HOME

KONZERT: Kleine Frau ganz groß

Sie setzt nicht auf Äußerlichkeiten, sondern auf ihre Stimme. Davon konnten sich gestern die Zuschauer beim einzigen Deutschlandkonzert von Alanis Morissette überzeugen.

Satte Gitarren, unbändige Energie und eine unverwechselbare Stimme - mehr braucht Alanis Morissette nicht, um ihre Fans live zu begeistern. Bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert während der diesjährigen Sommertournee verzichtete die kanadische Sängerin am Montagabend auf jede Effekthascherei: Ein bisschen Licht und Nebel war schon alles, was sie ihren rund 4500 Fans im Hamburger Stadtpark an optischen Reizen bot. Dafür präsentierte sie Alanis pur. Knapp 90 Minuten lang bot die Alternativ-Rockerin ihre Version von Live-Musik: Ungeschminkt, ehrlich und gefühlvoll.

Kein Silikon-verstärkter Busen wippt den Massen entgegen, keine nur spärlich verhüllten Hüften kreisen im Takt. Stattdessen steht auf der Bühne eine zierliche Frau im roten Schlabberpulli und schwarzer Lederhose, die sich völlig der Musik hingibt; immer wieder rockt sie vor sich hin, wie für sich allein schüttelt sie ihre ellenlangen Haare als wäre es ein Headbanging-Wettbewerb, dreht sich zu den rockigen Rhythmen ihrer fünfköpfigen Band im Kreis und spielt Mundharmonika dazu: geradezu die Antithese zu vielen erfolgreichen Bands dieser Tage, die in Fernsehsendungen zusammengestellt und zielgruppengerecht vermarktet werden.

Alanis Morissette verlässt sich auf ihre eindrucksvolle Stimme, den Sound der Gitarren und die Kraft ihrer Songs, die an diesem Abend rockiger daherkommen als die Studioversionen. Vor allem Lieder von ihrem erfolgreichen 95er Album »Jagged Little Pill« spielt die 27-Jährige für die aus ganz Deutschland angereisten Fans - das Album, das mit 28 Millionen verkauften Exemplaren für sie den weltweiten Erfolg und etliche Grammy-Auszeichnungen brachte.

Zwischen die bekannten, schnellen Stücke wie »You Oughta Know« und »All I Really Want« streut sie nur selten ruhigere Lieder, meist dominieren die Gitarren; eine hängt sie sich ab und zu auch selbst um, auch wenn diese fast etwas zu groß wirkt für die zarte Sängerin. Doch meist läuft Alanis Morissette sowieso wild über die Bühne, bei jedem Song geht sie voll mit.

Doch die schönste Stelle des Abends bringt ausgerechnet der langsamere, fast romantische Song »Thank U« des jüngeren Albums »Supposed Former Infatuation Junkie«. Mit einem leisen Keyboard beginnend steigert sich das Lied in eine unwiderstehliche Rock- Ballade, bei der fast jeder Zuschauer mitklatschen muss. Zum Schluss lässt sie dann ihren wohl bekanntesten Hit »Ironic« aus 4500 Kehlen erschallen und selbst das ist schön und ehrlich.

In Europa ist Alanis Morissette noch zu sehen beim Jazz-Festival in Montreux (11.7.), in Brescia (12.) und Palermo (13.).

Von Patrick T. Neumann, dpa