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Kid Rock: Bräute, Brüste, Bourbon

Der amerikanische Rocker Kid Rock beschwört in seinem Song "All Summer Long" die Magie der sorgenfreien Jugend. Und hat damit den Überraschungshit des Jahres gelandet.

Von Jochen Siemens

In der Euphorie der Jugend scheint immer die Sonne. Und im Rausch, das Leben eben erst angefangen zu haben, ist der Himmel immer blau. Die großen Momente unserer Biografien sind Sommermomente. Die Welt wurde größer, weil wir verreisten. An den Stränden hatten die "blöden Mädchen" auf einmal interessante Bikiniverschlüsse, und keiner vergisst das Gefühl von Wehmut, im September noch Sommersand in der Hosentasche gefunden zu haben. Das Leben war Schule, aber der Sommer war Lebensschule. Der erste Kater, die erste durchfeierte Nacht, der erste Kuss, der erste Herzschmerz; "seine Liebe für den Sommer ist vielleicht das heftigste Gefühl seines Lebens gewesen", schrieb einmal Pier Paolo Pasolini über sich selbst. Und der Sommer 2008? EM-Vize, Kurt Beck, Benzinpreis - klingt wie grauer Himmel.

Aber dann ein Song. Und was für einer. Kommt aus jedem Radio, von null in die Charts geflogen, und ist Sonne aus den Lautsprechern. "All Summer Long" von Kid Rock: "Es war 1989, meine Gedanken waren kurz, mein Haar war lang, ich irgendwo zwischen Junge und Mann. Sie war 17 und schon weit entfernt von irgendwo dazwischen, und es war Sommer in Nord-Michigan …" Das Ganze rau und lässig zu einer Samplemelodie aus den alten Gassenhauern "Sweet Home Alabama" und "Werewolves Of London" gesungen und mit einem Video bebildert, das nicht gerade als feministische Botschaft firmieren kann. Es zeigt die für Kid Rock wichtigen Dinge des Lebens: Bräute, Brüste, Bourbon - und ein schnelles Boot auf einem See.

Großartige Musik hat meist die simpelsten Zutaten: Sie ist rücksichtslos geradlinig und schert sich nicht um Konventionen, sie maßt sich nicht an, die Welt zu retten, sondern geht an den Nerv des kleinen Glücks in uns allen. Ihr Rhythmus kommt aus dem Takt unseres Lebens, wir können mit ihr tanzen oder einfach nur durch die Welt gehen. Und sie kitzelt prägende Erlebnisse wach. "Wir hatten kein Internet, aber Mann, ich werde nie vergessen, wie das Mondlicht auf ihr Haar schien", singt Kid Rock, der damit anscheinend besonders auf deutschen Gefühlen groovt. Denn in keinem anderen Land ist "All Summer Long" so ein Erfolg. Das Album "Rock N Roll Jesus" erschien schon Ende 2007, der Sommersong war darauf einer von zwölf. Aber als die ersten Frühsommertage ins Land zogen, schlich sich der Song über Radio und Internet in die Ohren und schaffte es auf Nummer vier der digitalen Charts. Die Plattenfirma sah das Potenzial und gab Mitte Juni die Single als CD heraus, die seitdem ganz vorn in den Top Ten ist.

Ja, sagt Kid Rock, 37, das gehe doch allen so, "wenn du jung bist und Gras rauchst und mit Frauen spielst, jeder erinnert sich doch, wie geil das war". Die Authentiziät des Rock 'n' Roll verkörpern wenige so wie der Mann, der eigentlich Robert James Ritchie heißt, aus der Nähe der Rock-Stadt Detroit kommt und von den Beastie Boys beeinflusst wurde. Lange Jahre galt Kid als weißes HipHop-Talent und wurde von Plattenfirmen in dieses Genre gedrückt. Er selbst befreite sich schließlich aus dieser Marketing-Zwangsjacke und orientierte sich an den Klassikern des Rock 'n' Roll und deren Helden wie Jerry Lee Lewis. Auf dem Internetportal You Tube kann man sehen, mit welchem gegenseitigen Respekt Lewis und Kid Rock im Studio arbeiten. Als ihn ein Reporter nach seinem Auftritt bei "Rock am Ring" im Juni fragte, warum er auf der Bühne jedes Instrument auch selbst spiele, kam die lakonische Antwort: "Weil ich es kann." Und warum er immer die tollsten Frauen um sich habe? "Weil ich es kann."

Politisch korrekt ist Mr. Rock nicht. Wo andere Kerle bei Frauen noch von schönen Augen reden oder "Ich mag ihr Lachen" säuseln, bringt der Rocker seine Präferenzen auf den Punkt: Titten und Arsch. Da passte es, dass er lange mit Pamela Anderson zusammen war, die er im Sommer 2006 heiratete - und sich nach vier Monaten wieder scheiden ließ, "weil man niemals für möglich halten würde, wie sehr sich eine Frau verändert, sobald man sie geheiratet hat. Ich habe Pamela schon wenige Tage nach der Hochzeit nicht mehr wiedererkannt", war seine knappe Bilanz. Seinen überschaubaren Herzschmerz über die Trennung besang Kid Rock dann in einem für ihn typischen Song "One More Time": "Es wird schwer, so einen Arsch wie deinen noch mal zu finden."

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