hätten uns vor 30 Jahren zur Ruhe setzen können. Aber wir tun es nicht, weil es unsere Bestimmung ist, die Leute zu unterhalten.

Wäre es heute überhaupt noch möglich, 40 Jahre im Geschäft zu sein?
Auf keinen Fall. Das Musikbusiness hat sich krass verändert. Als ich in den Siebzigern bei Warner Brothers unterschrieben habe, wollten die 20 Alben mit mir machen. Das Gleiche mit David Bowie, Elton John oder den Beatles.

Das Business ist eine Wegwerfware geworden. Keinen interessiert mehr die Musik. Die wollen schnelles Geld machen, und das war's dann. Es ist eine andere Ära. Als ich anfing, wollten wir alle so gute Songs schreiben wie die Beatles. Ich glaube nicht, dass junge Bands sich heute überhaupt noch für die Qualität ihrer Songs interessieren.

Ihre neue Platte heißt "Welcome 2 My Nightmare". Welche Sorgen plagen Sie nachts?
Ich wünschte, ich hätte Alpträume. Seit ich die Bühnenshows mache, habe ich kein einziges Mal schlecht geträumt. Die Bühnenshows sind meine persönliche Therapie.