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Magnus Walker: Joko auf Spritztour mit dem lässigsten Porsche-Sammler der Welt

Magnus Walker hat arschlange Dreadlocks und die wahrscheinlich lässigste Auto-Sammlung der Welt. Ein Besuch beim berühmten Porsche-Freak.

Von Nora Gantenbrink und Joko Winterscheidt

Joko Winterscheidt trifft Porsche-Sammler Magnus Walker in L.A.

Joko Winterscheidt trifft Porsche-Sammler Magnus Walker in L.A.

Vor der Tür seines eigenen Hauses ist Magnus Walker an diesem Morgen ein Unbekannter. "Magnus wer?", sagt ein Mann mit Klemmbrett und Headphone und zeigt auf Joko und mich. "Seid ihr beide Statisten, dann kommt mit!" Wir schütteln die Köpfe. Statisten? Nein, wir sind hier wegen Magnus Walker. Dem Mann, dem das Haus gehört.

"What?" Der berühmte Porsche-Freak, der Gesetzlose! "Nie gehört", sagt der Headphone-Mann, schaut uns an, als hätten wir uns das ausgedacht und wedelt uns davon wie Scheißefliegen. Dann rennt er zur Straße, von der aus immer neue Leute ankommen. Schwarze Bullis stoppen, Scheinwerfer werden hineingetragen. Scheinwerferschlepper angebrüllt. Nur wir stehen planlos herum. Was nun?

Ein Mann wie ein Holzfällerhemd

Wir laufen in das Haus, eine Frau führt uns endlich in Walkers Büro. Dort steht er also zwischen alten Autoteilen, ein Mann wie ein Holzfällerhemd. Eine Mischung aus Kid Rock und Methusalem. Die reichen bis zum Arsch, die längste Strähne seines Barts sogar bis zum Oberschenkel. Als wir ihm erzählen, dass man nicht wusste, wer er ist, zuckt er mit den Achseln, man nimmt es ihm ab. Das seien halt Filmleute, sagt Walker, die interessieren sich nur für sich selbst.

Walker kaufte vor einigen Jahren zusammen mit seiner Frau Karen das 3000 Quadratmeter große Grundstück, auf dem wir ihn besuchen, eigentlich eine alte Firma im Industriegebiet von Downtown L.A. Lange bevor in das Viertel Coffeshops zogen und Menschen mit Französischen Bulldoggen. Über die Jahre wurde die Gegend immer besser oder besser gesagt: teurer, und Magnus fing an, Räume an Filmfirmen zu vermieten. Mittlerweile ist daraus ein gut laufendes Geschäft geworden. Denn Räume hat er genug.

Joko: Magnus hat gefühlt halb Downtown L.A. gekauft, als man hierher nur bewaffnet kommen konnte. Wenn man jetzt in die Hallen kommt, steht man im Paradies – jedenfalls, wenn man sich auch nur das allerkleinste bisschen für Autos interessiert.

Cover der ersten Ausgabe von JWD.

Die erste Ausgabe von JWD gibt es ab jetzt am Kiosk zu kaufen – oder hier.

Hier stehen Schätze, von denen man nicht einmal geahnt hätte, dass es sie gibt, und sie stehen nur hier, weil der Typ ist, was er ist: der coolste -Sammler und -Tuner der Welt. Denn anders als andere Sammler, die versuchen, das Auto möglichst genau so zu erhalten, wie es einmal gebaut wurde, schert sich Magnus nur darum, was er selbst mag. Als er mir einen 911er zeigt, bei dem er das Heck inklusive der Form der Rückleuchten verändert hat, grinst er, als er sagt: "Ich habe die Linienführung verbessert." Normalerweise ist das ein Sakrileg unter Sammlern. Aber der einzige Walker-Porsche, der bisher verkauft wurde (für 300.000 Dollar), wurde ausgerechnet von Jeanie und Bob Ingram ersteigert, den wichtigsten Porsche-Sammlern der Welt. Das war der Ritterschlag, seitdem liebt auch die Firma Porsche ihren verrücktesten Fan.

Besuch bei einer coolen Sau: Joko trifft den Porsche-Sammler Magnus Walker in Los Angeles
Andere Leute haben Kinder. Walker hat 40 alte Porsches, fast nur 911er.

Andere Leute haben Kinder. Walker hat 40 alte Porsches, fast nur 911er.

Riesige, offene Räume, durch die er uns jetzt führt. Darin stehen Drachenfiguren, gotische Möbel, frei stehende Badewannen. Das hätte alles Karen so eingerichtet, seine Frau, sagt Walker. Auf einer braunen Ledercouch sitzt der Rapper Ice-T und knurrt wie ein Hund.

Wenn man Walker fragt, was das für Filmaufnahmen seien, überlegt er lange und sagt dann, es gehe um den West-Ost- Konflikt, den legendären Urbeef in der Geschichte des Hiphop.
Ob er sich für Hiphop interessiere? Nein, sagt Walker, er sei nach gekommen, wegen "Sex, Drugs & Rock’ n’ Roll." 

: Irgendwann, erzählt Magnus Walker, hat er für sich selbst beschlossen, einfach nur noch darauf zu scheißen, was andere von ihm denken. Es muss die Geburtsstunde gewesen sein des Menschen, der er heute ist. Er hat viel Erfolg gehabt in seinem Leben – ohne Geld kein Porsche –, aber genau deshalb, weil er nie auf jemand anderen gehört hat als auf sein Bauchgefühl. Das ist es, was ihn ausmacht, über alle noch so schön von ihm getunten Porsches hinaus.

Wenn er heute auf Instagram postet, dass er einen 911er einer bestimmten Baureihe sucht, dann kann es sein, dass ihm jemand tatsächlich einen anbietet, obwohl man diese Autos eigentlich nie, nie, nie verkauft. Die werden ja immer nur mehr wert. Aber dieser Outlaw mit seinen Haaren und seiner ganzen Persönlichkeit wird von den Porsche-Freaks so geliebt, dass sie ihm ihre Autos allein deshalb verkaufen, damit er sie hat und umbaut. Das gibt’s nur einmal.

Andere Leute haben Kinder. Walker hat 40 alte Porsches

Magnus Walker wurde 1967 im britischen Sheffield geboren. Als er zehn Jahre alt war, nahm ihn sein Vater mit auf eine Motorshow nach London, dort verlor er sein Herz an einen Sechszylinder.
Andere Leute haben Kinder. Walker hat 40 alte Porsches, fast nur 911er. Alle billig gekauft und teuer restauriert. Walker sagt, wenn er da drin sitze, dann fühle er sich. Der Sound, das Adrenalin, die Geschwindigkeit, die einzelnen Teile und ihre Geschichte, all das sei "seine tägliche Meditation". Stundenlang kann Walker davon reden, wo er was gekauft hat und welcher Porsche wem vorher gehörte. Längst unterstützt Porsche den britischen Individualisten. Auch, weil er dem Image des gegelten-Polohemden- McKinsey-Porsche-Fahrers den Stinkefinger zeigt.

Walker nennt sich selbst einen "Urban Outlaw", einen Gesetzlosen. Die Strafzettel auf seinem Schreibtisch belegen, dass er das auch lebt. Trotzdem sagt Walker, sei Amerika besser zum Autofahren als Deutschland. Die Straßen seien breiter, das Sonnenlicht weicher und die Blitzer rarer gesät.

Joko: Magnus Walkers Porsches sind oft nicht angemeldet. Er fährt sie auch so – Outlaw halt. Mich nimmt er mit in einem 911er- Turbo aus der ersten Reihe, den ersten zehn Jahren, die zwischen 1964 und 73 auf den Markt kamen. Als wir aus dem Tor fahren und er zum ersten Mal aufs Gas drückt, schreie ich vor Freude. Ich habe versucht, ein Video davon zu machen, aber es ist fast nicht möglich, die Kamera einigermaßen ruhig zu halten.

Porsche-Einsiedler aus L.A.: Joko trifft Magnus Walker

Magnus grinst mich an. "Das Problem mit dem Turbo", sagt er, "ist, dass die Straße immer so schnell zu Ende ist." Oft fährt er raus in die Berge, um im Schnee zu driften. Dabei ist für ihn die schwierigste Frage, welchen seiner Porsches er fahren soll. "Am liebsten würde ich sie alle fahren, die gehören bewegt", sagt er. Auch das unterscheidet ihn von klassischen Sammlern, ihm ist egal, wie viele Meilen ein Auto runter hat oder wie dreckig es ist. "Schmutz macht dich nicht langsamer" ist der übersetzte Titel seiner Autobiografie – und als wir fahren, beweist er mir, dass es wahr ist. Die Autos hält das nicht auf. Und ihn sowieso gar nichts. 

Eine Zeit lang machten Walker und seine Frau auch Mode, die ausgefallenen Lederkluften gefielen Stars wie Alice Cooper und Madonna und brachten die beiden auf wilde Partys. Ein paar Teile der Modekollektionen hängen noch immer in Walkers Haus. Aber die Mode, sagt er, das sei Geschichte. Walker hat ein irres Aussehen und ein irres Haus, und seine Geschäfte mit dem Gesetzlosen laufen gut. Seine Autos und das Grundstück sind mehrere Millionen wert. Aber wer ihn trifft, muss viel dagegen tun, um nicht die Melancholie in seinen Augen zu sehen.

"Karen forever"

Walker hat eine Autobiografie geschrieben, dort steht alles drin. Sein ganzes Leben. Nur nicht, wie seine Frau Karen starb. Das sei, so heißt es dort, privat. Das entsprechende Kapitel liest sich, als sei sie an einer Überdosis gestorben.

Auf Walkers Körper steht "Karen Forever", Walkers erste Tätowierung.

Es steht dort auch 10–28–15. Es ist der Tag, an dem Karen starb.
Walkers letzte Tätowierung.

Magnus Walker hat uns jetzt zwei Stunden rumgeführt durch sein gigantisches Haus. Er hat uns 40 Porsches gezeigt und einen mit lautem Getöse angeschmissen. Er hat uns die Gentrifizierung erklärt und Los Angeles und Getriebe. Von Partys, Porsches und den Promis, die in seinen Hallen gedreht haben, von langen Reisen und kurzen Nächten.

Er hat nicht über Karen gesprochen und doch die ganze Zeit. Er hat immer "wir" gesagt. Kein einziges Mal "ich".

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.

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