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Kolumne: Hilfe, Paula liebt Tokio Hotel!

Jetzt mal unter uns Erwachsenen: Tokio Hotel ist eine Sekte. Die Band hat unsere Kinder kolonialisiert. Sie lieben nicht mehr Mama, Papa, Onkel und Tante sondern Bill und Tom und die anderen Gespenster. So kann ich nicht arbeiten.

Von Lutz Kinkel

"Lutz, das musst Du verstehen: Tokio Hotel ist mein Leben!!!" Nein, ich verstehe es nicht!!! Ich bin gerade 600 Kilometer aus Hamburg angereist, mein Vater und meine Nichte Paula holen mich vom Bahnhof ab, aber sie begrüßt mich nicht. Sondern fabuliert darüber, was sie jetzt tun würde, wenn Tom im Auto vorbeifahren würde. WER ZUM TEUFEL IST TOM?

Paula hat eine Email-Adresse namens "Tokiogirlie". Sie hat zwei Aktenordner, in denen sie Artikel über Tokio Hotel sammelt. Sie kauft jede Woche die "Bravo" und einmal im Monat die "Popcorn". Natürlich hat sie jede CD und jedes Poster der Band, außerdem ein Schulmäppchen mit Tokio Hotel-Logo. Doch das sind nur die äußeren Erkennungszeichen.

"Ist schon passiert"

Ihre Tagebuch-Einträge beginnt sie mit der Zeile "An Tom". Mitunter schreibt sie fiktive Kurzgeschichten über die Band. Sie handeln zum Beispiel davon, dass ihre Mutter unter Tränen gesteht, Paula sei gar nicht ihr leibliches Kind. Sie sei vielmehr die Tochter der Leipziger Familie Kaulitz, genauer gesagt: die Drillings-Schwester von Tom und Bill. Natürlich kommt es im Schlussakt der Story zur großen Familien-Wiedervereinigungs-Party.

WAS IST DAS? Warum verknallt sich ein kluges, junges Mädchen bis über beide Ohren in eine Gespensterkapelle? Der Küchenpsychologe in mir weiß sofort eine Antwort. Er sagt: Tom ist geil, weil Tom nie zu haben ist. Er ist eine Projektionsfläche für ihre Emotionen, die Chance, eine erste Liebe zu erleben, ohne sich mit den Problemen einer ersten Liebe auseinandersetzen zu müssen. "Paula, wenn Du Dich mal in jemanden verliebst, dann ist Tom nicht mehr so wichtig." "Nö. Ist ja schon passiert."

H&M plus X

Also noch mal anders. Der Look von Tokio Hotel kann es nicht sein. Bill Kaulitz sieht aus wie Batman nach einer Starkstrom-Attacke, Tom gibt den verfilzten Skater, Paula hingegen ist eine typische Vertreterin der lässigen Stadtjugend, sie trägt H&M plus X. Ein Schuldkomplex gegenüber Ostdeutschland fällt als Erklärung ebenso aus, wer nach der Wende geboren ist, hält Magdeburg für eine gesamtdeutsche Stadt. Also was nun: vielleicht die Musik?

Egal. Fakt ist: Dieser Fanwahn kostet ein aberwitziges Geld. Und Nerven. Am härtesten trifft es wohl die Jungs in Paulas Klasse: Wer täglich gegen Familie Kaulitz verliert, muss in Depressionen verfallen. Umso heftiger lästern die Klassenkameraden über Tokio Hotel. Letztens, sagt Paula, habe einer gefragt: "Haste Bill bei 'Wetten dass?' gesehen? So eine Schwuchtel. Was für Fingernägel." Natürlich sind solche Sprüche ähnlich hilfreich wie Kühlschränke auf Grönland. Paula sitzt neben vier weiteren Mädchen. Unnötig zu erwähnen, dass sie alle auf Tokio Hotel stehen.

Sag mir eine Textzeile!

Okay, ich muss es Ernst nehmen. Also die Musik. "Die singen deutsch, Lutz", sagt Paula. "Und die sagen genau das, was wir denken." Und was soll das sein? Sag mir eine Textzeile! "Mein Lieblingssong ist 'Freunde bleiben'", sagt Paula und schaut mir fest in die Augen. Dann zitiert sie ihren Lieblingssatz: "Du bist das, was ich nicht sein will. Du bist lieber tot als Bill."

Verdammt, stimmt: Ich wäre lieber tot als Bill. Und Paula will nicht so sein wie ich. Natürlich. Ich habe verstanden.

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