HOME
Interview

Neue EP "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit": Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch: "An der Ungleichheit will die Oberschicht nicht kratzen"

Kettcar gehören zu den deutschen Bands, die sich klar politsch positionieren – auch in den Songs, die sie jetzt neu veröffentlichen. Sänger Marcus Wiebusch spricht im Interview über Musik für Kopf und Herz sowie die Heuchelei der Reichen.

Kettcar

Politisch unterwegs: Marcus Wiebusch (2.v.r.) und seine Band Kettcar nehmen in ihren Songs gesellschaftliche Stimmungen auf

2017 veröffentlichte die Indie-Rock-Band Kettcar mit "Ich vs. Wir" nach längerer Pause ein vielbeachtetes Album: Die Songs waren ungewohnt politisch und nahmen die gesellschaftliche Stimmung in einem Deutschland auf, in dem rechtsgerichtete Kräfte immer mehr erstarkten. Und das noch vor dem Einzug der AfD in den Bundestag. 

Als kleinen Nachfolger zu dem Album, das auch für eine neue Ausrichtung der Band steht, bringen Kettcar nun die EP "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)" mit fünf neuen Songs heraus. Auch dort präsentieren sich die Hamburger meinungsstark, politisch und mit einem klaren Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen. Im stern-Interview spricht Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch über Musik für Kopf und Herz sowie die Heuchelei der Reichen.

Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch: "Dankbar für jede Stimme der Vernunft"

Marcus Wiebusch, mit Ihrer Band Kettcar haben Sie viele große, emotionale Hymnen geschrieben. Seit einiger Zeit widmen Sie sich in Ihren Songs aber auch sehr komplexen, politischen Themen. Machen Kettcar jetzt mehr Musik für den Kopf als fürs Herz?

Wir machen politischere Songs – und die müssen immer sehr reflektiert daherkommen, wenn man nicht wie der letzte Vollidiot klingen will. Unser Ziel war schon immer, die Leute zu berühren, ohne ihren Intellekt zu beleidigen. Ich kann auch einen emotionalen Song "Scheiß AfD" schreiben, dann würden aber alle denken: Das ist doch etwas unterkomplex. Aber: Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute zum Beispiel bei "Sommer 89" heulen. Wenn wir nicht mehr fürs Herz schreiben, wo kommen dann die Tränen her?

Der Song erzählt die Geschichte eines BRD-Bürgers im Jahr 1989, der einer DDR-Familie bei der Flucht hilft. Viele haben das auf die aktuelle Flüchtlingsthematik bezogen.

Wenn man den Song hört, ist das erst einmal eine Geschichte aus dem Jahr 1989, und ich erwähne die Flüchtlingssituation von heute mit keinem Wort. Aber natürlich wird diese Transferleistung sofort von allen erbracht: Es ist auch buchstäblich dieselbe Grenze. Man kann sich nicht einfach in eine Heldengeschichte fallen lassen. Das wollen wir nicht auf dem Tablett servieren, das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Die neue EP soll jetzt ein Gegenstück zum letzten Album darstellen. War Ihnen schon bei der Produktion des Albums klar, dass da noch was dazugehört?

Während wir das Album gemacht hatten, hatten wir keinen der neuen Songs angedacht oder gar fertig. Im Schaffensprozess hat sich die EP dann als der dunkle, böse Bruder herausgestellt, der auch zu dem Album gehört. Da sind mit die radikalsten Texte drauf, die ich bisher geschrieben habe. Die Empathie ist auf "Ich vs. Wir" anders konnotiert als auf "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit": Wenn es auf dem Album als Maxime herausgegeben wird, dass Empathie ohne Mitleid in diesen Zeiten von Ich-Bezogenheit und Egoismus ganz schön viel wert ist, wäre es etwas kontraproduktiv gewesen, wenn wir auf dem selben Album "Scheine in den Graben" verhandelt hätten. Wenn man so will, wollten wir das Bild ganz malen.

Der neue Song „Scheine in den Graben“ rechnet mit der heuchlerischen Großzügigkeit der Reichen ab, die – wie Sie es in dem Stück darstellen – Wohltätigkeit als Hobby betreiben. Bei dem Lied werden Kettcar von zehn Gaststars unterstützt, zum Beispiel Felix Brummer von Kraftklub oder Bela B von den Ärzten. Wie kam es dazu?

Es gibt einen Gedanken in dem Song, auf den sich viele im linken Spektrum einigen können: Dass es eine heuchlerische Empathie in der Oberschicht gibt, die nur um sich selbst kreist. An der Ungleichheit in der Welt wollen sie nicht eine Sekunde kratzen, weil sie Profiteure dieser Ungleichheit sind. Da wollten wir als symbolische Geste ein Wir zeigen. Jeder der beteiligten Künstler fühlt die Thematik des Songs offensichtlich auch. Es wird sich dadurch wahrscheinlich nichts ändern, aber es ist ein kleines Symbol. Jeder hat sich dann ein Mikro geschnappt, seinen Part aufgenommen und dann wurden die Files zusammengesetzt.

Das Album 2017 war eine Art Kommentar zur politischen und gesellschaftlichen Lage in Deutschland damals. Hat sich in den anderthalb Jahren seitdem etwas in dem Land geändert?

Nein, die Stimmung ist immer noch die gleiche. Wir begegnen immer noch den gleichen Leute mit der gleichen Haltung im politischen Diskurs.

Das Album hat sich viel mit dem Kollektiv beschäftigt, mit der Masse. In den neuen Songs geht es eher um Einzelschicksale. Was kann der Einzelne in großen Zusammenhängen bewirken?

Der Einzelne fühlt sich immer mit Gleichgesinnten verbunden. Wir werfen die Frage auf, ob eine übertriebene Individualisierung überhaupt zielführend ist, wenn wir eine bessere Gesellschaft für uns alle wollen. Oder ob es nicht besser ist, ein kraftvolles Wir zu bilden, ohne in irgendwelche nationalistischen Tendenzen abzurutschen. Ein "Wir" kann sich natürlich auch sehr fies formieren.

Bewirkt Musik in dieser Hinsicht etwas?

Musik ist nicht dafür da, Sachen zu ändern. Aber was hat dann Musik mit Politik zu tun? Politik bedeutet, Forderungen zu stellen, mit denen das Leben der Leute besser werden soll. Kultur kann auch Forderungen stellen – aber wen erreicht man damit, der diese Forderungen gar nicht stellen will? Was ich aber wichtig finde: Man kann Fragen aufwerfen. Wir bekommen unfassbar emotionale, positive Reaktionen auf einige politische Songs – daran merke ich, dass es niemals nichts ist, wenn man sich im kulturellen Feld mit politischen Fragen beschäftigt. So gesehen ist Musik dann doch recht wirkmächtig.

Marcus Wiebusch

2002 veröffentlichte Marcus Wiebusch mit Kettcar das erste Album. Seitdem hat die Band vier weitere Platten herausgebracht. Während der fünfjährigen Kettcar-Pause vor dem letzten Album machte Wiebusch auf eigene Faust Musik.

Picture Alliance

Trotzdem gehen Sie mit dem Label "Polit-Punk" oder ähnlichen Zuschreibungen, mit denen Sie im vergangenen Jahr belegt wurden, oft sarkastisch um. Was stört Sie daran?

Wir machen uns über alle diese Zuschreibungen lustig. Kumpelrock, Schmusebär, Polit-Punk, Hamburger Schule, es war schon alles dabei. Wir machen es den Leuten auch nicht leicht, wir haben kein kohärentes Image. Ich schwöre, wir werden nicht noch mal so ein Album machen wie "Ich vs. Wir". Wir haben keine Agenda, sondern machen einfach, was wir künstlerisch für richtig halten.

Es schwingt oft eine gewisse Uneindeutigkeit in Ihren Texten mit, das Dialektische.

Es ist halt kompliziert. Uneindeutig klingt negativ, als wäre es so schwammig, aber ich kann eben nicht ganz klar sagen, dass bei einem Song wie "Revolver entsichern" ich das Hippie-Getue schon immer toll fand. Ich kann das nicht bedingungslos abfeiern. Die Zerrissenheit darf nicht in Handlungsunfähigkeit münden, aber sie muss Ausdruck finden.

Bei vielen Musikern hat man den Verdacht, dass sie sich nicht politisch äußern, weil sie fürchten, damit ihre Fanbasis zu riskieren. Gibt es bei Kettcar auch negative Reaktionen?

Es gibt schon Fans, die auf die nächste große Ballade warten. Aber auch für die Fans der ersten Stunden sind die politischen Lieder wichtig, solange sie sie berühren. Und wir sind ja populärer denn je. Komplett unpolitische oder reaktionäre Reaktionen habe ich von unseren Leuten nie erlebt, aber wenn man sich mal die Youtube-Kommentare zu "Sommer 89" durchliest ... da gehen die rechten Vollidioten auf dich drauf.

Ist die Band bei solchen Themen immer auf einer Wellenlänge? Oder schreiben Sie den Song und die Bandkollegen ziehen mit?

Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass ich der einzige Songwriter bin. Auf der neuen EP hat Reimer (Bustorff, Kettcar-Bassist, Anm. d. Red.) sogar mehr Stücke geschrieben als ich. Das macht jeder für sich, dann diskutieren wir noch viel und ändern einiges. Das sind die neuen Kettcar, früher war das ganz anders.

Sie selbst sind im vergangenen Jahr 50 Jahre alt geworden. War das ein Einschnitt für Sie?

Nein, überhaupt nicht. Es ist nur eine Zahl. ich fühle mich heute jünger als vor zehn Jahren. Wenn es einen Einschnitt in meinem Leben gab, war es vor drei Jahren mit 47, als ich aus meinem Soloprojekt herausgekommen bin und mich alt und ausgebrannt gefühlt habe, weil ich da wirklich fast alles alleine gemacht habe von Songs schreiben, Videos machen, Promo, etc. Nach dem Soloalbum haben wir uns mit Kettcar getroffen und uns gefragt: Wollen wir noch mal weitermachen? Und plötzlich habe ich gedacht: Jetzt geht es noch mal ab! Da war ein ziemliches Feuer.  

Zwischenzeitlich waren Sie auch als Solo-Künstler unterwegs, das war aber nur von kurzer Dauer. Ist dieses Projekt beendet?

Ja. Es war für alle wichtig, für mich, für die Band, ich habe Sachen für mich selbst klargekriegt. Es war eine kurze, aber wichtige und gute Erfahrung. Und es ist mit "Der Tag wird kommen" (über Homophobie im Fußball, Anm. d. Red.) ein Song dabei herausgekommen, auf den ich für den Rest meines Lebens stolz sein werde. Ich glaube, auch die Band fand es im Nachhinein gut.

Schließt sich da ein Kreis zu Ihrer Zeit vor Kettcar, als Sie mit Ihrer Band ... But Alive schon sehr politisch aufgetreten sind?

Von außen sieht es für viele so aus – mit dem Unterschied, dass ich jetzt viel reflektierter an die Dinge herangehe. Am Anfang von Kettcar war ich durch mit politischen Songs. Aber der Wunsch, zu zeigen, dass es eine solidarische Gesellschaft gibt, für die es sich lohnt, sich einzusetzen und sie zu verteidigen gegen rechtsgerichtete Kräfte, ist damals und heute gleich. Wir waren mit Kettcar aber immer eine politische Band, wir haben uns außerhalb der Musik immer positioniert – aber es hat sich nicht immer in der Kunst niedergeschlagen.

Hätten Sie das vor 20 Jahren gedacht?

Man muss immer auch den Zeitgeist mitdenken. In diesen verrückten, postfaktischen Zeiten ist man dankbar für jede Stimme der Vernunft. Wir geben unser Bestes, nachvollziehbare Positionen zu beziehen und Songs zu schreiben, die die Leute mitreißen.

Musik-Rätsel: Diese Songs kennt jeder - aber auch den Text?