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Interview mit Gonzales: "Ich bin nun mal verwöhnt und egoistisch"

Rund acht Jahre ist es her, dass Gonzales mit behaarter Brust, wildem Blick und noch wilderer Musik von Berlin aus das Popbusiness stürmte. Nun ist er zurück, gezähmt und leiser, wenn auch mit dem gleichen Willen zur Macht wie immer. Der Ausnahme-Popper im stern.de-Interview.

Im Jahr 2000 kam ein auf CD gepresster Tornado in die Plattenläden: "Gonzales Uber Alles", hieß er und gehörte zur Avantgarde einer ganzen Musikszene, die in Berlin ihren Ausgang nahm. Dabei war dieser Gonzales doch Kanadier.

Mit wild wucherndem Brusthaar und rohen Beats ernannte er sich zum "President of the Berlin Underground". Und der studierte Jazz-Pianist machte Eindruck: Bald remixte er Kollegen wie Daft Punk und Björk, produzierte Feists erfolgreiches Debüt "Let it die", veröffentlichte selbst drei weitere Alben und zog schließlich nach Paris, wo 2004 "Solo Piano" erschien, das bisher meist verkaufte Gonzales-Werk.

Und nun also "Soft Power", auf dem Gonzales, der mit bürgerlichem Namen Jason Beck heißt, sich den Pop der Siebziger vornimmt. Zehn sanfte bis rockige Songs zeigen, wo der Allround-Musiker gerade steht.

Einst standen Sie als Chilly Gonzales neben Peaches, schwitzten und brüllten in die Mikrofone der Republik und haben sich zu hartem Rapbeat in Ihrer Unbedingtheit als Bedrohung inszeniert. Sie haben Kollegen produziert, es folgte das fast verträumte Jazz-Klavier-Album "Solo Piano", kürzlich haben Sie das Glenn-Gould-Festival eröffnet und nun präsentieren Sie sich als Popstar. Ist Chilly tot?

Absolut nicht. Man macht Dinge, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber wenn du sie einmal hast , musst du etwas damit machen. Es geht mir darum, die Identität des Gonzales-Projektes zu erhalten.

Wer war denn dieser Chilly überhaupt?

In Berlin war es notwenig, rumzuschreien, mir das Hemd aufzureißen und Brusthaare zu zeigen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Früher ging es um harte Macht, ich habe in der Ära von Bush angefangen, der sich mit Aggressivität Gehör verschafft hat. Nun ist die Zeit der sanften Macht - Barack Obama. Ich bleibe auf der Höhe der Zeit!

Er hat es noch nicht geschafft.

Ja, wir können beide scheitern.

Sie scheren sich nicht um Genregrenzen. Was suchen Sie in der Musik?

Den Widerspruch, den ich im Großteil der Musik, die derzeit zu hören ist, vermisse. Ich habe früher Billy Joel gehört, James Brwon, ich mag Daft Punk. Die sind alle widersprüchlich.

Machen Sie denn einen Unterschied zwischen Pop und Klassik?

Wenn ich klassische Musik mache, ist es trotzdem Pop. Ich breche es auf drei Minuten herunter, habe einen Chorus, Melodieführung. Das ist nicht komplex. Das ist Popmusik. Für Klassik ist heute eigentlich kein Platz mehr in der Welt. Aber ich genieße es, damit zu spielen. Klassische Musik zeigt nicht das, was heute passiert. Genau wie der Jazz, der gehört ins Museum. Er spricht nicht zu den Leuten. Es ist eine egoistische Musik. Wir leben in einer Ära, in der das Publikum befriedigt werden muss. Du musst vorsichtig sein, bei der Auswahl dessen, was du ihm gibst. Du kannst nicht riskieren, zügellos zu sein, dazu ist die Auswahl zu groß. Die Rapper beherrschen dieses kapitalistische Konzept ganz wunderbar. Der Erfolgreichste unter ihnen gilt als der Beste. Im Pop ist es sonst eher andersherum, was eigentlich grotesk ist. Der Kunde hat immer Recht, sagt man in Kanada. Die Leute sind wählerisch, wenn es um Songs geht. Sie wählen genau den aus, der ihnen gefällt und nehmen ihn.

Sie sind also ein Dienstleister?

Ja, deshalb bin ich Entertainer. Einem Künstler sind die Leute egal, er schert sich nicht drum, kreist um sich selbst. Ein Entertainer geht die nötigen Kompromisse ein, um dem Publikum zu geben, was es haben will. Ich passe mich gerne den Wünschen an.

Sie haben Jazzklavier studiert. Was bedeutet Ihnen das Piano als Instrument?

Es war das erste Ding, hinter dem ich mich verstecken konnte, an dem ich meinen Platz in der Gesellschaft und in meiner Familie finden konnte. Der Entertainer muss sich auf der Bühne verstecken können. Menschen, die sich auf eine Bühne stellen, wollen Einfluss nehmen. Du kannst aber nicht als du selbst da raus gehen und dich Leuten präsentieren, die du nicht kennst. Also musst du übertreiben. Und Übertreiben heißt auch, gewisse Parts zu verstecken.

Sie haben sehr erfolgreich als Produzent gearbeitet. Was machen Sie lieber?

Ich bin am liebsten Entertainer. Produzent zu sein, hat mir Dinge beigebracht - auch für mich selbst, aber ich bin nun mal ein verwöhnter, kapriziöser, egoistischer Mensch. Ein Produzent muss sich unterordnen, der Sache dienen, sein Ego unterdrücken. Jetzt bin ich zurück mit meinem eigenen Namen. Das gefällt mir besser. Es ist ein Ding der sanften Macht, die mit Weichheit dominiert. Es geht immer noch um Macht, ist aber zudringlicher. Ich kann ja nicht mehr behaupten, ein Außenseiter zu sein. Ich bin jetzt Teil des Popgeschäfts.

Ist Paris das neue Berlin?

Nein, definitiv nicht. Diese beiden Städte sind das genau Gegenteil voneinander. Mein Umzug hatte rein professionelle Gründe. Ich wollte gar nicht so lange bleiben, aber jetzt gefällt es mir hier.

Werden Sie irgendwann zurück kommen?

Nein. Ich bin ein Mensch, der sich immer vorwärts bewegt. Es bringt nichts, seinen Schritte in die Vergangenheit zu folgen.

Interview: Sophie Albers

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