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"Kettcar"-Sänger Marcus Wiebusch über Coming-out in England: "Ich hab mich krass gefreut, dass Jake Daniels das gemacht hat"

Marcus Wiebusch bei einem Konzert.
Marcus Wiebusch bei einem Konzert.

© POP-EYE / Ben Kriemann/ / Picture Alliance
Marcus Wiebusch ist Sänger und Frontmann der Indie-Rock-Band Kettcar. Vor acht Jahren schrieb er einen Song über Homosexualität im Fußball. Im Gespräch mit dem stern erklärt er, wie er die Nachricht zum Coming-out von Jake Daniels wahrgenommen hat.

stern: Herr Wiebusch, lassen Sie uns über Ihr altes Lied "Der Tag wird kommen" sprechen. Wobei: So alt ist es noch gar nicht ...

Marcus Wiebusch: Acht Jahre.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Sie den Song aufgenommen haben?

Spannender ist die Entstehungsgeschichte: Ich hab noch nie für einen Song so viel recherchiert, weil ich in der Regel nicht so lange Texte geschrieben habe. Ich habe also sehr viel gelesen und viele Gespräche geführt und Dokumentationen über das Thema gesehen und dann habe ich den Song angefangen zu schreiben und das wurden dann die sieben Minuten. Das ist schon einer meiner wichtigeren Songs, das muss ich ganz klar sagen. 

Es geht darin um einen schwulen Fußballer, der mit seinem Coming-out hadert, sich aber nicht dazu durchringen kann. Was haben Sie gedacht, als diese Woche Jake Daniels den entscheidenden Mut hatte? 

Im Song ist es so, dass sich der Fußballer nicht traut. Dass er zwar um die Fortschritte weiß, die wir gesamtgesellschaftlich machen, aber er es nicht schafft. Bei dem Song ist das zwar einigermaßen bitter, aber wohl auch realistisch. Der Song geht aber auch von der Annahme aus, dass dieser Tag hundertprozentig kommen wird, und nach Jake Daniels glaube ich das nochmal mehr.

Was lässt uns glauben, dass es in Deutschland nicht irgendwann passiert,  dass einer den Mut aufbringt? Ich hab mich krass gefreut, dass Jake Daniels das gemacht hat. Zumal vor zwei Jahren Philipp Lahm noch sagte: "Ich würde einem Fußballprofi dringend raten, sich nicht zu outen."

Seit der Veröffentlichung des Songs sind acht Jahre vergangen. Durchaus eine gewisse Zeit ...

Also wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich natürlich schon gehofft, dass es schneller geht.

Ich muss aber natürlich auch sehen, dass dieses Fußball-Business ein ganz einmaliges, sehr spezielles Biotop ist. Wenn ich da mit dieser Selbstermächtigung ankomme: "Es wird sich in jedem Fall irgendwann einer outen" – die Gründe, die Philipp Lahm anführt – auch wenn ich die nicht teile – sind durchaus stichhaltig.

Im Mannschaftsgeist ist es manchmal nicht so gut angesehen, wenn einer sich so "outstanding" gibt. Und Homosexualität wie bei Jake Daniels ist aktuell noch outstanding: Er hat das nun am Ende der Saison gemacht, aber die Kameras sind alle an, nur auf ihn gerichtet. Und wenn dann seine Leistung gemindert ist, aus welchen Gründen auch immer, dann wird es für die ganze Mannschaft schwierig.

Sind wir in anderen Ländern schon weiter?

Im Fussball kann der homosexuelle Spieler nicht einfach so nach Italien oder Spanien wechseln. Und wenn die Mannschaft mit sehr vielen Spielern mit konservativ-religiösen Weltanschauungen gesegnet ist, dann sehen die das auch nochmal weniger entspannt. Dem Spieler sind also manche Wechsel verwehrt, die für seinen Geldbeutel förderlich wären. Das wird ihm auch jeder Spielerberater sagen.

Gesamtgesellschaftlich sind wir aber meiner Meinung nach auf einem sehr, sehr guten Weg. Wir normalisieren es immer weiter, wenn jemand schwul ist. Das kann man in Dutzenden von Serien, in Dutzenden von Filmen und kulturellen Zeugnissen sehen, dass es immer normaler und selbstverständlicher wird.

Jake Daniels hat in seinem Statement gesagt "Ich will nicht mehr lügen" und wer sind wir, dass wir ihm dieses Recht nicht zugestehen? Also müssen wir das Klima alle zusammen weiter besser machen.

Der Tag, wie es im Song heißt, ist für Sie aber noch nicht gekommen?

Als einer, der in Deutschland groß geworden ist und mit deutschem Fußball konfrontiert ist, beziehe ich das komplett auf Deutschland. Ich sage jetzt und hier aber, da kannst du dich drauf verlassen: "Der Tag wird kommen." Es braucht im Grunde genommen nur noch einen mit Mut, denn unsere Situation im Stadion oder im Blätterwald oder im Internet ist auch nicht anders, als sie in England ist.

Machen wir uns nichts vor: Wir haben genau dieselben Vollidioten in der Kurve, haben genau dieselbe westliche offene Kultur Homosexuellen gegenüber, die wir uns Jahrzehnte lang erkämpft haben. Jake Daniels hat's gemacht.

Was lässt uns glauben, dass es hier nicht auch noch einen gibt mit Mut? Entweder in zwei Jahren, in fünf Jahren oder in zehn Jahren. Ich weiß kein einziges Argument dagegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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