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Interview

Jean Michel Jarre: Wenn Giganten altern

Er ist der Übervater des Bombast-Elektropop: Seit 40 Jahren lotet Jean Michel Jarre die Tiefen seines Genres aus. Auch mit seinem neuen Kollaborationsprojekt "Electronica 1 und 2". Ein Gespräch über Einsamkeit, Revolutionen und Intelligenz. 

Von Sophie Albers Ben Chamo

Jean Michel Jarre im Studio

Jean Michel Jarre - nicht mehr allein im Studio

Monsieur Jarre, das neue Album hört sich ein bisschen nach Testament an...

Oh nein, hoffentlich nicht! Es ging mir darum, dass die Menschen immer weniger miteinander sprechen, vor allem auch Elektro-Musiker. Die sitzen meist allein in ihrem Studio. Dabei ist es so großartig, den kreativen Prozess miteinander zu erleben.

Also haben Sie 30 Musiker angerufen, mit denen Sie schon immer mal zusammenarbeiten wollten: von Vince Clark über Lang Lang bis Little Boots...

Genau. Und sie haben alle mitgemacht. Es ging mir um den sofort erkennbaren eigenen Sound von Musikern wie Moby und Massive Attack. Ich hatte zwei Regeln: erstens, dass ich reisen muss, zweitens, dass ich dem anderen genug Platz lasse. Ich wollte nicht nur Files hin- und herschicken, sondern ganz real zusammenarbeiten. Wissen Sie, in seinem eigenen Studio ist man wie nackt. Man hat seine eigenen Seltsamkeiten, die sonst niemand sieht. Ich bin dankbar, dass sie mich alle reingelassen haben.

Jean Michel Jarre auf der Bühne

Jean Michel Jarre in Aktion bei einem Konzert 2008. Musik war von Anfang an der dritte Erziehungsberechtige in Jarres Leben: Sein Vater war Maurice Jarre, der zum berühmten Filmkomponisten wurde ("Lawrence von Arabien", "Dr. Schiwago"). Seine Mutter Francette Pejot nahm ihn schon als Kind mit zu Jazzkonzerten, so dass niemand Geringeres als Chet Baker dem kleinen Jean Michel ein Ständchen zum zehnten Geburtstag spielte. Später interessierte er sich für Rock, trat auch in Bands auf, bis er anfing, ernsthaft Musik zu studieren - und zwar musique concréte bei Pierre Schaeffer. 1977 erschien Jean Michel Jarres gefeiertes Album "Oxygène". Der Rest ist Geschichte. 


Ist es nicht seltsam, mit einer Band wie Air zu arbeiten, die so deutlich von Ihnen beeinflusst ist?

Wir haben Witze darüber gemacht. Und alle Instrumente der Elektrogeschichte benutzt. Es war ein großer Spaß. Jeder Song hat seine eigene DNA, wissen Sie. Obwohl es die gleiche Familie ist.

Und wer ist in der Familie der komische Onkel?

Wahrscheinlich ich.

Verletzt es Sie, wenn junge Leute Musik toll finden, die es ohne Sie nicht gäbe, aber nicht wissen, wer Jean Michel Jarre ist?

Das ist doch typisch für das Leben eines Künstlers. Und dieses Gerede über Godfather und Pionier macht mich vor allem demütig. Wissen Sie, ich kann in Berlin ein Konzert geben, von dem international berichtet wird, und in den Schlagzeilen sein, und trotzdem treffe ich am nächsten Morgen jemanden auf der Straße, der mich fragt, ob ich eigentlich noch Konzerte geben. Manchmal bist du im Fokus, manchmal nicht. Das sind Kreisläufe. Heutzutage bringst du ein Album raus und bist zwei Tage später der Dinosaurier. 40 Jahre... das ist jenseits der Skala.

Wie fühlen die 40 Jahre sich für Sie an?

Musik ist meine Sucht. Ich kann nichts anderes. Und ehrlich gesagt fühle ich mich immer noch wie ein Anfänger. Der kreative Prozess ist permanente Frustration durchsetzt mit Hoffnung. Ich habe mal den großen Filmregisseur Federico Fellini getroffen, da war er schon sehr alt, und er meinte: "Ich habe immer gedacht, ich würde jedes Mal einen neuen Film drehen, aber jetzt im Rückblick sehe ich, dass es immer der gleiche war." Man dekliniert immer das durch, was man im Kopf hat! Das gilt für alle Künstler. In keiner Kunstform gibt es wirklichen Fortschritt in dem, was du sagen willst: egal ob LeCorbusier, Richard Wagner oder Stanley Kubrick. Sie sagen dir alle das Gleiche: die Deklination eines Gedankens. Das nennt man Stil.

Das heißt, Sie perfektionieren seit 40 Jahren Ihren Stil.

Es ist, als würde ich einen Tisch entwerfen, und eines Tages mache ich den perfekten Tisch!

Wie nah dran sind Sie?

Irgendwo auf dem halben Weg. Der berühmte Geiger Yehudi Menuhin hat mir mal gesagt: "Je mehr ich Geige spiele, desto weniger kenne ich mein Instrument." Und der Mann war ein Genie! 

Aber Sie wissen doch, wie man die richtigen Knöpfe drückt.

Weiß ich das? Ich hatte das Privileg, Türen zu öffnen und unerforschtes Territorium zu betreten, wo noch niemand vorher war. Als Ende der 1960er die Studentenrevolten losgingen, war ich exakt in der Generation, die den fantastischen Luxus hatte, gegen das Establishment rebellieren zu können.

Die Studentenrevolte hat Sie zu Ihrer Musik gebracht?

Genau. Ich habe gegen das Establishment in der Musik rebelliert, den Classic Rock.

Wahr oder falsch: Die beste Musik ist anti-intellektuell.

Wahr. Aber das heißt nicht, dass die Intelligenz keine Rolle spielt.

"Electronica 2" erscheint am 6. Mai 2016, darauf ist auch eine Kollaboration mit dem Whistleblower Edward Snowden zu hören.


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