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Kettcar: Der Normalität herzlich verbunden

Mit ihrem Debütalbum beeindruckte die Hamburger Band Kettcar vor drei Jahren die Musikpresse. Ihr Nachfolger ist enorm hitverdächtig - und könnte der Band den Durchbruch bescheren.

"Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" - wenn eine Pop-Band ihrem Album einen solchen Titel gibt, dann ist sie entweder hoffnungs- und erfolglos poetisch oder hat wirklich etwas zu sagen. Bei der Hamburger Band Kettcar trifft eher letzteres zu, eilt ihr doch der Ruf voraus, die Dinge gerne selbst in die Hand zu nehmen und sich abseits ausgetretener Hamburg-Sound-Pfade am wohlsten zu fühlen.

Debüt auf eigenem Label

Fast drei Jahre ist es inzwischen her, dass Kettcar ihr Debütalbum "Du und wie viele von deinen Freunden" veröffentlichten - und zwar auf dem kleinen Plattenlabel Grand Hotel Van Cleef, das sich mittlerweile einen Namen mit eigenwilligem, aber eingängigem Pop gemacht hat. Kettcar war schon damals der Spatz in der Hand offenbar lieber als die Taube auf dem Dach. Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff gründeten zusammen mit Thees Uhlmann, Frontmann der Band Tomte, das Label und behielten so das eigene musikalische Schicksal lieber selbst in der Hand, statt sich von der etablierten Industrie herumschubsen zu lassen.

Es sieht so aus, als hätte Kettcar die richtige Entscheidung getroffen. Die Musikpresse empfing die Debütanten mit offenen Armen. "Eine wegweisende Platte", urteilte der "Rolling Stone"; als "eine Überraschung für alle" bezeichnet das Fachblatt "Spex" Kettcars erste Platte heute rückblickend.

Veränderte Musiklandschaft

Fast drei Jahre danach hat sich die Musikwelt verändert: Kettcar hat ihre zweite Platte in einer Welt veröffentlicht, in der die Label-Kollegen Tomte mittlerweile fast so etwas wie Star-Status genießen und in der deutschsprachige Texte nicht mehr nur Stilmittel einer intellektuell geprägten Musik-Szene zwischen Tocotronic, Kante und Blumfeld sind. In den Charts rotieren Bands wie Silbermond, Juli und Wir Sind Helden. Die zur Selbstverpflichtung geschrumpfte Radio- Quote für Musik aus inländischer Produktion sorgt dafür, dass Kettcar ihr neues Album schon vor Veröffentlichung in einer Sondersendung im kommerziellen Radio vorstellen können.

Kettcar begegnet den neuen Bedingungen vor allem mit einem: mit einer erstaunlichen Treue zu sich selbst und fast irritierendem Selbstvertrauen, das nicht nur alle Glanzpunkte des Debüts bewahrt, sondern auch seine Schwächen, die wohl am Anfang die großen Plattenfirmen davon abhielten, es mit dieser Band zu wagen. Musikalisch ist das, was Kettcar auf ihrem zweiten Album abliefern, noch immer eher simpel, für viele Hörer mit Sicherheit zu berechenbar. Das Außergewöhnliche an Kettcar ist der Trick, das Gewöhnliche in den Mittelpunkt zu stellen.

"Stockhausen, Bill Gates Und Ich"

Mit ihrem Album errichtet die Band der Normalität ein Ehrenmal. "Es ist besser, für das was man ist gehasst/Als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden", singt Marcus Wiebusch im neuen Stück "Stockhausen, Bill Gates Und Ich". In diesen Worten scheint das Geheimnis der Band zu liegen. Die Gruppe Kettcar polarisiert gar nicht mal damit, dass ihre Fans sie für eine großartige Rockband hielten und ihre Kritiker die Songs als ziemlich einfach gestrickt entlarvten, sondern indem sie sich ganz und gar dem Gefälligen, Bekannten und Greifbaren widmet, dem, was sie ist. In seinem Gesang, der nicht im konventionellen Sinne schön ist, zu Melodien, die keine Kante haben, erzählt Marcus Wiebusch mit seiner Band vom Liebenswerten - für alle, die das wollen und mögen.

Nicole Koslowski/DPA / DPA